Kaum ein Begriff taucht in Gaming-Kreisen so häufig auf wie „XCOM-like“. Sobald ein neues rundenbasiertes Taktikspiel erscheint, dauert es keine 24 Stunden, bis der Vergleich kommt. Doch was steckt eigentlich dahinter? Was hat XCOM zu diesem Genre-Maßstab gemacht – und was muss ein Spiel bieten, um diesen Vergleich zu verdienen?
In diesem Artikel nehmen wir die gesamte Geschichte der Serie auseinander, erklären die DNA des Genres und stellen dir aktuelle Spiele vor, die den XCOM-Geist weiterführen – von treuen Hommagen bis zu kreativen Neuinterpretationen.
Die Geschichte von XCOM – vom UFO-Abwehrnetz zur globalen Ikone
1994: UFO – Enemy Unknown legt den Grundstein
Alles beginnt 1994 mit UFO: Enemy Unknown (in Nordamerika als X-COM: UFO Defense erschienen), entwickelt von Julian Gollop und Mythos Games. Das Konzept ist täuschend einfach: Eine geheime Weltorganisation – XCOM – soll die Erde vor einer außerirdischen Invasion schützen. Der Spieler übernimmt die Leitung. Was folgt, ist eines der tiefgründigsten Taktikspiele seiner Zeit.
Die Besonderheit: Das Spiel funktioniert auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen. Auf der Strategieebene verwaltest du Basen, Forschung, Budgets und Satelliten. Auf der Taktikebene führst du kleine Trupps auf prozedural generierten Einsatzkarten in rundenbasierten Gefechten. Jeder Soldat, den du verlierst, ist dauerhaft tot – Permadeath im Herzen der Spielstruktur. Das Spiel war komplex, fordernd und ungnädig – und genau das machte es unsterblich.
1995: Terror from the Deep – XCOM taucht ab
Nur ein Jahr später erschien Terror from the Deep – und verlegte das gesamte Geschehen unter Wasser. Die Prämisse: Die Aliens, von XCOM im ersten Teil besiegt, hatten einen Schlafmodus aktiviert. Ihre Kreaturen erwachen tief in den Ozeanen, und XCOM muss jetzt mit U-Booten und Tauchanzügen kämpfen statt mit Jets und Fallschirmsoldaten.
Terror from the Deep ist im Wesentlichen ein Reskin des Originals – gleiche Engine, sehr ähnliche Mechaniken – wurde aber von vielen Fans als noch schwieriger und gnadenloser empfunden. Das Unterwasser-Setting blieb ein einmaliger Ausreißer in der gesamten Serie. Kein nachfolgender Teil kehrte zu dieser Idee zurück. Aquatische Kreaturen wie Tentaculats und Lobster Men erlangten dennoch Kultstatus.
💡 Die Unterwasser-DNA von Terror from the Deep hat sich nie in die moderneren Titel übertragen. Das Firaxis-Reboot kehrte bewusst zum klassischen Alien-Invasions-Setting zurück.
1996–2011: Die langen Jahre der Funkstille
Nach Apocalypse (1997), das die Serie in eine futuristische Megacity verlegte, verschwand X-COM weitgehend aus dem öffentlichen Gaming-Bewusstsein. Ein geplanter Shooter-Ableger wurde immer wieder angekündigt und verschoben. Das Genre selbst trat auf der Stelle.
2012: Das Firaxis-Reboot – und warum es alles verändert hat
2012 erschien XCOM: Enemy Unknown von Firaxis Games – der Name war bewusst gewählt: Er ehrte das Original, ohne es zu kopieren. Firaxis entwickelte kein direktes Sequel, sondern ein konzeptionelles Remake: dieselbe Grundidee, radikal modernisiert.
