Software-Updates im Auto: Das Versprechen, das die Hersteller noch schuldig sind

Software-Updates im Auto: Das Versprechen, das die Hersteller noch schuldig sind

Moderne Autos sind fahrende Computer. Das ist keine Metapher mehr, sondern Tatsache: Ein aktuelles Elektroauto hat bis zu 100 Steuergeräte an Bord, die miteinander kommunizieren, Batteriemanagement, Assistenzsysteme und Infotainment koordinieren — und regelmäßig aktualisiert werden müssen, damit das alles zuverlässig funktioniert. Die Automobilindustrie hat das erkannt und wirbt mit Over-the-Air-Updates als Zukunftsversprechen: Dein Auto wird mit der Zeit besser, so wie dein Smartphone. Klingt gut. Die Realität sieht je nach Hersteller sehr unterschiedlich aus.

Was ist ein OTA-Update überhaupt?

OTA steht für Over-the-Air — gemeint ist die drahtlose Übertragung von Software-Updates direkt auf das Fahrzeug, ohne Werkstattbesuch. Das funktioniert ähnlich wie beim Smartphone: Der Hersteller stellt eine neue Softwareversion bereit, das Auto lädt sie über Mobilfunk oder WLAN herunter und installiert sie — meist im Stand, nachts oder auf Wunsch des Fahrers.

Was dabei aktualisiert werden kann, reicht von kleinen Bugfixes im Infotainment über Verbesserungen am Lademanagement bis hin zu sicherheitsrelevanten Korrekturen an Assistenzsystemen. Manche Hersteller liefern sogar nachträglich neue Funktionen aus, die das Auto beim Kauf noch gar nicht hatte. Andere beschränken sich auf das Nötigste.

Wichtig zu wissen: Nicht jedes Update lässt sich per OTA einspielen. Komplexe Systemeingriffe oder sicherheitsrelevante Steuergeräte erfordern weiterhin einen Werkstattbesuch — OTA ergänzt die klassische Wartung, ersetzt sie aber nicht vollständig.

Wer macht’s gut — und wer nicht?

Der Blick auf die Branche zeigt erhebliche Unterschiede.

Tesla setzt seit Jahren den Standard, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Updates erscheinen teils im Wochentakt, die Kommunikation ist transparent, Release Notes werden öffentlich geteilt. Neue Funktionen landen per OTA im Fahrzeug — kostenfrei. Dass Tesla dabei gelegentlich auch unliebsame Überraschungen verteilt hat (2019 wurden bei manchen Fahrzeugen per Update Reichweite und Ladegeschwindigkeit reduziert), zeigt allerdings: Häufige Updates sind kein Selbstzweck, sondern müssen auch qualitativ überzeugen.

BMW und Mercedes haben in den vergangenen Jahren aufgeholt und bieten inzwischen solide OTA-Zyklen mit vierteljährlichen Updates. Beide Hersteller kommunizieren vergleichsweise klar, was ein Update enthält — und sind bei der Verteilung deutlich zuverlässiger als der deutsche Volumenhersteller.

Volkswagen ist das Negativbeispiel der Branche, und das nicht ohne Grund. Nach dem milliardenschweren Scheitern der eigenen Softwareschmiede CARIAD ist der Konzern zwar gerade dabei, seine Strategie grundlegend umzubauen — die Leidtragenden sind vorerst die Bestandskunden. Updates kommen nach undurchsichtiger „Wellenpolitik“, niemand weiß, nach welchen Kriterien Fahrzeuge priorisiert werden, und mit der ID. Software 6 wurde offiziell festgeschrieben, dass ältere Modelle dauerhaft abgehängt werden. Was das im Alltag bedeutet, haben wir in unserer mehrteiligen Dokumentation zur VW-Update-Odyssee festgehalten.

Was du als Käufer rechtlich verlangen kannst

Seit Januar 2022 gilt in Deutschland eine gesetzliche Update-Pflicht für digitale Produkteupdate — darunter fallen auch Fahrzeuge mit vernetzten Softwaresystemen. Hersteller sind verpflichtet, Updates bereitzustellen, die die Vertragsmäßigkeit des Produkts erhalten. Wie lange genau und in welchem Umfang, lässt das Gesetz jedoch offen — ein bewusstes Zugeständnis an die Industrie, das Verbraucherschützern schon bei der Verabschiedung ein Dorn im Auge war.

Der ADAC geht in seinen Forderungen deutlich weiter: Da Autos im Schnitt zehn bis fünfzehn Jahre in Betrieb bleiben, müssen OTA-Sicherheitsupdates nach Ansicht des Automobilclubs über die gesamte Fahrzeuglebensdauer kostenlos verfügbar sein. Darüber hinaus fordert der ADAC in einer aktuellen Untersuchung gemeinsam mit der Zeitschrift c’t volle Preistransparenz ohne Login-Zwang: Was wann für welches Fahrzeug verfügbar ist, muss öffentlich einsehbar sein — nicht erst nach Eingabe der Fahrgestellnummer. Beides klingt nach Selbstverständlichkeit. Beides ist in der Branche noch längst kein Standard.

Worauf du beim nächsten Autokauf achten solltest

OTA-Fähigkeit ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern Mindestanforderung. Entscheidend ist, was dahintersteckt:

Update-Frequenz und Transparenz — Veröffentlicht der Hersteller Release Notes? Gibt es eine öffentliche Roadmap? Oder erfährst du erst nach dem Kauf, was ein Update enthält — oder eben nicht?

Kompatibilitätszusagen — Wie lange verpflichtet sich der Hersteller, das Fahrzeug mit aktueller Software zu versorgen? Gibt es eine klare Aussage dazu, ab wann ein Modell keine größeren Updates mehr erhält?

Werkstatt als Fallback — Können Updates, die nicht per OTA ankommen, alternativ beim Händler aufgespielt werden? Oder bist du auf den Rollout-Rhythmus des Herstellers angewiesen?

Kostenpflichtige Funktionen — Manche Hersteller sperren Funktionen, die die Hardware bereits mitbringt, hinter Abonnements. Wer bereit ist, dafür zu zahlen, sollte das vorher wissen.

Fazit: Das Auto als Software-Produkt ist Realität — die Branche ist es noch nicht

Das Versprechen des Software-Defined Vehicle ist verlockend: ein Auto, das mit der Zeit nicht schlechter, sondern besser wird. In der Praxis hängt es stark davon ab, welchen Hersteller man wählt. Wer beim nächsten Kauf nicht dieselben Erfahrungen machen möchte, die wir mit unserem ID.3 gemacht haben, sollte OTA-Politik zum festen Bestandteil der Kaufentscheidung machen — genauso wie Reichweite, Ladegeschwindigkeit oder Preis.

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