Die PlayStation 4 und Xbox One sind gerade mal ein Jahr auf dem Markt, und schon werden Besitzer der „alten“ Konsolen oft stiefmütterlich behandelt. Nicht so bei Ubisoft: Während auf den neuen Konsolen mit Assassin’s Creed Unity die nächste Episode des Assassinen-Abenteuers veröffentlicht wurde, bekommen Spieler der PlayStation 3 und Xbox 360 ein ganz besonderes Geschenk: Assassin’s Creed Rogue – den ersten Teil der Serie, der es erlaubt, in die Rolle eines Templers zu schlüpfen.
Also, wenn das mal kein guter Grund ist, die Konsole zu entstauben! Es kursieren zwar Gerüchte über eine mögliche Version für die neuen Konsolen, aber das ist bisher nicht offiziell bestätigt. Wir wollen jedenfalls nicht warten und stürzen uns sofort ins Abenteuer. Die brennende Frage: Muss die PlayStation 3 schon in Rente, oder steckt noch ordentlich Dampf im Kessel? Eines vorweg: Assassin’s Creed Rogue verzichtet komplett auf einen Mehrspieler-Modus und konzentriert sich voll auf die Einzelspieler-Kampagne – ob da noch was nachgereicht wird, hat Ubisoft bisher offengelassen.
Story: Vom Assassinen zum Templer
Der junge Ire Shay Patrick Cormack hat sich gerade dem Assassinen-Orden angeschlossen und ist in dessen Auftrag unterwegs. In den Wirren eines sich anbahnenden Konflikts – der sich zum Siebenjährigen Krieg zwischen Frankreich und England (1756-1763) um die Vorherrschaft in den nordamerikanischen Kolonien entwickelt – gerät er zwischen die Fronten.
Der Fall eines Assassinen
Der entschlossene und furchtlose Streiter muss miterleben, wie eine brisante und wichtige Mission vollkommen fehlschlägt. Die Ereignisse überschlagen sich und Shay verliert seine Überzeugung, für die richtige Sache auf der richtigen Seite zu streiten. Er wendet sich von den Assassinen ab und wird dadurch zur Zielscheibe seiner einstigen Brüder.
Da diese ihm fortan nach dem Leben trachten, um ihre Geheimnisse zu schützen, bleibt dem jungen Iren letztendlich nur noch eine Möglichkeit: Er nimmt den Kampf auf, findet Unterstützung bei den Templern und wird zu einem gefürchteten Assassinen-Jäger.
Grafik: Was die alte Hardware noch leistet
Ich gebe zu: Es fällt schwer, objektiv zu bleiben, wenn man die letzten Monate fast ausschließlich auf der PS4 gezockt hat. Der Unterschied zwischen den Konsolen-Generationen springt einem förmlich ins Auge. Doch genau das macht diesen Test so spannend – kann Rogue auf der betagten Hardware noch überzeugen?
Die typischen PS3-Schwächen
Assassin’s Creed Rogue zeigt leider eine typische Schwäche des PlayStation-3-Systems: das berüchtigte Kantenflimmern. Wer von der PS4 kommt, wird es sofort bemerken. Dazu gesellen sich einige matschige Texturen und recht pixelige Schatten. Gelegentlich zucken Objekte, und Bäume oder Pflanzen poppen plötzlich ins Blickfeld – das klassische Pop-in-Problem der Last-Gen.
Aber: Die PS3 zeigt Zähne!
Das Schöne ist jedoch, dass sich diese Mängel in Grenzen halten. Man sieht hier schlicht die Grenzen der Hardware – nicht etwa Schlamperei der Entwickler. Ubisoft Sofia hat das Maximum aus der alten Konsole herausgekitzelt: Die Schauplätze sind liebevoll gestaltet, die Seeschlachten actiongeladen inszeniert, und die Zwischensequenzen in Echtzeit-Grafik können sich absolut sehen lassen.
Was mich besonders beeindruckt: Das Spiel läuft überwiegend butterweich. Ruckler sind die absolute Ausnahme, und Nachladeprobleme treten nur selten auf. Für einen Open-World-Titel dieser Größe auf sieben Jahre alter Hardware ist das beachtlich.
Sound: Hervorragende Synchronisation
Beim guten Ton des Spiels lassen die Entwickler absolut gar nichts anbrennen. Wie für die Serie üblich, verfügt Assassin’s Creed Rogue über eine hervorragende Synchronisation mit tollen Sprechern. Zu allen Figuren passend und in jeder Situation mit den richtigen Emotionen – so macht es Spaß, der Story und besonders den Dialogen zu folgen. Auch wenn diese nicht immer hundertprozentig lippensynchron sind.
Authentische Atmosphäre
Während der recht zahlreichen Seeschlachten gibt es ordentlich Radau. Kommandos werden gebrüllt und versenkte Schiffe verabschieden sich alles andere als sang- und klanglos. Die Städte wirken sehr lebendig und klingen verdammt authentisch. Die Atmosphäre ist einfach stimmig und gut. Daran mangelte es aber auch noch nie bei einem Assassin’s Creed-Spiel, und da tanzt natürlich auch Rogue keineswegs aus der Reihe.

Gameplay: Die Hälfte auf hoher See
Assassin’s Creed Rogue beginnt mit der typischen Sequenz, in der man recht schnell mit den Grundzügen der Steuerung vertraut gemacht wird: einmal Parcours, kleiner Kampf, dann schleichen und meucheln. Man könnte meinen, dass die Entwickler davon ausgehen, dass dies nicht der erste Teil der Serie ist, den man spielt. Doch hier darf man auch einfach positiv anmerken, dass die Steuerung recht gut gelöst und sehr leicht einzuprägen ist.
