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Déraciné im Test: FromSoftwares VR-Geisterreise überrascht mit melancholischer Tiefe

FromSoftware kennt man primär für brutal schwere Action-Rollenspiele wie Dark Souls, Bloodborne oder Sekiro. Dass das japanische Studio aber auch ganz andere Töne anschlagen kann, beweist Déraciné – ein atmosphärisches VR-Adventure exklusiv für PlayStation VR. Statt harter Bosskämpfe und erbarmungsloser Schwierigkeit erwartet Spieler hier ein ruhiges, nachdenkliches Erlebnis, das auf Erkundung und Storytelling setzt. Wir haben das Geister-Abenteuer auf PlayStation 4 Pro gespielt.

Ein Geist zwischen den Welten

Die Prämisse von Déraciné ist ungewöhnlich: Man übernimmt die Rolle eines unsichtbaren Geistes, der sich durch die Welt der Lebenden bewegt, ohne von diesen wahrgenommen zu werden. Die Perspektive ist durchgehend in der Ego-Ansicht gehalten, was die VR-Immersion verstärkt. Anders als in typischen First-Person-Spielen sieht man jedoch seine eigenen Hände – ein wichtiges Detail, da die gesamte Interaktion über diese erfolgt.

Die Steuerung ist ausschließlich auf zwei PlayStation Move-Controller ausgelegt. Eine Unterstützung für den DualShock 4 fehlt komplett, was manche Spieler enttäuschen dürfte. Mit den Move-Controllern greift man nach Objekten, untersucht sie aus verschiedenen Winkeln oder verstaut ausgewählte Gegenstände im Inventar zur späteren Verwendung. Die Steuerung funktioniert dabei überraschend intuitiv, auch wenn die Fortbewegung Einschränkungen aufweist – mehr dazu später.

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Lebensenergie als zentrale Spielmechanik

Das eigentlich Besondere an Déraciné sind die übernatürlichen Fähigkeiten des Geistes. Zwei farblich unterschiedliche Ringe an den Händen symbolisieren die Macht über Leben und Tod. Man kann lebenden Dingen ihre Lebensenergie entziehen und diese Energie nutzen, um tote oder verwelkte Objekte wiederzubeleben.

Das Tutorial führt diese Mechanik anschaulich ein: Man entzieht Trauben ihre Lebenskraft und haucht damit einer verwelkten Blume neues Leben ein. Was zunächst harmlos wirkt, entfaltet im Spielverlauf emotionale Wucht. Denn die Mechanik funktioniert nicht nur bei Pflanzen, sondern auch bei Tieren und – hier wird es ethisch komplex – bei Menschen. Plötzlich stellt sich die Frage: Darf man einem Leben nehmen, um ein anderes zu retten? Diese moralischen Dilemmata durchziehen das gesamte Spiel.

Zusätzlich zur Lebensenergie-Manipulation besitzt der Geist die Fähigkeit, durch die Zeit zu reisen. Man kann sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft springen. Das eröffnet faszinierende Möglichkeiten: Tragische Ereignisse, die bereits geschehen sind, lassen sich möglicherweise verhindern, indem man rechtzeitig in die Vergangenheit reist und die richtigen Weichen stellt. Allerdings – und hier zeigt sich FromSoftwares typische Ambivalenz – können solche Eingriffe unerwartete, mitunter negative Konsequenzen haben. Die Manipulation der Zeitlinie ist ein zweischneidiges Schwert.

Das Waisenhaus und seine Bewohner

Der Schauplatz des Spiels ist ein altes, verwunschenes Waisenhaus. Hier leben mehrere Kinder unterschiedlichen Alters zusammen mit ihrem Betreuer – einem älteren Herrn im Rollstuhl, der als Rektor fungiert. Die Kinder glauben an die Existenz eines guten Geistes und versuchen, diesen herbeizurufen. Sie erhoffen sich Hilfe von ihm, denn einige der Waisenkinder sind krank oder verletzt. In ihrer Verzweiflung setzen sie ihre Hoffnung auf übernatürlichen Beistand.

Die Umgebung ist weitläufig und detailreich gestaltet. Das mehrstöckige Schulgebäude bietet zahlreiche Räume zur Erkundung – vom Keller bis zum Dachboden. Eine kleine Kapelle gehört ebenfalls zum Anwesen, ebenso wie ein großzügiger Garten, der von einem malerischen See umgeben ist. Jeder Bereich atmet Geschichte und Vergangenheit, was die melancholische Atmosphäre verstärkt.

Die Erkundung funktioniert nach einem interessanten Prinzip: Wenn man als Geist einen Bereich betritt, steht die Zeit für die Bewohner still. Sie verharren wie in einem Standbild, gefangen in einem einzelnen Moment. Man bewegt sich quasi durch ein dreidimensionales, eingefrorenes Tableau vivant und versucht, die Situation zu verstehen. Dabei liest man die Gedanken der Charaktere und setzt langsam das Puzzle ihrer Leben zusammen.