Das Reboot vereinfachte die Strategieebene auf eine einzige Basis, reduzierte die Taktikgefechte auf kleinere Teams und führte ein neues Deckungssystem ein. Viele der knochentrockenen Simulationsaspekte des Originals – detailliertes Inventar, Nachtsicht-Equipment, Ammo-Tracking – wurden zugunsten von Zugänglichkeit gestrichen. Diesen Balanceakt hat Firaxis bemerkenswert gut gemeistert.
Für Fans des Originals, die die volle Komplexität des 1994er-Klassikers vermissten, entstanden parallel Projekte wie Xenonauts – mehr dazu weiter unten.
2016 folgte XCOM 2 – in unserem Test 9/10. Es führte die Geschichte konsequent weiter, diesmal als Widerstandskampf gegen eine bereits besetzte Erde. Mit der Erweiterung War of the Chosen erreichte die Serie ihren spielerischen Höhepunkt und gilt bis heute als Referenzwerk des Genres.
Die DNA eines XCOM-likes – das steckt im Begriff
Was macht ein Spiel zum XCOM-like? Das Genre-Label ist weicher als etwa Soulslike oder Soulslite – es gibt keinen absoluten Kriterienkatalog. Aber es gibt einen Kern, der in quasi allen XCOM-likes erkennbar ist:
1. Rundenbasierte Taktik auf einem Gitter — Einheiten agieren in Zügen, bewegen sich auf einem Gitter und können eine begrenzte Anzahl von Aktionen pro Runde ausführen. Kein Echtzeit-Stress – jede Entscheidung hat Zeit und Gewicht.
2. Permadeath oder spürbare Konsequenzen — Soldaten, die sterben, bleiben tot. Das erzeugt emotionale Bindung und echte Spannung. Verwandte Konzepte findest du auch im Roguelite-Genre – XCOM teilt diese Philosophie, auch wenn die Mechaniken unterschiedlich implementiert sind.
3. Zwei Spielebenen: Strategie und Taktik — Basismanagement und Ressourcen auf der einen, das eigentliche Gefecht auf der anderen. Beide bedingen sich gegenseitig – wer in der Strategie spart, leidet in der Taktik.
4. Prozedualität und Zufall — Karten werden oft prozedural generiert, Missionen variieren, und Trefferwürfel sorgen für Wiederspielbarkeit. Der berüchtigte „90%-Schuss daneben“-Moment ist Kult – und Fluch zugleich.
5. Overwatch-Mechanik — Einheiten gehen in Bereitschaftsstellung und feuern automatisch auf sich bewegende Feinde. So eng mit XCOM verknüpft, dass sie zum Erkennungszeichen des Genres geworden ist.
6. Kleines, individuelles Team statt Massenarmee — XCOM-likes funktionieren mit einer Handvoll Charaktere, nicht mit Hunderten. Das fördert emotionale Bindung – wenn Sergeant Ruhland nach 20 Stunden im Endkampf fällt, schmerzt das wirklich.
Der Begriff „XCOM-like“ funktioniert strukturell ähnlich wie „Soulslike“ – ein Spieletitel wird zur Genre-Beschreibung. Der wesentliche Unterschied: Soulslike definiert sich stärker über Stil und Atmosphäre, XCOM-like über konkrete mechanische Säulen.
Bekannte XCOM-likes – diese Spiele tragen die Fackel weiter
Phoenix Point (2019)
Der direkteste Erbe stammt vom Original-Schöpfer selbst: Julian Gollop kehrte mit Phoenix Point zur Grundidee zurück. Feinde mutieren im Laufe des Spiels, angepasst an deine Taktiken – und statt Zufallstreffern gibt es manuelles Zielen. Ein ambitionierter, wenn auch unebener XCOM-Nachfolger.
Into the Breach (2018)
Von den Machern von FTL: Into the Breach ist der puristische Gegenentwurf – keine Zufallstreffer, keine Ressourcenverwaltung, kein Basenbau. Drei Mechs, kleine Karten, vollständige Informationstransparenz. Jeder Zug ist ein Puzzle. Wer klassisches XCOM für zu glückslastig hält, findet hier das taktische Gegengift.