Seeschlachten im Fokus
Im Zuge dieses Tutorials gelangt man dann auch sehr zügig zum ersten Mal auf ein Schiff. Und das hat auch einen Grund, denn so ziemlich die Hälfte der Spielzeit verbringt man auf See. Entweder feuert man aus allen Rohren auf gegnerische Schiffe, entert feindliche Schiffe oder greift Seefestungen an.
Die Steuerung des Schiffs hat man recht schnell im Griff – hierbei gilt ganz klar: Übung macht den Meister. Denn bei größeren Seeschlachten oder den Begleit- und Beschützermissionen sollten die einzelnen Optionen der Steuerung sitzen. Natürlich sieht man hier eindeutige Parallelen zu Assassin’s Creed III und besonders zu Assassin’s Creed Black Flag, das die Seefahrerei ja endgültig in die Reihe etabliert hat.
Missionsdesign: Bekannt aber gut inszeniert
Etwas kritischer ist es mit dem Missionsdesign. Wieder einmal wird ein tolles Abenteuer mit spannenden Missionen geboten: Infiltriere Festung A, entkomme unbemerkt aus Lager B, eliminiere General C. Klingt immer recht simpel, ist aber einfach super inszeniert und macht viel Spaß.
Allerdings kann es passieren, dass treue Fans der Serie beim siebten beziehungsweise achten Spiel der Reihe mittlerweile etwas gesättigt sind oder sich die Missionen einfach abnutzen. Da kommt als besonderer Trumpf natürlich die tolle Story zum Tragen, durch die sich die Serie auch auszeichnet.
Die andere Seite
Als erster Titel mit Fokus auf dem Templerorden kann Rogue da sicher nochmal punkten. Besonders die Passagen in der Gegenwart bieten eine Menge Background und führen die Spieler auf die „andere“ Seite. Da man der Story auch ohne Vorkenntnisse gut folgen kann, eignet sich Assassin’s Creed Rogue sogar gut als Einstieg in die Reihe – natürlich nur, um sich dann nach und nach alle anderen zu Gemüte zu führen.
Fazit
An alle, die befürchtet haben, dass Assassin’s Creed Rogue nur ein liebloser Trostpreis für Spieler der vergangenen Konsolengeneration ist: Weit gefehlt! Ubisoft liefert ein vollwertiges Abenteuer mit einer fesselnden Story und vielen Überraschungen. Das ist kein halbherziger Abschied von der PS3, sondern ein würdiges Vermächtnis.
Jeder, der die Serie mag, darf sich diese Episode nicht entgehen lassen. Und wenn zukünftig noch weitere Titel dieser Qualität für die Last-Gen erscheinen, darf die PlayStation 3 gerne noch eine Weile neben ihrer großen Schwester stehen bleiben. Die alte Dame hat noch ordentlich Dampf im Kessel!
Ob das Spiel irgendwann noch für die PS4 und Xbox One erscheint, bleibt abzuwarten – die Gerüchte halten sich hartnäckig. Aber ehrlich gesagt: Wer eine PS3 oder Xbox 360 besitzt und Assassin’s Creed mag, sollte nicht warten. Rogue ist ein tolles Abenteuer, das trotz – oder gerade wegen – der vielen bewährten Elemente überzeugt. Die Templer-Perspektive allein macht diesen Teil zu etwas Besonderem.
Bewertung: 8/10
Stärken:
- Erster AC-Teil aus Templer-Perspektive
- Shay Patrick Cormack als interessanter Anti-Held
- Fesselnde „Seitenwechsel“-Story
- Exklusiv für Last-Gen entwickelt – kein Port!
- Ubisoft Sofia holt Maximum aus PS3/X360
- Läuft überraschend flüssig für Open-World
- Hervorragende deutsche Synchronisation
- Tolle Sprecher mit passenden Emotionen
- Authentische, lebendige Atmosphäre
- Seeschlachten auf Black-Flag-Niveau
- Schiffssteuerung intuitiv
- Liebevoll gestaltete Schauplätze
- Actiongeladene Zwischensequenzen
- Große, abwechslungsreiche Spielwelt
- Zahlreiche Missionen
- Guter Einstiegspunkt für Neulinge
- Gegenwarts-Passagen mit Templer-Background
- Vollwertiges Spiel, kein „Trostpreis“
Schwächen:
- PS3-typisches Kantenflimmern unvermeidbar
- Einige matschige Texturen
- Pixelige Schatten
- Gelegentliches Pop-in bei Vegetation
- Lippensynchronisation nicht perfekt
- Missionsdesign für Veteranen vorhersehbar
- Siebter/achter Serienteil – Abnutzung möglich
- Hoher Seefahrt-Anteil nicht für jeden
- Kein Mehrspieler-Modus
Technische Daten:
- Entwickler: Ubisoft Sofia
- Publisher: Ubisoft
- Genre: Action-Adventure / Open World
- Plattformen: PlayStation 3, Xbox 360, PC
- Release: 11. November 2014
- Zeitraum des Tests: November 2014
- Getestet auf: PlayStation 3
- Setting: Nordamerika, Siebenjähriger Krieg (1756-1763)
- Protagonist: Shay Patrick Cormack
- Besonderheit: Erster AC-Teil aus Templer-Sicht
- Mehrspieler: Nicht vorhanden
- Altersfreigabe: USK 16 Assassin’s Creed Rogue Review
