VW ID Update

Nein, ich bin nicht naiv. Ich habe nur geglaubt, was VW mir gesagt hat.

Meine Artikel zur VW-Updatepolitik schlagen Wellen — und das freut mich. Aber mit der Reichweite kommen auch die Kommentare, die ich mir nicht verkneifen kann, direkt anzusprechen. Nicht weil ich keine Kritik vertrage, sondern weil einige davon schlicht falsch liegen. Und weil ich glaube, dass es sich lohnt, das sauber auseinanderzudividieren.

Fangen wir an.

„Auf dem iPhone 3 läuft auch kein iOS 10“

Stimmt. Tut es nicht. Aber das ist ein Vergleich, der an der entscheidenden Stelle hinkt.

Apple hat nie mit dem Versprechen geworben, dass das iPhone 3 jahrelang neue Features bekommt. Apple kommuniziert Support-Zeiträume transparent, teils sogar mehrere Jahre im Voraus. Wer ein iPhone kauft, weiß ungefähr, wie lange er damit rechnen kann. Und vor allem: Apple hat das iPhone nie als Gerät vermarktet, das sich ständig selbst weiterentwickelt — das war VWs eigenes Versprechen für den ID.3.

VW-Entwicklungschef Thomas Ulbrich sagte 2021 in einem Interview gegenüber Auto Bild wortwörtlich: „Das Auto evolutioniert sich ständig selbst, die Software wird permanent aktuell gehalten.“ Und: „Permanente Optimierung ist das Wichtigste.“ Das steht heute noch auf der VW-Website: „Regelmäßige Over-the-Air-Updates halten Ihr Fahrzeug technisch auf dem aktuellen Stand. Gleichzeitig werden neue Funktionen freigeschaltet oder bestehende Funktionen optimiert.“

Das ist kein Kleingedrucktes. Das ist das Verkaufsversprechen.

„Hat mir beim ID.3 einer was versprochen? Nein.“

Doch. Hat jemand.

Nicht nur in blumigen Werbesprüchen, sondern handfest: VW hat 2021 öffentlich versprochen, im Schnitt alle zwölf Wochen ein Update auszuliefern. VW hat den ID.3 mit einer Infrastruktur verkauft — We Connect, eSIM, OTA-Fähigkeit — die explizit dafür gedacht war, das Fahrzeug nach dem Kauf weiterzuentwickeln. Das war kein Bonus, das war das Konzept.

Und ja, die Software hat Updates bekommen. Bitter nötige sogar — der ID.3 wurde 2020 mit unvollständiger Software ausgeliefert, ohne Android Auto, ohne Apple CarPlay, ohne Akku-Prozentanzeige im Kombiinstrument. Der ADAC hat das damals ausführlich dokumentiert. Das Auto wurde also im Grunde unfertig verkauft, mit dem impliziten Versprechen, dass die fehlenden Funktionen nachgeliefert werden. Wer das als Gegenargument nutzt — „die Software hat Updates bekommen!“ — bestätigt damit unfreiwillig genau das, worüber ich mich beklage.

Mein Problem ist nicht, dass es Updates gab. Mein Problem ist, wie sie verteilt wurden — und dass jetzt offiziell feststeht, dass sie für viele Bestandskunden aufgehört haben. Was mich persönlich dabei bewegt, habe ich in meiner mehrteiligen Dokumentation zur VW-Update-Odyssee festgehalten.

„Wenn ich 2015 ein Auto gekauft habe, hat sich bis 2026 nichts geändert. Warum soll ein Auto neue Funktionen bekommen?“

Das ist das stärkste Argument der Kritiker — und trotzdem dreht es die Logik um.

Ein Auto aus 2015 wurde nie als Software-Produkt verkauft. Es wurde als Maschine verkauft, die fährt, bremst und lenkt. Niemand hat dem Käufer versprochen, dass es per Funk neue Features bekommt. Genau deshalb hat niemand das erwartet — und genau deshalb beschwert sich niemand.

Der ID.3 ist fundamental anders positioniert worden. VW hat ihn explizit als Software-Defined Vehicle vermarktet, als fahrenden Computer, der mit der Zeit besser wird. Das war der Kaufgrund für viele — mich eingeschlossen. Wer diese Vermarktung ignoriert und dann fragt, warum man überhaupt Updates erwartet, vergleicht Äpfel mit Verbrennungsmotoren.

