Acht Jahre Wartezeit. Acht Jahre Trailer, Versprechen, Verschiebungen und eine Hype-Maschine, die sich irgendwann selbst zu einem Problem geworden ist. Als Cyberpunk 2077 am 10. Dezember 2020 endlich erscheint, sitze ich mit dem fertigen Spiel vor mir und merke sofort: Das hier ist kein normales Review. Night City ist eine der beeindruckendsten Spielwelten, die ich je gesehen habe. Und gleichzeitig ist Cyberpunk 2077 eines der kaputtest ausgelieferten Spiele, das ein großes Studio je veröffentlicht hat. Beides ist wahr. Beides muss gesagt werden.
CD Projekt Red hat mit The Witcher 3 bewiesen, dass sie Geschichten erzählen können wie kaum ein anderes Studio. Dieses Versprechen löst Cyberpunk 2077 in Teilen ein — und scheitert in anderen so spektakulär, dass man nicht wegsehen kann.

Night City — Eine Welt, die atemberaubt und erdrückt
Wer zum ersten Mal aus dem Fahrzeug steigt und Night City in seiner vollen Pracht vor sich hat, bleibt kurz einfach stehen. Die Stadt ist ein visuelles Meisterwerk. Sechs Distrikte, jeder mit einer eigenen Persönlichkeit: Das luxuriöse Corpo Plaza, das chaotische Watson, das neongetränkte Japantown, die brutalen Badlands rund um die Stadt. Überall leuchten Reklametafeln, Clubs pumpen Bass auf die Straße, Megakonzerne kleben ihre Logos auf jeden Quadratmeter. Night City fühlt sich wie eine offene Welt an, die nie schläft — und nie aufhört, einen anzuschreien.
Was die Stadt weniger schafft, ist echtes Leben. NPCs laufen ihre festen Pfade ab, reagieren auf Vs Anwesenheit kaum, wiederholen sich in Sprache und Routine. Man sieht eine beeindruckende Kulisse, aber keinen lebendigen Organismus. GTA V hatte eine lebendigere Bevölkerung — und das ist aus 2013. Das tut weh, wenn man bedenkt, was versprochen wurde. Night City ist phänomenal anzusehen. Zu bewohnen ist sie eine andere Frage.
V, Johnny Silverhand und eine Geschichte mit echtem Herz
Das stärkste Argument für Cyberpunk 2077 ist seine Geschichte. V, der Söldner auf dem Weg zur Legende, und Johnny Silverhand, eine verstorbene Rockerboy-Ikone, die als digitaler Geist in Vs Kopf feststeckt — diese Kombination funktioniert außergewöhnlich gut. Die Dynamik zwischen beiden trägt das Spiel, gibt ihm Tiefe und persönliche Dringlichkeit. Wer sich auf die Hauptstory einlässt, erlebt 30 bis 40 Stunden intensives Erzählkino.
Auch die Nebenquests gehören zum Besten, was das RPG-Genre zu bieten hat. Keine generischen Fetch-Quests, sondern miniaturisierte Charakterstudien, moralische Graubereiche, Entscheidungen die sich anfühlen als würden sie etwas bedeuten. Hier merkt man die DNA von The Witcher 3 — die Fähigkeit, selbst kleinen Geschichten echtes Gewicht zu geben. Schade, dass die drei Lebenswege — Nomad, Street Kid, Corpo — nach dem Prolog kaum noch eine Rolle spielen. Was als prägendes Charaktermerkmal versprochen wurde, reduziert sich auf ein paar Dialogoptionen. Eine vertane Chance.
Gameplay: Freiheit auf dem Papier, Frust in der Praxis
Das Spielgefühl selbst ist durchwachsen. Das Skillsystem mit seinen fünf Attributen und verzweigten Perk-Bäumen bietet auf dem Papier enorme Baufreiheit: Wer auf Hacking setzt, infiltriert Systeme lautlos und übernimmt Gegner. Wer auf Stärke und Nahkampf baut, stapft durch Türen und verteilt Mantis-Klingen. Wer Schusswaffen bevorzugt, nutzt Smart-Weapons mit Zielhilfe oder klassische Pistolen. Diese Flexibilität macht Spaß — wenn die Systeme funktionieren.
Das Fahren ist ein echtes Problem. Fahrzeuge fühlen sich schwebend und ohne Gewicht an, Kurven nehmen sich wie auf Eis, das Bremsen ist unberechenbar. Für ein Spiel, in dem man so viel Zeit in Autos verbringt, ist das ein spürbarer Dämpfer. Auch das Polizeisystem ist eine Enttäuschung: Cops spawnen direkt hinter einem wie aus dem Nichts, verfolgen V nicht mit Fahrzeugen, und das gesamte Wanted-System fühlt sich halbgar an. Wer GTA-ähnliche Eskalationen erwartet, wird enttäuscht.
PC vs. Old-Gen — Zwei völlig verschiedene Spiele
Auf dem PC — mit ausreichend Hardware — ist Cyberpunk 2077 ein technisches Spektakel. Ray Tracing bringt Night City zum Leuchten, 60 Bilder pro Sekunde machen Kämpfe reaktiv und flüssig, und die meisten Bugs sind ärgerlich, aber keine Showstopper. Man kann das Spiel genießen. Es gibt Abstürze, es gibt merkwürdige KI-Momente, es gibt Questbugs — aber man kommt durch.
