Die geplante Vergabe der Deutschland-App an SAP und die Deutsche Telekom sorgt für heftige Kritik aus der deutschen Tech-Branche. Ismet Koyun, CEO und Gründer der KOBIL-Gruppe, wirft der Bundesregierung vor, innovative mittelständische Unternehmen systematisch zu übergehen. KOBIL hätte eine vergleichbare Lösung nach eigenen Angaben 50 Prozent günstiger und in sechs Monaten umsetzen können. In einer Stellungnahme zu unserem Artikel über die Deutschland-App rechnet Koyun mit der Vergabepraxis ab und sieht darin ein grundsätzliches Problem für Deutschlands Innovationskraft.
OneApp4All: Die übersehene Alternative
KOBIL entwickelt seit Jahren eine SuperApp-Plattform namens OneApp4All, die bereits erfolgreich in Istanbul mit Millionen Nutzern und in der Stadt Worms im Einsatz ist. Die Plattform vereint alle gängigen digitalen Identitäten in einem Wallet, darunter OZG, Bund-ID, Gematik, EUDI-Wallet sowie die qualifizierte elektronische Signatur. Sie integriert nicht nur Behördendienste, sondern auch Angebote aus Wirtschaft und Gesellschaft, sichere Bezahlung, Vertragsunterzeichnung und Kommunikation.
Laut Koyun ist die Integration von Drittanbietern essenziell für den Erfolg einer solchen App: „Eine solche SuperApp wird nur genutzt, wenn sie viele Anwendungen integriert. Alleine Behördendienste, die man vielleicht ein, zwei Mal im Jahr verwendet, reichen nicht aus, damit sie Bürger wirklich nutzen, akzeptieren und ihren Mehrwert sehen.“ Die OneApp4All soll auch kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Startups die Möglichkeit geben, sich mit MiniApps zu beteiligen.
Vom Digitalministerium kontaktiert, dann übergangen
Besonders bitter für KOBIL: 2025 nahm das Digitalministerium Kontakt zum Unternehmen auf und bat um Informationen zur Plattform. „Man hatte mir versprochen, dass man sich unbedingt bei uns zurückmelden würde. Und es passierte nichts“, erklärt Koyun. Stattdessen ging der Auftrag offenbar an SAP und die Deutsche Telekom. Koyun zweifelt nicht an der Reputation dieser Unternehmen, vermisst aber die Innovationskraft: „Was ihnen fehlt, ist Innovation. Und genau das braucht es für eine DeutschlandApp.“
Nach Angaben von KOBIL ist das Unternehmen laut Marktforschungsunternehmen Gartner die einzige Firma in Europa, die eine solche Plattform aufgebaut hat. Koyun verspricht eine Umsetzung für die Hälfte der Kosten und in maximal sechs Monaten: „Ich denke, Deutschland muss sparen, und wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Auf KOBIL-Sicherheitstechnologie vertrauen nach Unternehmensangaben über 5.000 Kunden, darunter große Finanzinstitute und Regierungen.
Kritik am System: Mittelstand wird systematisch ausgebremst
Koyuns Kritik geht über den konkreten Fall hinaus. Er sieht ein systemisches Problem in der deutschen Vergabepraxis: „Wie soll man in Deutschland als mittelständisches Unternehmen oder Startup erfolgreich sein? Wie soll man hier wachsen, wenn alles an Großkonzerne geht?“ Deutschland spreche viel über Innovationskraft, digitale Souveränität und die Förderung des Mittelstands, gebe diesen Unternehmen aber keine Chance.
Der Vergleich zu den USA fällt deutlich aus: „In den USA entstehen Weltkonzerne aus Startups, weil sie Chancen bekommen. In Deutschland werden sie systematisch ausgebremst. Große Projekte gehen immer an die gleichen Anbieter.“ Diese Anbieter seien zudem nicht immer die günstigsten und schnellsten, wie bereits die Corona-Warn-App gezeigt habe. KOBIL hatte damals angeboten, eine Lösung 50 Prozent günstiger umzusetzen, wurde aber nicht berücksichtigt.
Etablierte Strukturen blockieren Innovation
Die Bundesregierung lasse eine erprobte Technologie außen vor, die nachweislich funktioniere, schnell produktiv sei und einen Bruchteil dessen koste, was die großen Konzerne verlangten, kritisiert Koyun. „Das ist enttäuschend. Und es zeigt, wie stark etablierte Strukturen und Interessen wirken. Und dass unsere Regierung so wenig Mut aufbringt, Innovationen zu fördern und nachweislich erfolgreiche Unternehmen aus dem eigenen Land in ein solches Projekt einzubeziehen.“
Diese Kritik trifft einen wunden Punkt der deutschen Digitalisierungspolitik. Während international erfolgreiche digitale Plattformen oft aus agilen Startups entstehen, dominieren in Deutschland bei staatlichen Digitalisierungsprojekten häufig etablierte IT-Dienstleister. Die Frage, ob diese Struktur Innovation fördert oder bremst, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Der Fall KOBIL liefert neues Material für diese Debatte.
