Mitte Januar 2026 machte OpenAI es offiziell: ChatGPT bekommt Werbung. Zunächst nur in den USA, zunächst nur für Nutzer ohne Abo sowie für Abonnenten des neuen Einsteigertarifs ChatGPT Go (8 Dollar im Monat). Die Anzeigen sollen am Ende von Antworten erscheinen, wenn ein beworbenes Produkt zur jeweiligen Anfrage passt – und laut OpenAI klar als Werbung gekennzeichnet sein, ohne die Antworten inhaltlich zu beeinflussen. Werbetreibende sollen keinen Zugriff auf Chat-Verläufe erhalten.
Das klingt nach einem gut durchdachten Kompromiss. Nur: Genauso haben Google, Meta und WhatsApp ihre Werbemodelle auch einmal angekündigt.
Enshittification: Ein Begriff erklärt eine Entwicklung
Der Journalist und Autor Cory Doctorow hat für dieses Muster einen treffenden Begriff geprägt: Enshittification. Gemeint ist der typische Lebenszyklus digitaler Plattformen: Zuerst werden Nutzer mit einem kostenlosen, hochwertigen Angebot gewonnen. Sobald sie abhängig sind, wird das Angebot schrittweise schlechter – zugunsten von Werbekunden und Investoren. Spotify überschwemmt die App mit Podcasts, die niemand bestellt hat. Amazon Prime zeigt Werbung trotz bezahltem Abo. Lieferando listet fragwürdige Geisterrestaurants. Das Muster ist immer dasselbe.
Jetzt scheint die KI dran zu sein. Dabei ist es noch nicht lange her, dass OpenAI-Chef Sam Altman Werbung in KI-Anwendungen als „einzigartig beunruhigend“ bezeichnete – und als „letzten Ausweg“. Dieser Ausweg wird nun beschritten, während OpenAI wöchentlich über 800 Millionen Nutzer verzeichnet, aber laut Berichten weiterhin massive Verluste einfährt und bis zu einer Billion Dollar in den Infrastrukturausbau investieren will.
Anthropic nutzte den Super Bowl für eine öffentliche Spitze
Dass ausgerechnet Anthropic – Hersteller des KI-Assistenten Claude und gegründet von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern – die Situation für eine öffentliche Abrechnung nutzte, sorgte für Aufsehen. In Werbespots beim Super Bowl 2026 führten die Claude-Macher das Konzept, Werbung in KI-Chats einzubauen, bewusst ad absurdum: Ein Werkzeug für Beratung, Produktivität oder Code wird, so das Argument, durch Werbeinteressen von Drittanbietern schnell zu etwas anderem. Dass ein direkter Konkurrent das eigene Produkt beim größten Werbeereignis des Jahres durch den Kakao zieht, ist in der Tech-Branche ungewöhnlich – und dürfte OpenAI nicht gefallen haben.
Was bedeutet das für Nutzer?
Vorerst ist die Reichweite der Änderungen begrenzt: Zahlende ChatGPT-Plus-Abonnenten bleiben von Werbung verschont. Werbung bei Themen wie Gesundheit oder Politik soll laut OpenAI ausgeschlossen bleiben, Unter-18-Jährige ebenfalls keine Anzeigen sehen. Wie verlässlich diese Versprechen langfristig eingehalten werden, bleibt abzuwarten – zumal OpenAI bereits Werbefachleute von Google und Meta angeworben haben soll und für 2027 allein mit Werbeumsätzen von rund zehn Milliarden Dollar rechnet.
Für Nutzer, die KI-Tools täglich einsetzen – auch im Gaming-Bereich, etwa für Build-Guides, Lore-Recherchen oder Streaming-Planung – ist die Entwicklung ein erstes sichtbares Signal, dass die Ära der werbefreien KI-Assistenten ihrem Ende entgegengeht.


