Watch Dogs 2

Watch Dogs 2 im Test – Hacktivismus mit Stil in San Francisco

Zwei Jahre nach dem kontroversen ersten Teil schickt Ubisoft die Hacker erneut ins Feld. Neuer Held, neue Stadt, neuer Ton – Watch Dogs 2 will alles besser machen. Weg mit dem grimmigen Rächer, her mit dem charismatischen Hacktivist. Hat Ubisoft Montreal die Kritik am ersten Teil beherzigt?

Die Story: DedSec gegen die Überwachung

San Francisco, Gegenwart. Nach den Ereignissen in Chicago hat sich ctOS 2.0 über die USA ausgebreitet. Das Überwachungssystem der Blume Corporation sammelt Daten von jedem Bürger – und nutzt sie für fragwürdige Zwecke.

Marcus Holloway ist ein 24-jähriger Hacker aus Oakland. Sein Problem: ctOS 2.0 hat ihn fälschlicherweise als Kriminellen eingestuft. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Seine Antwort: Er löscht sein Profil aus dem System – und schließt sich dabei der Hackergruppe DedSec an.

DedSec ist keine Verbrecherorganisation, sondern eine Gruppe von Hacktivisten. Ihr Ziel: Die Korruption von Blume aufdecken und die Öffentlichkeit über die Gefahren von ctOS aufklären. Anders als Aiden Pearce im ersten Teil geht es hier nicht um persönliche Rache, sondern um eine größere Sache.

Die Geschichte führt Marcus durch die Schattenseiten des Silicon Valley: Korrupte Politiker, Tech-Konzerne ohne Gewissen, manipulierte Wahlen und ein Geheimprojekt namens „Bellwether“, das Weltfinanzen und Politik steuern soll. Der Hauptantagonist Dušan Nemec, CTOs von Blume, ist ein arroganter Tech-Bro – und ein deutlich interessanterer Bösewicht als die Gangster des ersten Teils.

Die Crew: Endlich Charaktere mit Persönlichkeit

Das Beste an Watch Dogs 2 sind die Charaktere. Marcus Holloway ist das genaue Gegenteil von Aiden Pearce: jung, charismatisch, athletisch und mit echtem Humor gesegnet. Er ist ein Held, den man gerne spielt.

DedSec besteht aus einer bunten Truppe:

  • Sitara Dhawan: Die Künstlerin der Gruppe, verantwortlich für Propaganda und Design. Sie hält das Team zusammen.
  • Wrench: Der Verrückte mit der LED-Maske, die seine Emotionen als Emojis anzeigt. Sprengstofffan und heimlicher Softie. Mein persönlicher Favorit.
  • Josh Sauchak: Das Genie mit Asperger-Syndrom. Sozial unbeholfen, aber brillant am Computer. Seine Szenen gehören zu den emotionalsten des Spiels.
  • Horatio Carlin: Der Insider, der tagsüber bei „Nudle“ (dem Spiel-Äquivalent von Google) arbeitet. Leider zu wenig präsent.
  • Raymond „T-Bone“ Kenney: Der Veteran aus dem ersten Teil kehrt zurück. Älter, weiser, immer noch paranoid.

Die Dynamik zwischen den Charakteren ist großartig. Die Dialoge sind witzig, die Beziehungen glaubwürdig. Man verbringt gerne Zeit mit dieser Crew.

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Gameplay: Mehr Optionen, mehr Kreativität

Watch Dogs 2 baut auf dem Fundament des Vorgängers auf, erweitert aber jeden Aspekt erheblich.