Achtung! Cthulhu Tactics (2018)
Ein ausgesprochener Geheimtipp – und einer, der die XCOM-Formel in ein einzigartiges Setting überträgt: den Zweiten Weltkrieg, vermischt mit dem kosmischen Horror H.P. Lovecrafts. Okkulte Nazis, tentakelgesichtige Wesen aus anderen Dimensionen, alliierte Spezialkräfte – die Grundlage bildet das Achtung! Cthulhu Pen & Paper-Rollenspiel von Modiphius Entertainment.
Als Budget-Titel hat Achtung! Cthulhu Tactics klare Grenzen: Das verschenkte Potenzial des fantastischen Settings schmerzt, und technisch ist der Titel nicht mit großen Produktionen vergleichbar. Aber für Fans von Lovecraft und rundenbasierter Taktik ist es ein charmantes B-Movie unter den XCOM-likes – mit echtem Reiz trotz offensichtlicher Schwächen. In unserem Test 6,5/10.
Gears Tactics (2020)
Microsoft und The Coalition übernahmen das XCOM-Rezept und setzten es ins Gears of War-Universum um. Spektakuläre Inszenierung, schnelle Action, ein großzügigeres Aktionspunkt-System. Etwas weniger Strategie-Tiefe als XCOM – aber als Einstieg ins Genre ideal, besonders für Spieler die Action stärker gewichten als Verwaltung.
Marvel’s Midnight Suns (2022)
Ebenfalls von Firaxis – und gleichzeitig die radikalste Abkehr vom XCOM-Rezept: Midnight Suns ersetzt Trefferwürfel durch ein Kartenspiel-System. Kein klassisches XCOM-like, aber deutlich von der DNA beeinflusst. Zwischen den Missionen pflegt man Beziehungen zu Marvel-Charakteren. Kommerziell leider ein Misserfolg, der für Firaxis schwerwiegende Konsequenzen hatte.
BATTLETECH (2018)
Von Harebrained Schemes: Das XCOM-Konzept trifft auf das klassische Brettspiel-Universum. Riesige Mechs statt menschlicher Soldaten, komplexe Waffensysteme, Hitzeverwaltung als taktische Variable. Für Fans von XCOM-Tiefe mit Mech-Flair ein absolutes Pflichtspiel.
Mutant Year Zero: Road to Eden (2018)
Postapokalyptische Tiermutanten, eine Oberwelt die in Echtzeit erkundet wird – und Kämpfe, die erst beginnen wenn man sie aktiv anstößt. Das ermöglicht echte Stealth-Taktik: Gegner einzeln aus dem Schlaf herauspicken, bevor der große Kampf beginnt. Einer der kreativsten XCOM-likes des letzten Jahrzehnts.
Xenonauts & Xenonauts 2 (2014 / Early Access 2023)
Für die Hardcore-Fraktion: Xenonauts ist eine direkte Hommage an UFO: Enemy Unknown – mit der gesamten Komplexität und Kompromisslosigkeit des 1994er-Klassikers. Kein Firaxis-Zugänglichkeitskompromiss, kein Hollywood-Flair. Wer das Original liebte und das Reboot als zu weich empfand, ist hier zuhause.
Mario + Rabbids: Kingdom Battle & Sparks of Hope (2017/2022)
Der unwahrscheinlichste XCOM-like ever: Nintendo-Universum trifft XCOM-Mechaniken. Die bunt-cartoonige Fassade verbirgt echte taktische Tiefe. Hervorragende Einstiegspunkte für Genre-Neulinge.
Phantom Brigade (2023)
Phantom Brigade kombiniert XCOM-Struktur mit einem faszinierenden Zeitmanipulations-System: Bevor ein Zug ausgeführt wird, planst du die Aktionen deiner Mechs auf einer Zeitachse – und siehst gleichzeitig die geplanten Bewegungen des Gegners. Das Ziel ist es, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Kein anderes Spiel im Genre fühlt sich so an wie ein taktisches Schachspiel in Zeitlupe. Für alle, die XCOM lieben, aber Lust auf eine völlig andere Taktik-Sprache haben.