Auf PlayStation 4 und Xbox One ist das eine andere Geschichte. Eine katastrophale. Framerates brechen in dichten Stadtgebieten regelmäßig ein, Texturen laden mit Verzögerung oder gar nicht, NPCs poppen aus dem Nichts, und Abstürze sind keine Ausnahme sondern Alltag. Sony hat Cyberpunk 2077 inzwischen sogar mit einem Warnhinweis im PlayStation Store versehen. Was auf den alten Konsolen ausgeliefert wurde, hätte so nicht erscheinen dürfen. Es ist spielbar — irgendwie. Empfehlenswert ist es nicht.
Bugs, Versprechen und offene Rechnungen
Die Bug-Liste ist lang und breit bekannt. T-posende NPCs, verschwindende Fahrzeuge, Quests die sich aufhängen, Dialoge die über Figuren sprechen als wären sie noch am Leben obwohl man sie gerade erschossen hat. Viele davon sind zum Lachen, einige zum Weinen, und manche blockieren tatsächlich den Fortschritt. CD Projekt Red hat Day-One-Patches ausgeliefert und weitere Fixes angekündigt — aber das ändert nichts daran, dass das Spiel in diesem Zustand erschienen ist.
Dazu kommen die ausgebliebenen Features: keine echte Third-Person-Ansicht, kein nutzbares Metro-System obwohl die Stationen in der Stadt stehen, kaum sinnvolle NPC-Interaktionen jenseits von Händlern und Quest-Gebern. Man spürt die Lücken dort, wo ehrgeizige Designdokumente waren und die Zeit fehlte, sie zu füllen. Cyberpunk 2077 ist kein schlechtes Spiel. Aber es ist auch nicht das Spiel, das es hätte sein wollen.
Wertung
Cyberpunk 2077 steckt in einem Widerspruch fest, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Night City ist eine der eindrucksvollsten Spielwelten der letzten Jahre. V und Johnny Silverhand tragen eine Geschichte, die wirklich bewegt. Die Nebenquests sind brilliant. Auf dem PC mit guter Hardware ist das ein Spiel, das einen packt und nicht loslässt — trotz aller Bugs, trotz aller Lücken.
Auf PlayStation 4 und Xbox One ist es das nicht. Was dort ausgeliefert wurde, ist ein Produkt, das die alte Hardware an die Wand fährt und keinen Spaß macht. Eine Empfehlung für diese Plattformen ist nicht vertretbar. Wer kann, wartet auf die Next-Gen-Version oder spielt auf dem PC. Alle anderen: Finger weg, bis gepatcht wird.
| PC | 7 / 10 |
| PS4 / Xbox One | 4 / 10 |
Pro
- Night City ist eines der beeindruckendsten Spielwelt-Designs überhaupt
- Story rund um V und Johnny Silverhand ist emotional und packend
- Nebenquests auf höchstem erzählerischen Niveau
- Enorme Build-Vielfalt durch flexibles Skill- und Perk-System
- Visuelle Pracht auf PC mit aktueller Hardware
- Atmosphäre und Cyberpunk-Ästhetik konsequent umgesetzt
Contra
- Auf PS4 / Xbox One technisch nicht vertretbar — schlechte Performance, massive Bugs
- Polizeisystem rudimentär und ohne echte Tiefe
- Lebenswege (Nomad, Street Kid, Corpo) nach dem Prolog kaum spürbar
- Fahrsystem fühlt sich schwebend und unkontrolliert an
- NPCs kaum interaktiv — Stadt wirkt als Kulisse, nicht als lebendige Welt
- Zahlreiche Bugs, Abstürze und fehlende Features zum Launch
Häufig gestellte Fragen zu Cyberpunk 2077
Auf welchen Plattformen ist Cyberpunk 2077 erhältlich?
Cyberpunk 2077 ist zum Launch am 10. Dezember 2020 für PC (Steam, GOG, Epic), PlayStation 4 und Xbox One erschienen. Versionen für PlayStation 5 und Xbox Series X|S sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen.
Wie lange ist die Hauptstory von Cyberpunk 2077?
Die Hauptstory lässt sich je nach Spielstil in etwa 20 bis 30 Stunden abschließen. Wer sich auf Nebenquests, Gigs und die offene Welt einlässt, kommt schnell auf 60 Stunden und mehr.
Lohnt sich Cyberpunk 2077 trotz der Bugs?
Auf dem PC mit ausreichend Hardware ja — die Geschichte, die Welt und das Gameplay-Fundament überzeugen trotz aller Mängel. Auf PlayStation 4 und Xbox One ist die Erfahrung zum Testzeitpunkt nicht empfehlenswert. Wer keine Wahl hat, sollte auf kommende Patches warten.
Hat die Wahl des Lebenswegs (Nomad, Street Kid, Corpo) Einfluss auf das Spiel?
Ja, aber weniger als erhofft. Der Lebensweg bestimmt den Prolog und gibt vereinzelte Dialogoptionen im Spielverlauf. Auf die Hauptstory und die meisten Quests hat er kaum spürbaren Einfluss — das ist eine der größten Enttäuschungen des Spiels.
Wie groß ist Night City?
Night City besteht aus sechs Distrikten plus den Badlands rund um die Stadt. Die Karte ist nicht die größte, aber außergewöhnlich dicht und vertikal gestaltet — Hochhäuser, Unterführungen und Dächer gehören alle zur erkundbaren Spielwelt.
Wann erscheinen die Versionen für PS5 und Xbox Series X?
Zum Testzeitpunkt im Dezember 2020 hat CD Projekt Red die nativen Next-Gen-Versionen für 2021 angekündigt. Einen genauen Termin gibt es noch nicht.
