Watch Dogs

Watch Dogs im Test – Hacken, Schießen, Chicago unsicher machen

Nach zwei Jahren Wartezeit und einer schmerzhaften Verschiebung ist Watch Dogs endlich da. Ubisoft hat viel versprochen: Eine Revolution des Open-World-Genres, bei der Hacking die Hauptwaffe ist. Hat sich das Warten gelohnt – oder ist der Hype größer als das Spiel?

Die Story: Rache in der Smart City

Chicago, irgendwann in naher Zukunft. Die gesamte Stadt wird vom Central Operating System (ctOS) gesteuert – ein vernetztes Überwachungssystem, das Ampeln, Brücken, Kameras und sogar die persönlichen Daten aller Bürger kontrolliert. Willkommen in der Smart City.

Aiden Pearce ist ein Grey-Hat-Hacker und „Fixer“ – ein Mann, der für Geld Probleme löst, meist mit illegalen Mitteln. Bei einem Hack im Merlaut Hotel läuft etwas schief. Aiden und sein Partner Damien Brenks werden entdeckt. Die Folge: Ein Mordauftrag. Der Killer verfehlt Aiden, trifft aber seine sechsjährige Nichte Lena. Sie stirbt.

Von diesem Moment an ist Aiden besessen von Rache. Mit seinem modifizierten Smartphone und vollem Zugriff auf ctOS macht er sich auf die Suche nach den Verantwortlichen. Der Weg führt ihn durch Chicagos Unterwelt, zu Gangbossen, korrupten Politikern und einem Geheimnis, das größer ist als erwartet.

Die Story ist solide, aber nicht überragend. Aiden Pearce ist als Protagonist etwas blass – sein ständiger Trenchcoat und die monotone Stimme machen ihn zum typischen „grimmigen Rächer“ ohne viel Tiefe. Interessanter sind die Nebenfiguren: Clara Lille, die mysteriöse Hackerin; T-Bone Grady, der exzentrische Erfinder von ctOS; und Jordi Chin, der moralisch flexible Fixer. Sie bringen Leben in eine ansonsten durchschnittliche Rachegeschichte.

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Gameplay: Hacken als Kernmechanik

Watch Dogs‘ größte Innovation ist das Hacking. Mit einem Knopfdruck kann Aiden in über 70 verschiedene Systeme eingreifen:

  • Ampeln auf Rot schalten, um Verfolger zu crashen
  • Brücken hochfahren während einer Verfolgungsjagd
  • Dampfrohre explodieren lassen, um Gegner auszuschalten
  • Kameras anzapfen und durch die Augen der Stadt sehen
  • Handys hacken, um Gespräche abzuhören oder Bankkonten zu leeren
  • Stromkästen überladen für taktische Ablenkungen
  • Blackouts auslösen, um im Dunkeln zu entkommen

Das Hacking ist intuitiv und macht Spaß. In Verfolgungsjagden fühlt man sich wie ein digitaler Zauberer, der die Stadt gegen seine Feinde wendet. Eine Polizeijagd? Brücke hoch, Verfolger stürzen in den Fluss. Zu viele Gegner? Blackout, dann im Chaos verschwinden. Die Möglichkeiten sind kreativ und belohnend.

Der Profiler scannt automatisch jeden Passanten in der Nähe und zeigt deren Namen, Beruf, Einkommen und manchmal pikante Details. „Besucht Swingerclubs“, „Hat Schulden bei der Mafia“, „Krebsdiagnose erhalten“ – die Stadt fühlt sich lebendig an, wenn jeder NPC eine kleine Geschichte hat. Manche tragen hackbare Bankcodes, andere führen zu Nebenmissionen.

Kampf und Schleichen

Neben dem Hacking bietet Watch Dogs klassische Third-Person-Action. Das Waffenarsenal umfasst Pistolen, Sturmgewehre, Schrotflinten, Scharfschützengewehre und mehr. Der Kampf funktioniert solide, aber nicht spektakulär – Deckungssystem, Zielen, Schießen. Das kennt man.

Interessanter ist die Kombination aus Hacking und Schleichen. Vor einem Angriff kann Aiden Kameras hacken, die gesamte Anlage auskundschaften, Gegner markieren und Fallen vorbereiten. Dann: Ein Stromkasten explodiert, lenkt die Wachen ab, Aiden schleicht vorbei – oder schaltet sie leise aus. Die Stealth-Mechanik ist nicht so ausgefeilt wie in Assassin’s Creed, aber funktioniert.

Der Focus-Modus verlangsamt die Zeit und erlaubt präzise Schüsse oder schnelle Hacks. Eine Art Bullet-Time für Hacker. Er ist mächtig, aber begrenzt – man muss ihn taktisch einsetzen.

Die Open World: Chicago lebt

Chicago ist beeindruckend groß und detailliert. Sechs Bezirke mit unterschiedlichem Charakter: Das urbane The Loop, das gefährliche The Wards, das ländliche Pawnee, die Vorstädte, die Docks. Die Stadt fühlt sich lebendig an – NPCs führen Gespräche, reagieren auf Verbrechen, rufen die Polizei.

ctOS-Türme müssen gehackt werden, um neue Gebiete freizuschalten – ja, das kennt man von Ubisofts anderen Spielen. Aber immerhin sind die Türme keine Kletter-Rätsel, sondern kleine Hacking-Puzzles.