The Lamplighters League (2023)
Harebrained Schemes – bekannt für BATTLETECH – versuchte sich hier an einem XCOM-like im Pulp-Abenteuer-Flair der 1930er Jahre. Die interessanteste Idee: Vor jedem Taktikkampf gibt es eine Echtzeit-Stealth-Phase, in der du Gegner positionieren und Fallen legen kannst, bevor der rundenbasierte Modus beginnt. Leider war dem Spiel kein kommerzieller Erfolg vergönnt – was zu Entlassungen im Studio führte. Spielerisch ist es dennoch ein lohnenswertes Experiment für alle, die das Genre in ungewöhnlichem Gewand erleben wollen.
XCOM-like heute – und warum XCOM 3 wohl nicht kommen wird
Das Genre lebt und wächst. Indie-Projekte wie Tactical Breach Wizards oder Capes zeigen, dass die XCOM-Formel noch immer frische Ideen anzieht.
Allerdings hat die Serie selbst ein Problem: Wie wir in unserem Artikel „XCOM 3: Warum es wahrscheinlich nie erscheinen wird“ ausführlich analysiert haben, sieht es für einen dritten Firaxis-Teil düster aus. Jake Solomon – das kreative Mastermind hinter dem Reboot – hat Firaxis verlassen, sein eigenes Studio ist gescheitert, und das Studio selbst befindet sich im Umbruch. Fast zehn Jahre nach XCOM 2 ohne Ankündigung sprechen eine deutliche Sprache.
Das ist keine gute Nachricht für Fans. Aber es ist vielleicht eine Chance für das Genre insgesamt: Wenn Firaxis XCOM nicht mehr vorantreibt, wächst der Raum für andere Entwickler, die XCOM-DNA in neue Richtungen zu führen.
Fazit: XCOM ist mehr als ein Spiel – es ist ein Maßstab
Wenige Spielserien haben das Privileg, Namensgeber eines ganzen Genres zu werden. XCOM hat es geschafft – weil das originale Konzept von 1994 eine taktische Tiefe und emotionale Bindung erzeugte, die bis heute schwer zu übertreffen ist, und weil Firaxis 2012 bewies, dass diese Ideen auch ein modernes Massenpublikum begeistern können.
Das Unterwasser-Abenteuer von Terror from the Deep, die komplexe Simulation des Originals, die Zugänglichkeit des Reboots, der Horror-WW2-Mix von Achtung! Cthulhu Tactics – all das ist Teil einer DNA, die sich heute in Dutzenden von Spielen wiederfindet. Wer ein XCOM-like sucht, hat die Qual der Wahl.
Was ist ein XCOM-like? Ein XCOM-like ist ein rundenbasiertes Taktikspiel, das die Kernmechaniken der XCOM-Serie aufgreift: Permadeath, eine Strategie- und eine Taktikebene, Overwatch-Mechaniken und prozedurale Zufallselemente.
Was sind die besten XCOM-like Spiele? XCOM 2: War of the Chosen, Into the Breach, Phoenix Point, Gears Tactics, BATTLETECH, Mutant Year Zero: Road to Eden, Achtung! Cthulhu Tactics sowie Mario + Rabbids: Kingdom Battle.
Wer hat XCOM erfunden? Das originale UFO: Enemy Unknown wurde 1994 von Julian Gollop und Mythos Games entwickelt. Das Reboot XCOM: Enemy Unknown (2012) stammt von Firaxis Games unter Leitung von Jake Solomon.
Was ist der Unterschied zwischen XCOM und einem XCOM-like? XCOM ist die konkrete Spieleserie von Firaxis. Ein XCOM-like ist ein Spiel anderer Entwickler, das die charakteristischen Mechaniken des Genres übernimmt.
Das könnte dich auch interessieren:
