Ubisoft hat heute eine umfassende organisatorische, operative und Portfolio-Umstrukturierung angekündigt, die das Unternehmen fundamental verändern wird. Die Maßnahmen umfassen die Einstellung von sechs Spielen – darunter das lang erwartete Prince of Persia: The Sands of Time Remake – die Schließung mehrerer Studios, eine Reorganisation in fünf spezialisierte „Creative Houses“ und beschleunigte Kostensenkungen von insgesamt 500 Millionen Euro seit 2023. Zusätzlich führt Ubisoft eine Fünf-Tage-Büropräsenzpflicht ein. CEO Yves Guillemot bezeichnet die Entscheidungen als „schmerzhaft aber notwendig“ um nachhaltiges Wachstum wiederherzustellen. Die finanziellen Auswirkungen sind drastisch: Ubisoft erwartet für das laufende Geschäftsjahr ein operatives Minus von rund einer Milliarde Euro.
Die Ankündigung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt für Ubisoft. Nach enttäuschenden Veröffentlichungen wie Star Wars Outlaws und dem kommerziell erfolglosen Skull & Bones, sowie internen Turbulenzen und Übernahmespekulationen, setzt das Unternehmen auf einen radikalen Neuanfang. Die Botschaft ist klar: Qualität über Quantität, Spezialisierung statt Diversifikation, Effizienz statt Expansion.
Die 5 Creative Houses: Eine neue Organisationsstruktur
Das Herzstück der Umstrukturierung ist die Aufteilung in fünf „Creative Houses“ – integrierte Geschäftseinheiten die jeweils für bestimmte Genres, Marken und finanzielle Performance verantwortlich sind. Diese ersetzen die bisherige zentralisierte Struktur.
Creative House 1 – Vantage Studios:
- Fokus: Ubisofts größte etablierte Franchises zu „jährlichen Milliarden-Marken“ ausbauen
- Marken: Assassin’s Creed, Far Cry, Rainbow Six
- Strategie: Skalierung und Erweiterung der wertvollsten IPs
Creative House 2 – Shooter-Erlebnisse:
- Fokus: Kompetitive und kooperative Shooter
- Marken: The Division, Ghost Recon, Splinter Cell
- Strategie: Position im zunehmend kompetitiven Shooter-Markt stärken
Creative House 3 – Live-Service-Spiele:
- Fokus: Betrieb ausgewählter Live-Erlebnisse
- Marken: For Honor, The Crew, Riders Republic, Brawlhalla, Skull & Bones
- Strategie: Fokus auf langfristige Spielerbindung und GaaS-Modelle
Creative House 4 – Fantasy und Narrative:
- Fokus: Immersive Fantasy-Welten und story-getriebene Universen
- Marken: Anno, Might & Magic, Rayman, Prince of Persia, Beyond Good & Evil
- Strategie: Narrative Tiefe und weltbasiertes Storytelling
Creative House 5 – Casual und Family:
- Fokus: Position in Casual- und familienfreundlichen Spielen zurückgewinnen
- Marken: Just Dance, Hungry Shark, Uno, Hasbro-Lizenzen, Mobile-Titel
- Strategie: Zugängliche Spiele für breiteres Publikum
Jedes Creative House kombiniert Entwicklung und Publishing, hat volle finanzielle Verantwortung und wird von dedizierten, anreizbasierten Führungsteams geleitet. Die Idee: Schnellere Entscheidungen, größere Verantwortung, engere Spielernähe.
6 Spiele eingestellt – Prince of Persia Remake das prominenteste Opfer
Die Portfolio-Refokussierung führt zur Einstellung von sechs Projekten:
- Prince of Persia: The Sands of Time Remake – Das seit 2020 angekündigte Remake wurde mehrfach verschoben, wechselte Studios (von Ubisoft Pune/Mumbai zu Ubisoft Montreal) und zeigte anhaltende Entwicklungsprobleme. Die Einstellung beendet Jahre der Unsicherheit.
- Vier nicht angekündigte Titel:
- Drei neue IPs (völlig neue Franchises)
- Ein Mobile-Titel
Die Begründung: Diese Spiele erfüllen nicht die „erweiterten Qualitätsstandards“ und „selektiveren Portfolio-Priorisierungskriterien“ die Ubisoft jetzt anlegt.
Gleichzeitig erhalten sieben Spiele zusätzliche Entwicklungszeit, darunter ein nicht angekündigter Titel der ursprünglich für FY26 geplant war und nun auf FY27 verschoben wurde.
Studioschließungen und Umstrukturierungen
Ubisoft schließt mehrere Studios und führt Umstrukturierungen durch:
Geschlossene Studios:
- Ubisoft Halifax (Mobile-Studio, bereits Anfang Januar geschlossen)
- Ubisoft Stockholm
Umstrukturierte Studios:
- Ubisoft Abu Dhabi
- RedLynx (Helsinki)
- Massive Entertainment (Malmö)
Diese Maßnahmen sind Teil der beschleunigten Kostensenkungsinitiativen. Ubisoft spricht von „strikter Einstellungsdisziplin“ und prüft weiterhin potenzielle Asset-Verkäufe.
Die menschlichen Kosten sind erheblich. Hunderte, möglicherweise tausende Arbeitsplätze sind betroffen. Ubisoft bezeichnet die Entscheidungen als „schwierig aber notwendig“ – eine Formulierung die den Ernst der Lage unterstreicht aber wenig Trost für Betroffene bietet.
Rückkehr zur Büropflicht: 5 Tage vor Ort
Eine der kontroversesten Ankündigungen: Ubisoft führt eine Fünf-Tage-Büropräsenzpflicht für alle Teams ein, ergänzt durch ein jährliches Home-Office-Kontingent.
Die Begründung: „Persönliche Zusammenarbeit ist ein Schlüsselfaktor für kollektive Effizienz, Kreativität und Erfolg in einem anhaltend selektiveren AAA-Markt.“ Ubisoft betont Wissensaustausch, kollektive Dynamik und Kollaboration.
Die Gaming-Industrie hat während und nach COVID-19 weitgehend auf hybride oder Remote-Modelle gesetzt. Ubisofts Rückkehr zur Vollzeit-Büropräsenz geht gegen diesen Trend und dürfte intern auf Widerstand stoßen – besonders bei Entwicklern die sich an flexible Arbeitsmodelle gewöhnt haben.
Kritiker argumentieren dass Remote-Arbeit in der Software-Entwicklung funktioniert und Talent-Akquise erleichtert. Befürworter der Büropflicht betonen Face-to-Face-Kollaboration und spontanen Austausch. Ubisofts Entscheidung ist ein Statement: Wir glauben Präsenz ist entscheidend.
Die finanzielle Katastrophe: -1 Milliarde Euro EBIT für FY26
Die finanziellen Auswirkungen sind verheerend:
Für das laufende Geschäftsjahr (FY25-26, endet März 2026):
- Net Bookings: ~1,5 Milliarden Euro (massive Reduzierung vs. frühere Guidance)
- Non-IFRS EBIT: ~-1 Milliarde Euro (operativer Verlust)
- Einmalige beschleunigte Abschreibungen: ~650 Millionen Euro (wegen eingestellter Projekte)
- Free Cash Flow: zwischen -400 und -500 Millionen Euro
- Nettoverschuldung Ende FY26: zwischen 150 und 250 Millionen Euro
Diese Zahlen sind katastrophal für ein Unternehmen von Ubisofts Größe. Die einmaligen Abschreibungen reflektieren die Einstellung der sechs Spiele und die zusätzliche Entwicklungszeit für sieben weitere – Jahre investierter Arbeit die jetzt abgeschrieben werden muss.
Kostensenkungsprogramm:
- Phase 1 & 2: 100 Millionen Euro Einsparungen (bereits erreicht, ein Jahr früher als geplant)
- Phase 3 (neu): Zusätzliche 200 Millionen Euro über zwei Jahre
- Gesamteinsparungen seit FY22-23: ~500 Millionen Euro
- Ziel: Fixkosten von 1,75 Milliarden Euro (FY22-23) auf ~1,25 Milliarden Euro (März 2028) reduzieren
Das ist eine Reduktion von fast 30 Prozent der Fixkosten. Solche Schnitte sind nicht nur Effizienzgewinne – sie reflektieren fundamentale Schrumpfung.
Warum passiert das? Der Kontext
Ubisofts Krise hat mehrere Ursachen:
- Kommerziell enttäuschende Releases: Star Wars Outlaws verkaufte unter Erwartungen trotz Star Wars-Lizenz. Skull & Bones war nach jahrelanger Entwicklung ein kommerzieller Flop. Avatar: Frontiers of Pandora fand nicht das erhoffte Publikum.
- Zunehmend selektiver AAA-Markt: Spieler konzentrieren sich auf wenige Blockbuster. Mittelmäßige AAA-Spiele finden kein Publikum mehr. Entwicklungskosten steigen, aber nur die besten Spiele rechtfertigen diese Investitionen.
- Kompetitiver Shooter-Markt: Call of Duty, Valorant, Apex Legends, Counter-Strike dominieren. Neue Shooter-IPs zu etablieren ist extrem schwierig.
- GaaS/Live-Service-Herausforderungen: Erfolgreiches Live-Service-Gaming (Fortnite, Genshin Impact, League of Legends) generiert massive Einnahmen, aber neue Titel zu etablieren ist schwer. Skull & Bones und XDefiant kämpften.
- Interne Probleme: Berichte über Missmanagement, Crunch-Kultur, Belästigungsvorwürfe haben Ubisofts Reputation geschadet und Talent-Retention erschwert.
- Übernahmespekulationen: Tencent und die Guillemot-Familie erwogen Privatisierung. Diese Unsicherheit belastete Entscheidungsfindung und Mitarbeitermoral.
Was bedeutet das für Ubisofts Zukunft?
