Am 2. Januar 2027 startet in Deutschland die EUDI Wallet, die europäische digitale Identität. Personalausweis, Führerschein und andere Dokumente sollen künftig sicher auf dem Smartphone gespeichert werden können. Doch von dieser bedeutenden digitalen Innovation hat die Mehrheit der Deutschen noch nie etwas gehört. Eine aktuelle Bitkom–Umfrage zeigt ein massives Informationsdefizit: 52 Prozent kennen die EUDI Wallet nicht, weitere 18 Prozent haben zwar den Begriff gehört, wissen aber nicht, was sich dahinter verbirgt. Der Digitalverband fordert eine breite Aufklärungskampagne.
Erschreckende Unwissenheit über digitale Zukunft
Die Zahlen sind ernüchternd. Nur 20 Prozent der Befragten geben an, die EUDI Wallet zu kennen. Lediglich 5 Prozent trauen sich zu, das Konzept gut erklären zu können. Die repräsentative Umfrage, durchgeführt von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, befragte telefonisch 1.004 Personen ab 16 Jahren in Deutschland. Die Interviews fanden zwischen den Kalenderwochen 9 und 12 des Jahres 2026 statt, also nur wenige Monate vor dem geplanten Start der digitalen Brieftasche.
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst sieht dringenden Handlungsbedarf: „Die EUDI Wallet ist eine der bedeutendsten Innovationen dieser Jahre, eine sichere digitale Identität für alle Europäerinnen und Europäer. Die EUDI Wallet sollte zum Standard werden und dafür brauchen wir jetzt eine breite Aufklärungskampagne.“ Die Aussage bringt das Dilemma auf den Punkt. Ein Projekt von enormer Tragweite steht kurz vor dem Start, doch die Zielgruppe weiß praktisch nichts davon.
Was ist die EUDI Wallet überhaupt?
Die EUDI Wallet (European Digital Identity Wallet) ermöglicht es Bürgern, Identitätsnachweise und andere Dokumente digital auf dem Smartphone zu speichern und bei Bedarf vorzulegen. Dazu zählen offizielle Dokumente wie Personalausweis oder Führerschein, aber auch Zeugnisse, Versicherungsnachweise, Verträge oder Kaufbelege. Die digitale Brieftasche funktioniert dabei nicht als bloße Fotokopie, sondern nutzt digital signierte Nachweise, sogenannte Verifiable Credentials.
Der entscheidende Vorteil liegt in der selektiven Weitergabe von Informationen. Die Wallet erlaubt es, nur die Daten preiszugeben, die tatsächlich benötigt werden. Wer etwa beim Kauf von Alkohol sein Alter nachweisen muss, kann bestätigen, dass er über 18 Jahre alt ist, ohne das genaue Geburtsdatum oder die Adresse offenzulegen. Diese Funktion schützt die Privatsphäre deutlich besser als das Vorzeigen des Personalausweises, bei dem sämtliche Daten sichtbar sind.
Mehr als 100 Unternehmen machen mit
Trotz der geringen Bekanntheit in der Bevölkerung läuft die Vorbereitung auf Hochtouren. Mehr als 100 Unternehmen haben sich einem gemeinsamen Memorandum of Understanding des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung und Bitkom angeschlossen. Diese Unternehmen wollen rasch Anwendungen auf Basis der EUDI Wallet anbieten und die Entwicklung gemeinsam vorantreiben. Zu den Unterzeichnern gehören große Namen aus unterschiedlichen Branchen wie Bayer, Commerzbank, Lufthansa Group, REWE, SAP, Telekom und Zalando.
Eine frühere Bitkom-Umfrage unter Unternehmen zeigt deutlich größeres Interesse als in der Bevölkerung. 82 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten geben an, die EUDI Wallet künftig nutzen zu wollen. Allerdings haben bisher nur 4 Prozent erste Schritte für den Einsatz unternommen, weitere 4 Prozent wollen noch in diesem Jahr beginnen, 45 Prozent im kommenden Jahr. Drei Viertel wollen erst einmal abwarten, welche Erfahrungen andere mit der EUDI Wallet machen. Die Zurückhaltung ist verständlich, schließlich handelt es sich um eine völlig neue Infrastruktur.
Technische Basis: eIDAS 2.0
Die EUDI Wallet basiert auf der novellierten EU-Verordnung über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste, kurz eIDAS 2.0. Diese Verordnung schafft den rechtlichen Rahmen für eine sichere digitale Identität in der gesamten Europäischen Union. Jeder EU-Mitgliedstaat muss bis 2027 ein eigenes Wallet bereitstellen, das grenzüberschreitend funktioniert. Ein deutscher Bürger soll sich also mit seiner EUDI Wallet auch in Frankreich, Spanien oder Polen ausweisen können.
Die technische Umsetzung setzt auf offene Standards und Interoperabilität. Die Wallet soll nicht an einen bestimmten Anbieter gebunden sein, sondern verschiedene Anwendungen und Dienste integrieren können. Das Konzept unterscheidet sich damit grundlegend von proprietären Lösungen großer Tech-Konzerne, bei denen Nutzer in geschlossenen Ökosystemen gefangen sind. Die EUDI Wallet soll digitale Souveränität ermöglichen, kontrolliert von den Nutzern selbst, nicht von Unternehmen.
Warum ist die Unwissenheit so problematisch?
Die geringe Bekanntheit der EUDI Wallet ist aus mehreren Gründen problematisch. Erstens besteht die Gefahr, dass die Wallet mangels Nutzung scheitert. Wenn Menschen nicht wissen, dass es sie gibt und wozu sie dient, werden sie sie nicht nutzen. Ohne breite Akzeptanz fehlt Unternehmen und Behörden der Anreiz, Anwendungen zu entwickeln. Ein Teufelskreis droht: Keine Nutzer, keine Anwendungen, keine Nutzer.
Zweitens hinterlässt die mangelnde Kommunikation einen schlechten Eindruck von der Digitalisierungspolitik. Deutschland steht im europäischen Vergleich bei der Digitalisierung weit hinten. Projekte wie De-Mail oder die schleppende Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes haben das Vertrauen in staatliche Digitalisierungsinitiativen beschädigt. Wenn nun ein wichtiges Projekt wie die EUDI Wallet an mangelnder Information scheitert, bestätigt das nur die Vorurteile.
Drittens besteht die Gefahr, dass Menschen aus Unwissenheit heraus auf unsichere Alternativen zurückgreifen. Große Tech-Konzerne bieten längst eigene digitale Wallets an, die zwar bequem, aber datenschutzrechtlich bedenklich sind. Wenn Menschen nicht wissen, dass es eine europäische, datenschutzfreundliche Alternative gibt, werden sie weiterhin Google, Apple oder anderen Anbietern ihre Daten anvertrauen.
Was muss jetzt passieren?
Die Forderung nach einer breiten Aufklärungskampagne ist berechtigt. Zwischen jetzt und dem 2. Januar 2027 bleiben nur noch wenige Monate. In dieser Zeit muss die Bevölkerung nicht nur von der Existenz der EUDI Wallet erfahren, sondern auch verstehen, welchen Nutzen sie bringt und wie sie funktioniert. Das ist keine triviale Aufgabe. Digitale Identitäten, Verifiable Credentials und selektive Datenweitergabe sind komplexe Konzepte, die sich nicht in einem Satz erklären lassen.
Die Kampagne muss auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Massenmedien können Reichweite schaffen, aber die Details müssen in Schulungen, Workshops und verständlichen Online-Tutorials vermittelt werden. Besonders wichtig ist es, konkrete Anwendungsfälle zu zeigen. Menschen verstehen neue Technologien am besten, wenn sie sehen, wie diese ihren Alltag erleichtern. Ein Video, das zeigt, wie jemand mit der EUDI Wallet beim Autovermieter eincheckt oder online ein Bankkonto eröffnet, ist mehr wert als tausend Worte über digitale Signaturen.
eIDAS Summit: Fahrplan wird konkret
Wie die Entwicklung voranschreitet, welche Pilotanwendungen bereits existieren und welche regulatorischen Vorgaben bestehen, ist Thema des diesjährigen eIDAS Summit des Bitkom. Die Veranstaltung findet am 28. April in Berlin und am 29. April online statt. Mit dabei sind unter anderem Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Norbert Sagstetter von der Europäischen Kommission, Dr. Markus Reichel, Berichterstatter für Digitale Identitäten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Bitkom-Vizepräsidentin Christina Raab, CEO von Accenture DACH.
Der Summit dürfte wichtige Impulse liefern. Dort treffen sich die Akteure, die die EUDI Wallet zum Erfolg führen sollen: Politik, Wirtschaft und technische Experten. Ob aus den Absichtserklärungen tatsächlich funktionierende Anwendungen werden, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Die Sandbox-Phase, in der Unternehmen erste Use Cases testen, läuft bereits. Am 5. März 2026 wurden erste Erkenntnisse vorgestellt. Die nächste Pilotphase mit Bezug zur EAA-Funktionalität steht bevor.
Vergleich zur Corona-Warn-App
Die Situation erinnert an die Einführung der Corona-Warn-App im Jahr 2020. Auch dort gab es anfangs großes Interesse, doch viele Menschen verstanden nicht, wie die App funktionierte und warum sie sicher war. Falschinformationen und Datenschutzbedenken kursierten. Am Ende nutzten zwar Millionen die App, aber der Erfolg blieb hinter den Erwartungen zurück. Aus diesem Fehler sollte man lernen. Transparente Kommunikation von Anfang an ist entscheidend.
Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Corona-Warn-App war freiwillig und auf eine spezifische Pandemie-Situation zugeschnitten. Die EUDI Wallet hingegen soll dauerhaft ein zentraler Bestandteil der digitalen Infrastruktur werden. Sie ist nicht nur ein Nice-to-have, sondern soll langfristig den Alltag erleichtern. Diese Perspektive muss in der Kommunikation deutlich werden.
Fazit: Großes Potenzial, große Herausforderung
Die EUDI Wallet hat das Potenzial, die Digitalisierung in Deutschland und Europa einen großen Schritt voranzubringen. Eine sichere, datenschutzfreundliche digitale Identität, die grenzüberschreitend funktioniert, ist genau das, was Europa braucht, um gegenüber den Tech-Giganten aus den USA und China nicht vollständig ins Hintertreffen zu geraten. Doch dieses Potenzial kann nur genutzt werden, wenn die Menschen die Wallet kennen, verstehen und nutzen.
Die Bitkom-Umfrage zeigt, dass bis zum Start am 2. Januar 2027 noch ein weiter Weg zu gehen ist. 52 Prozent Unwissenheit sind keine gute Ausgangslage für eine Innovation, die zum Standard werden soll. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Deutschland und die EU es schaffen, die Bevölkerung mitzunehmen. Ohne breite Aufklärungskampagne droht die EUDI Wallet zum nächsten gescheiterten Digitalisierungsprojekt zu werden. Das wäre nicht nur schade, sondern ein echter Rückschlag für Europas digitale Souveränität.