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Rätsel und Erkundung im Fokus

Vom spielmechanischen Standpunkt ist Déraciné ein klassisches Point-and-Click-Adventure in moderner VR-Gewandung. Das Gameplay konzentriert sich auf Erkundung und Rätsel: Man durchsucht Räume nach relevanten Gegenständen, nimmt diese mit und verwendet sie an anderer Stelle, um voranzukommen. Die Rätsel sind dabei nie übermäßig komplex, fügen sich aber organisch in die Geschichte ein.

Die Herausforderung liegt weniger im Schwierigkeitsgrad der Rätsel, sondern darin, die Zusammenhänge zu verstehen und die richtige zeitliche Abfolge zu rekonstruieren. Was ist wann passiert? Welche Ereignisse hängen zusammen? Wie beeinflussen meine Handlungen die Zukunft? Diese Fragen treiben einen durch das Spiel.

Kritisch anzumerken ist jedoch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Statt sich frei im Raum zu bewegen, teleportiert man zwischen vordefinierten Punkten. Das unterbricht den Immersionsfluss spürbar und fühlt sich in VR nicht mehr zeitgemäß an. Auch das Umdrehen erfolgt nicht stufenlos, sondern in 45-Grad-Schritten. Für VR-erfahrene Spieler, die freie Bewegung gewohnt sind, wirkt das einschränkend. Vermutlich wurde diese Lösung gewählt, um Motion Sickness zu minimieren – trotzdem hätte man zumindest eine Option für freiere Bewegung bieten können.

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Visuelle und akustische Inszenierung

Optisch präsentiert sich das Waisenhaus stimmungsvoll und atmosphärisch dicht. Die einzelnen Räume sind liebevoll gestaltet und vermitteln überzeugend das Gefühl eines alten, in die Jahre gekommenen Gebäudes. Kleine Details wie abgenutzte Möbel, verblasste Tapeten oder antike Dekorationselemente tragen zur Glaubwürdigkeit bei.

Besonders beeindruckend sind die Charaktermodelle. Die Gesichter der Kinder und Erwachsenen sind detailliert ausgearbeitet und vermitteln Emotionen glaubhaft. In VR, wo man nah an die Charaktere herantreten kann, ist diese Qualität wichtig – und FromSoftware liefert hier ab.

Die musikalische Untermalung verdient besondere Erwähnung. Klassische Musik durchzieht das gesamte Spiel und verstärkt die melancholisch-nachdenkliche Stimmung enorm. Die Kompositionen passen perfekt zur visuellen Ästhetik und tragen maßgeblich zur emotionalen Wirkung bei.

Sprachlich ist Déraciné komplett auf Deutsch lokalisiert, inklusive professioneller Synchronisation. Die Qualität der deutschen Vertonung ist durchweg gut. Eine Kuriosität bleibt allerdings: Die Kinder siezen sich untereinander, was im deutschen Sprachraum höchst ungewöhnlich wirkt. Ob das eine bewusste Entscheidung oder ein Übersetzungsfehler ist, bleibt das Geheimnis der Lokalisierer.

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Spielzeit und Wiederspielwert

Mit etwa vier Stunden Spielzeit für einen Durchlauf ist Déraciné kein langes Spiel. Für ein VR-Erlebnis ist diese Länge allerdings durchaus angemessen – längere Sessions können in Virtual Reality ohnehin ermüdend wirken. Die Geschichte entwickelt sich in diesem Zeitrahmen konsequent und findet zu einem befriedigenden Abschluss.

Der Wiederspielwert hält sich in Grenzen. Zwar könnte man das Spiel erneut durchspielen, um Details zu entdecken, die man beim ersten Mal übersehen hat, aber die weitgehend lineare Struktur lädt nicht zu mehrfachen Durchläufen ein. Déraciné ist ein Erlebnis für einen Durchgang – intensiv, aber nicht endlos.

Wer ist die Zielgruppe?

Déraciné richtet sich an eine sehr spezifische Zielgruppe. Wer von FromSoftware actionreiche Bosskämpfe und adrenalingeladenes Gameplay erwartet, wird hier enttäuscht. Das Spiel ist das genaue Gegenteil der Souls-Reihe: ruhig, bedächtig, kontemplativ.

Die ideale Zielgruppe sind Spieler, die atmosphärische Erzählungen schätzen, die sich gerne Zeit nehmen, eine Geschichte in sich aufzunehmen, und die emotional berührende Momente über spektakuläre Action stellen. Fans von Titeln wie What Remains of Edith Finch, Everybody’s Gone to the Rapture oder ähnlichen Walking Simulators werden hier eher fündig als Souls-Veteranen.

Die thematische Schwere sollte nicht unterschätzt werden. Déraciné behandelt Themen wie Tod, Verlust, Krankheit und moralische Ambiguität. Die Atmosphäre ist durchgehend schwermütig und bedrückend. Wer sich auf diese ernste Tonalität einlassen kann, wird mit einer berührenden Geschichte belohnt. Wer jedoch leichte Unterhaltung sucht, sollte einen Bogen machen.