Hacking ist mächtiger denn je. Der neue „NetHack“-Modus färbt die Welt ein und zeigt alle hackbaren Objekte auf einen Blick. Die Möglichkeiten sind enorm:

  • Autos fernsteuern und in Gegner crashen
  • Polizei auf unschuldige NPCs hetzen (moralisch fragwürdig, aber lustig)
  • Gangs gegeneinander aufhetzen
  • Stromkästen, Gabelstapler, Aufzüge manipulieren
  • NPCs ablenken durch gefälschte Anrufe oder SMS

Die wichtigste Neuerung sind Gadgets:

  • RC Jumper: Ein kleines ferngesteuertes Auto, das durch Lüftungsschächte passt und physische Hacks ausführen kann
  • Quadcopter-Drohne: Fliegt über Zäune, späht aus der Luft, kann hacken und sogar Granaten abwerfen

Diese Gadgets revolutionieren das Gameplay. Viele Missionen lassen sich komplett ohne Marcus selbst lösen – nur mit RC Jumper und Drohne. Das ermöglicht echten Stealth ohne Kampf.

Gewaltfrei spielbar – theoretisch

Watch Dogs 2 betont den nicht-tödlichen Ansatz. Marcus startet mit einem Taser statt einer Pistole. Die Gadgets ermöglichen gewaltfreie Lösungen. Das Spiel will, dass man schleicht und hackt statt zu schießen.

Das Problem: Der 3D-Drucker in DedSecs Hauptquartier kann auch Sturmgewehre und Granatwerfer herstellen. Nichts hindert Marcus daran, ein Blutbad anzurichten – was seltsam mit seinem freundlichen Charakter kollidiert. Diese Ludonarrative Dissonanz ist störend. Warum sollte ein Hacktivist, der für Gerechtigkeit kämpft, Sicherheitsleute erschießen?

Am meisten Spaß macht das Spiel, wenn man die Gewalt vermeidet. Die Stealth-Mechanik ist deutlich besser als im Vorgänger.

San Francisco: Die schönste Open World

Die Bay Area ist atemberaubend. Vier Regionen bieten Abwechslung:

  • San Francisco: Die ikonische Stadt mit Golden Gate Bridge, Cable Cars und steilen Straßen
  • Oakland: Marcus‘ Heimat, rauer und authentischer
  • Silicon Valley: Tech-Campus und Firmengelände
  • Marin: Natur, Wälder, das Gegenteil des urbanen Dschungels

Die Welt fühlt sich lebendiger an als Chicago im ersten Teil. NPCs haben mehr Persönlichkeit, die Straßen sind bunter, die Atmosphäre ist entspannter. Das sonnige Kalifornien ist ein willkommener Kontrast zum grauen Chicago.

Parkour wurde stark verbessert. Marcus bewegt sich flüssig wie in Mirror’s Edge – klettern, springen, über Zäune schwingen. Die Navigation macht endlich Spaß.

Fahrzeuge steuern sich besser als im Vorgänger. Nicht perfekt, aber akzeptabel. Motorräder und Boote ergänzen das Arsenal.

Nebenaktivitäten und Progression

Das Progressionssystem basiert auf Followern. Jede abgeschlossene Mission bringt neue Anhänger für DedSec. Mehr Follower bedeuten mehr Rechenleistung durch deren gehackte Smartphones – und damit stärkere Fähigkeiten. Ein cleveres System, das zur Hacker-Thematik passt.

Skill-Kategorien:

  • Vehicle Hacking: Autos fernsteuern
  • Remote Control: Gadget-Upgrades
  • City Disruption: Infrastruktur hacken
  • Social Engineering: NPCs manipulieren
  • Tinkering: Gadget-Verbesserungen
  • Botnets: Hacking-Reichweite erhöhen
  • Marksmanship: Kampffähigkeiten

Nebenaktivitäten sind vielfältiger als zuvor:

  • Driver SF: Als Uber-Fahrer Passagiere chauffieren (Anspielung auf Driver: San Francisco)
  • ScoutX: Selfies an Sehenswürdigkeiten machen
  • Rennen: Motorrad, Auto, Boot, Drohne
  • Hacking-Puzzles: Knotenpunkte verbinden wie in BioShocks Pipe-Minispiel
  • Gangkriege: Fraktionen gegeneinander ausspielen

Die Silicon-Valley-Satire ist köstlich. „Nudle“ (Google), „!NVite“ (ein Social-Media-Konzern) und andere Firmen werden genüsslich parodiert. Selbst Scientology bekommt mit „New Dawn“ sein Fett weg.