Hoffnung auf öffentliche Ausschreibung
Trotz der scharfen Kritik gibt Koyun nicht auf. Ein Hoffnungsschimmer bleibe, da im zweiten Schritt offenbar eine öffentliche Ausschreibung geplant sei. „Sollte es dazu kommen, werde ich definitiv diese Chance nutzen, um meinen Teil zur DeutschlandApp beitragen zu können“, erklärt er. Seine Türen stünden offen für den Digitalminister.
Ob und wann eine solche Ausschreibung stattfindet, ist bisher unklar. Die Bundesregierung hat sich zu den Vorwürfen noch nicht öffentlich geäußert. Sollte es tatsächlich zu einer offenen Ausschreibung kommen, dürfte KOBIL nicht das einzige Unternehmen sein, das sich bewirbt. Der Markt für digitale Verwaltungsplattformen ist hart umkämpft, und viele Unternehmen wittern ihre Chance.

Grundsätzliche Frage: Wer baut Deutschlands digitale Infrastruktur?
Die Kontroverse um die Deutschland-App wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wer soll Deutschlands digitale Infrastruktur aufbauen? Große, etablierte Konzerne mit internationaler Erfahrung, aber möglicherweise weniger Agilität? Oder innovative mittelständische Unternehmen und Startups, die schneller und günstiger arbeiten, aber weniger Erfahrung mit Großprojekten haben?
Die Antwort ist nicht einfach. Große Digitalisierungsprojekte sind komplex, fehleranfällig und politisch heikel. Scheitert ein solches Projekt, steht die Regierung massiv unter Druck. Etablierte Anbieter bieten Sicherheit, auch wenn sie teurer sind. Andererseits zeigen Beispiele wie die Corona-Warn-App oder das gescheiterte De-Mail-System, dass große Namen keine Garantie für Erfolg sind.
Koyun formuliert es deutlich: „Deutschland kann sich kein Scheitern in Sachen Digitalisierung erlauben.“ Diese Aussage dürfte Konsens sein. Wie dieses Scheitern verhindert wird, ob durch bewährte Großkonzerne oder innovative Mittelständler, bleibt umstritten. Die Deutschland-App wird zeigen, welchen Weg Deutschland einschlägt.
KOBIL: Wer steckt dahinter?
Die KOBIL-Gruppe mit Sitz in Deutschland entwickelt seit Jahren Lösungen für sichere digitale Identitäten und Authentifizierung. Das Unternehmen positioniert sich als Spezialist für Zero-Trust-Sicherheit und digitale Transformation. Mit der OneApp4All will KOBIL den Blueprint für eine bundesweite SuperApp liefern, die Behördendienste, private Angebote und sichere Kommunikation vereint.
Die Referenzprojekte in Istanbul und Worms sollen beweisen, dass das Konzept funktioniert. Istanbul mit seinen über 15 Millionen Einwohnern ist ein deutlich größerer Markt als Deutschland, was die Skalierbarkeit der Lösung unterstreichen soll. Ob KOBIL tatsächlich in der Lage wäre, eine bundesweite Deutschland-App in sechs Monaten umzusetzen, lässt sich von außen schwer beurteilen. Die Behauptung wirkt ambitioniert, zumal deutsche Behördenstrukturen und föderale Zuständigkeiten komplex sind.
Fazit: Debatte über Vergabepraxis notwendig
Die scharfe Kritik von KOBIL-Chef Ismet Koyun an der Vergabepraxis für die Deutschland-App wirft wichtige Fragen auf. Gibt Deutschland mittelständischen Unternehmen und Startups wirklich eine faire Chance bei großen Digitalisierungsprojekten? Oder dominieren etablierte Strukturen und Interessen, wie Koyun behauptet? Die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen.
Fakt ist: Deutschland hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Eine funktionierende Deutschland-App wäre ein wichtiger Schritt nach vorn. Ob diese App von SAP und der Telekom, von KOBIL oder einem anderen Anbieter kommt, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie funktioniert, sicher ist, von Bürgern akzeptiert wird und nicht zum nächsten gescheiterten Digitalisierungsprojekt wird. Die angekündigte öffentliche Ausschreibung könnte zeigen, ob Deutschland bereit ist, neue Wege zu gehen.