Die Reorganisation ist ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen. Aber der Erfolg ist nicht garantiert:
Potenzielle Vorteile:
- Klarere Verantwortlichkeiten und schnellere Entscheidungen
- Spezialisierte Teams mit Genre-Expertise
- Kostenbasis näher an Marktrealtät
- Fokus auf Qualität statt Quantität
Potenzielle Risiken:
- Talent-Verlust durch Entlassungen und Unzufriedenheit
- Eingestellte Projekte bedeuten verlorene Investitionen
- Büropflicht könnte Remote-präferierende Entwickler vertreiben
- Finanzielle Verluste könnten Investoren nervös machen
- Reduziertes Portfolio bedeutet höheres Risiko pro Release
Die nächsten 12-24 Monate sind entscheidend. Wenn die verbleibenden Spiele erfolgreich sind – besonders Assassin’s Creed-Titel, The Division und andere Kernfranchises – könnte Ubisoft stabilisieren. Wenn weitere Releases enttäuschen, könnte das Unternehmen in noch größere Schwierigkeiten geraten.
Die menschlichen Kosten
Hinter den Zahlen stehen Menschen. Studio-Schließungen, eingestellte Projekte, Umstrukturierungen – das bedeutet Jobverluste, unterbrochene Karrieren, Unsicherheit für Familien.
Die Gaming-Industrie hat 2023-2024 zehntausende Arbeitsplätze verloren. Microsoft, Sony, Riot Games, Unity, Epic Games – alle haben massiv entlassen. Ubisoft ist Teil dieses Trends, aber das macht es nicht weniger schmerzhaft für Betroffene.
Entwickler die Jahre an Prince of Persia arbeiteten sehen ihr Projekt eingestellt. Stockholm-Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. Teams werden aufgelöst, Projekte abgebrochen.
Ubisofts Statement dass Entscheidungen „schwierig aber notwendig“ sind, ist Business-Sprech. Für Betroffene ist es existenziell.
Fazit: Ubisofts Schicksalsjahr
2026 wird Ubisofts Schicksalsjahr. Die angekündigte Umstrukturierung ist radikal – vielleicht das Radikalste was ein Major-Publisher in diesem Jahrzehnt unternommen hat. Es ist ein Eingeständnis dass die bisherige Strategie gescheitert ist und drastische Maßnahmen nötig sind.
Die Fragen sind: Ist es genug? Ist es zu spät? Und vor allem: Wird Qualität wirklich besser oder nur günstiger produziert?
Die Gaming-Community beobachtet skeptisch. Ubisoft hat in den letzten Jahren Vertrauen verloren – durch enttäuschende Releases, interne Skandale, aggressive Monetarisierung. Diese Reorganisation ist eine Chance, neu zu beginnen. Aber Versprechen allein reichen nicht.
Die Creative Houses müssen liefern. Die verbleibenden Spiele müssen überzeugen. Die Kultur muss sich ändern. Nur dann kann Ubisoft seine Position als einer der führenden Publisher rechtfertigen.
Für jetzt bleibt Unsicherheit. Prince of Persia-Fans sind enttäuscht. Mitarbeiter sind besorgt. Investoren sind nervös. Und die Gaming-Industrie fragt sich: Wenn selbst Ubisoft so drastisch umstrukturieren muss, was bedeutet das für die Zukunft von AAA-Gaming?
Ubisoft Umstrukturierung – Die wichtigsten Fakten
Neue Organisation:
- 5 Creative Houses (spezialisierte Genre-fokussierte Einheiten)
- Creative Network (Studios für Co-Development)
- Core Services (zentrale Technologie und Services)
- Reshaped HQ (Strategie, Governance, Kapitalallokation)
- Start: April 2026
Eingestellte Projekte (6 Spiele):
- Prince of Persia: The Sands of Time Remake
- 3 nicht angekündigte neue IPs
- 1 nicht angekündigter Titel
- 1 Mobile-Titel
Verzögerte Projekte:
- 7 Spiele erhalten zusätzliche Entwicklungszeit
- 1 nicht angekündigter Titel von FY26 auf FY27 verschoben
Studio-Änderungen:
- Geschlossen: Ubisoft Halifax, Ubisoft Stockholm
- Umstrukturiert: Ubisoft Abu Dhabi, RedLynx, Massive Entertainment
Neue Arbeitspolitik:
- 5-Tage-Büropräsenzpflicht für alle Teams
- Jährliches Home-Office-Kontingent
Finanzielle Auswirkungen FY25-26:
- Net Bookings: ~€1,5 Mrd. (stark reduziert)
- EBIT: ~-€1 Mrd. (Verlust)
- Einmalige Abschreibungen: ~€650 Mio.
- Free Cash Flow: -€400 bis -€500 Mio.
Kostensenkungsprogramm:
- Phase 3: Zusätzliche €200 Mio. über 2 Jahre
- Gesamt seit FY22-23: ~€500 Mio.
- Ziel: Fixkosten auf ~€1,25 Mrd. bis März 2028 (von €1,75 Mrd.)
Offizielle Quelle: Ubisoft Group