Multiplayer: Nahtlos und paranoid

Der Online-Modus kehrt zurück – noch besser integriert:

  • Hacking-Invasionen: Andere Spieler dringen in deine Welt ein
  • Koop: Alle Missionen mit einem Freund spielbar
  • Bounty Hunter: Verursache Chaos, und bis zu drei Spieler jagen dich
  • Free Roam: San Francisco gemeinsam erkunden

Die nahtlose Integration ist beeindruckend. Man kann den Multiplayer aber auch komplett deaktivieren.

Technik: Bunt und stabil

Watch Dogs 2 sieht fantastisch aus – und diesmal gibt es keinen Downgrade-Skandal. Was gezeigt wurde, ist im fertigen Spiel. Die PC-Version erschien zwei Wochen später, damit Ubisoft Zeit für Optimierung hatte. Das Ergebnis: Solide Performance, weniger Bugs als beim Vorgänger.

Die Farbpalette ist deutlich bunter. Sonnenlicht, Nebel über der Bay, Neonreklamen bei Nacht – San Francisco ist ein visuelles Fest.

Umfang

Watch Dogs 2 bietet massiven Content:

  • Kampagne: 20-25 Stunden für die Hauptstory
  • Nebenaktivitäten: 30+ Stunden zusätzlich
  • 100% Completion: 50-60 Stunden
  • Multiplayer: Unbegrenzt

Für Open-World-Fans ein hervorragendes Paket.

Fazit

Watch Dogs 2 ist das Spiel, das der erste Teil hätte sein sollen. Marcus Holloway ist ein charismatischer Held, DedSec eine liebenswerte Crew, San Francisco eine wunderschöne Open World. Das Hacking ist mächtiger, die Gadgets sind genial, die Stealth-Optionen vielfältig.

Die ludonarrative Dissonanz zwischen gewaltfreiem Aktivismus und verfügbaren Waffen stört, aber wer das Spiel so spielt, wie es gemeint ist – mit Taser, RC Jumper und Drohne – erlebt eines der kreativsten Open-World-Spiele der letzten Jahre.

Ubisoft hat die Kritik gehört und geliefert. Watch Dogs 2 ist bunter, witziger und besser in fast jeder Hinsicht. Die Hacker-Fantasie funktioniert endlich.

Hack the Planet!


Bewertung: 8.5/10

Stärken:

  • Marcus Holloway ist ein charismatischer Protagonist
  • DedSec-Crew mit echten Persönlichkeiten
  • RC Jumper und Drohne revolutionieren das Gameplay
  • San Francisco ist wunderschön und lebendig
  • Gewaltfreier Spielstil möglich und belohnt
  • Bessere Parkour-Mechanik
  • Silicon-Valley-Satire ist köstlich
  • Kein Grafik-Downgrade
  • Nahtloser Multiplayer

Schwächen:

  • Ludonarrative Dissonanz (friedlicher Aktivist mit Waffen)
  • Horatio zu wenig präsent
  • Fahrzeug-Handling nur okay
  • Manche Nebenaktivitäten repetitiv
  • Story-Ende etwas abrupt

Technische Daten:

  • Entwickler: Ubisoft Montreal
  • Publisher: Ubisoft
  • Plattformen: PlayStation 4, Xbox One, PC
  • Release: 15. November 2016 (PC: 29. November 2016)
  • Genre: Action-Adventure / Open World / Third-Person-Shooter
  • Setting: San Francisco Bay Area
  • Protagonist: Marcus Holloway
  • Spielzeit: 20-25 Stunden (Story), 50-60 Stunden (Komplett)
  • Altersfreigabe: USK 18

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