VW ID Software

Nebenbei: Für Hardware reicht das Geld immer

Ich will noch einen Punkt ansprechen, der mich besonders beschäftigt — und den ich bisher noch nicht explizit formuliert habe.

Der ID.3 wurde 2020 auf den Markt gebracht. Seitdem hat VW das Fahrzeug in weniger als sechs Jahren dreimal überarbeitet: 2023 gab es das erste Facelift mit neuen Materialien, geänderter Optik und Software-Updates mit neuen Funktionen — VW sprach selbst von der „zweiten Generation ID.3“. Zum Modelljahr 2024 folgte eine weitere Überarbeitung: Gangwahlschalter ans Lenkrad, größeres Display, dazu die neue GTX-Variante. Und 2026 ist das dritte große Update bereits da — der ID.3 heißt jetzt ID.3 Neo. Komplett neue Front, neues Cockpit, und — man höre und staune — physische Knöpfe statt reiner Touchbedienung. Genau das, wofür Kunden seit Jahren kritisiert haben.

Für Neukäufer. Nicht für Bestandskunden.

Das ist der Punkt, der mich wirklich beschäftigt. VW hat offensichtlich die Kapazitäten, das Fahrzeug weiterzuentwickeln. Man hat die Ressourcen, auf Kundenkritik zu reagieren — nur eben in Form von Neufahrzeugen, nicht in Form von Software-Updates für bestehende Kunden. Wer heute einen frühen ID.3 fährt, bekommt nicht einmal transparent kommuniziert, welche Softwareversion ihn wann erreicht. Wer einen neuen kauft, bekommt alles auf einmal — inklusive der Erkenntnisse aus Jahren Kundenkritik, die die Bestandsfahrer mit ihrem Geld und ihrer Geduld erst ermöglicht haben.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich klarstellen: Es ist absolut legitim — ja, sogar wünschenswert — dass ein Hersteller sein Produkt kontinuierlich weiterentwickelt. Das neue iPhone ist schneller als das alte. Die neue PlayStation kann mehr als die vorherige. Ein neuer Computer ist moderner als sein Vorgänger. So funktioniert Produktentwicklung, und niemand erwartet etwas anderes. Wer heute einen ID.3 Neo kauft, bekommt ein besseres Auto als ich damals — und das ist gut so.

Mein Problem ist nicht, dass VW weitermacht. Mein Problem ist, was dabei auf der Strecke bleibt: die Kunden, die bereits gekauft haben, und die Versprechen, die ihnen gemacht wurden. Ein Smartphone-Hersteller, der seinen Bestandskunden jahrelang versprochene Updates schuldig bleibt, während er munter neue Modelle auf den Markt wirft, würde zu Recht in der Presse zerrissen. Bei VW läuft das unter „normale Modellpflege“. Das ist eines großen, namhaften deutschen Herstellers unwürdig — und es bleibt unwürdig, egal wie gut der ID.3 Neo geworden ist.

Was ich tatsächlich erwartet habe — und was nicht

Ich habe nie erwartet, dass mein ID.3 ewig jedes Feature bekommt, das VW jemals entwickelt. Ich habe nicht erwartet, dass Hardware-gebundene Funktionen per Software nachgerüstet werden. Ich habe nicht erwartet, dass mein 2024er Fahrzeug in zehn Jahren noch mit dem allerneuesten Stand mithalten kann.

Was ich erwartet habe — und was ich für legitim halte — ist folgendes:

Dass Updates, die für mein Fahrzeug entwickelt und freigegeben sind, in einem vernünftigen Zeitraum ankommen. Nicht über ein Jahr nach Verfügbarkeit. Dass VW transparent kommuniziert, welches Fahrzeug wann was bekommt und nach welchen Kriterien. Und dass — wenn irgendwann Schluss ist — dieser Schlussstrich offen kommuniziert wird, bevor man das Fahrzeug kauft, nicht Jahre danach.

Nichts davon ist naiv. Das ist das Mindeste, was ein Hersteller leisten muss, der sein Produkt als Software-Plattform verkauft.

Die Enttäuschung kommt nicht daher, dass ich unrealistische Erwartungen hatte. Sie kommt daher, dass VW realistische Versprechen gemacht und sie nicht gehalten hat. Das ist ein Unterschied — und genau der ist es, den ich in dieser Serie dokumentiere.

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