Nebenaktivitäten gibt es massenhaft:

  • Verbrechensvorbeugung: Der Profiler meldet potenzielle Verbrechen. Interveniere und werde zum Vigilanten.
  • Gangverstecke: Infiltriere feindliche Basen und schalte Anführer aus.
  • Konvoiüberfälle: Stoppe feindliche Transporte.
  • Fixer-Aufträge: Verschiedene Jobs von NPCs.
  • Sammelbares: Audio-Logs, QR-Codes, Hotspots.
  • Minispiele: Poker, Schach, Trinkspiele, Shell-Game.

Das Problem: Die Masse an Content fühlt sich manchmal nach Beschäftigungstherapie an. Nicht alles ist gleich interessant.

Fahrzeuge und Verfolgungsjagden

Die Fahrzeuge in Watch Dogs sind… gewöhnungsbedürftig. Das Handling ist schwammig, Autos fühlen sich zu leicht an, Motorräder sind besser, aber immer noch weit von perfekt. GTA V macht das deutlich besser.

Dafür sind die Verfolgungsjagden durch das Hacking spektakulär. Eine Polizeijagd wird zum Puzzle: Welche Ampel schalte ich rot? Wann fahre ich die Brücke hoch? Wo kann ich einen Blackout auslösen? Die Stadt ist deine Waffe – und das macht die mittelmäßige Fahrphysik etwas erträglicher.

Multiplayer: Nahtlos und paranoid

Der Online-Modus ist clever integriert. Andere Spieler können in deine Welt „eindringen“ und versuchen, dich zu hacken. Du merkst es erst, wenn der Hack beginnt – dann musst du den Eindringling finden und ausschalten, bevor er fertig ist. Das ist paranoid machend. Jeder NPC könnte ein anderer Spieler sein.

Weitere Modi:

  • Online-Rennen: Bis zu acht Spieler rasen durch Chicago.
  • Free Roam: Entspanntes Erkunden mit Freunden.
  • Decryption: Teams kämpfen um Datenpakete.
  • Companion-App: Tablet-Spieler können als „Überwacher“ eingreifen.

Die nahtlose Integration ist beeindruckend. Man kann den Multiplayer aber auch komplett deaktivieren.

Grafik: Das Elefanten-Thema

Reden wir über den Elefanten im Raum: Die Grafik-Kontroverse. Watch Dogs wurde 2012 auf der E3 enthüllt und sah atemberaubend aus. Das finale Spiel… sieht anders aus. Weniger detailliert, flachere Beleuchtung, weniger NPCs auf der Straße. Ubisoft Montreal hat die Grafik für die finale Version heruntergeschraubt.

Das ist enttäuschend, aber das Spiel sieht trotzdem gut aus – besonders auf PS4 und High-End-PCs. Die Nachtszenen mit Regen und Neonlichtern sind atmosphärisch. Aber die Erwartungen nach dem E3-Trailer von 2012 waren höher.

Die Disrupt-Engine wurde speziell für Watch Dogs entwickelt. Sie ermöglicht die nahtlose Multiplayer-Integration und das umfangreiche Hacking-System. Performance-Probleme auf dem PC sind aber ein Thema – hier muss Ubisoft nachpatchen.

Umfang

Watch Dogs bietet viel Spielzeit:

  • Kampagne: 15-20 Stunden für die Hauptstory
  • Nebenaktivitäten: 20-30 Stunden zusätzlich
  • 100% Completion: 40-50 Stunden
  • Multiplayer: Unbegrenzt

Für Open-World-Verhältnisse ein solider Umfang.

Fazit

Watch Dogs ist ein gutes Spiel – aber kein großartiges. Die Hacking-Mechanik ist innovativ und macht Spaß. Chicago ist eine lebendige Open World mit viel zu tun. Die Story ist solide, die Technik okay.

Aber: Das Fahren ist schwach, Aiden Pearce ist als Protagonist blass, und die Grafik-Kontroverse hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Watch Dogs erreicht nicht die Höhen von GTA V, aber es muss sich auch nicht verstecken.

Wer Open-World-Spiele mag und mal etwas anderes als reines Schießen will, bekommt hier eine interessante Alternative. Die Idee, eine ganze Stadt zu hacken, hat Potenzial – für einen möglichen zweiten Teil gibt es viel Luft nach oben.

Chicago wartet. Die Frage ist: Wer kontrolliert wen?


Bewertung: 8.2/10

Stärken:

  • Innovatives Hacking-System
  • Lebendige Open World mit vielen NPCs
  • Profiler macht jeden Bürger interessant
  • Kreative Verfolgungsjagden
  • Nahtloser Multiplayer
  • Atmosphärische Nachtszenen
  • Viel Content

Schwächen:

  • Schwammiges Fahrzeug-Handling
  • Aiden Pearce ist ein blasser Protagonist
  • Grafik unter E3-Erwartungen
  • Performance-Probleme auf PC
  • Nicht alle Nebenaktivitäten gleich interessant
  • Story ohne Überraschungen

Technische Daten:

  • Entwickler: Ubisoft Montreal
  • Publisher: Ubisoft
  • Plattformen: PC, PlayStation 4, PlayStation 3, Xbox One, Xbox 360, Wii U
  • Release: 27. Mai 2014 (Wii U: 18. November 2014)
  • Genre: Action-Adventure / Open World / Third-Person-Shooter
  • Engine: Disrupt
  • Setting: Chicago (nahe Zukunft)
  • Protagonist: Aiden Pearce
  • Spielzeit: 15-20 Stunden (Story), 40-50 Stunden (Komplett)
  • Altersfreigabe: USK 18

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