Technische Performance

Auf der PlayStation 4 Pro läuft Déraciné stabil und ohne nennenswerte technische Probleme. Die Bildrate bleibt konstant, was in VR essentiell ist. Ladezeiten halten sich in akzeptablen Grenzen. Grafische Glitches oder Bugs sind uns während des Tests nicht begegnet.

Die VR-Umsetzung ist solide, wenn auch konservativ. Die Teleport-Bewegung und das schrittweise Drehen sind technisch sauber umgesetzt, wirken aber aus heutiger Sicht überholt. Positiv hervorzuheben ist, dass das Spiel auch bei längeren Sessions nicht zu Motion Sickness neigt – vermutlich genau der Grund für die eingeschränkte Bewegungsfreiheit.

Was funktioniert gut

Die atmosphärische Dichte ist beeindruckend. FromSoftware beweist, dass das Studio nicht nur düstere Fantasy-Welten erschaffen kann, sondern auch subtile, melancholische Settings. Die erzählerische Qualität überzeugt – die Geschichte entfaltet sich geschickt und findet zu einem emotional befriedigenden Höhepunkt. Die Lebensenergie-Mechanik ist originell und erzeugt interessante moralische Dilemmata. Die visuelle und musikalische Präsentation harmonieren perfekt und erschaffen eine einzigartige Stimmung.

Was weniger überzeugt

Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit stört den Immersionsfluss. Moderne VR-Titel bieten deutlich mehr Freiheit. Das Gameplay ist sehr limitiert – im Grunde sucht man Gegenstände und setzt sie ein. Mehr passiert mechanisch nicht. Die kurze Spielzeit rechtfertigt den Vollpreis kaum. Der fehlende Wiederspielwert bedeutet, dass man das Spiel nach einem Durchlauf vermutlich nicht wieder anfasst. Die thematische Schwere ist Geschmackssache, wird aber nicht jeden Spieler ansprechen.

Unser Fazit

Déraciné ist ein mutiges Experiment von FromSoftware – und im Großen und Ganzen ein gelungenes. Das Studio beweist eindrucksvoll, dass es mehr kann als brutal schwere Action-Rollenspiele. Die Fähigkeit, dichte Atmosphären zu schaffen und subtile Geschichten zu erzählen, funktioniert auch außerhalb der Souls-Formel.

Gleichzeitig ist Déraciné kein Spiel für jedermann. Die langsame Erzählweise, die schwermütige Grundstimmung und das begrenzte Gameplay sprechen eine Nische an. Man muss sich bewusst auf dieses Erlebnis einlassen wollen. Wer das tut und die thematische Ausrichtung schätzt, erhält ein bewegendes VR-Abenteuer, das im Gedächtnis bleibt.

Die technischen Einschränkungen – vor allem die limitierte Bewegung – trüben das Erlebnis jedoch spürbar. Hier hätte man mutiger sein können. Auch der Preis steht nicht optimal im Verhältnis zur gebotenen Spielzeit.

Déraciné ist letztendlich ein interessantes Nischenprojekt. Es zeigt FromSoftwares Vielseitigkeit und bietet Spielern, die atmosphärische VR-Erzählungen schätzen, ein qualitativ hochwertiges Erlebnis. Für die breite Masse ist es jedoch zu speziell und zu kurz.

Wertung: 7,0/10 – Gut

Ein atmosphärisch dichtes VR-Adventure mit emotionaler Geschichte, das unter technischen Einschränkungen und begrenztem Gameplay leidet, aber Genre-Fans eine lohnenswerte Erfahrung bietet.


Pro und Contra

Pro:

  • Außergewöhnlich dichte, melancholische Atmosphäre
  • Emotional berührende Geschichte mit starkem Finale
  • Originelle Lebensenergie-Mechanik mit moralischen Dilemmata
  • Wunderschöne visuelle Gestaltung der Umgebungen
  • Stimmungsvolle klassische Musikuntermalung
  • Hochwertige deutsche Lokalisierung und Synchronisation
  • Stabile technische Performance ohne VR-Übelkeit
  • FromSoftware zeigt unerwartete erzählerische Stärke

Contra:

  • Stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit (nur Teleportation)
  • Gameplay-mechanisch sehr limitiert und repetitiv
  • Mit vier Stunden sehr kurze Spielzeit
  • Praktisch kein Wiederspielwert vorhanden
  • Schwermütige Grundstimmung nicht für jeden geeignet
  • Preis-Leistungs-Verhältnis fragwürdig
  • Kinder siezen sich (merkwürdige Lokalisierungsentscheidung)
  • Keine DualShock-4-Unterstützung

Häufige Fragen zu Déraciné

Braucht man unbedingt PlayStation VR?
Ja, Déraciné ist exklusiv für PlayStation VR entwickelt und kann nicht ohne VR-Headset gespielt werden. Es gibt keine Nicht-VR-Version.

Wie stark ist die Motion Sickness?
Sehr gering. Die Teleport-Bewegung und das schrittweise Drehen minimieren das Risiko für VR-Übelkeit erheblich. Auch VR-Neulinge sollten gut zurechtkommen.

Ist das Spiel gruselig oder Horror?
Nein, Déraciné ist kein Horror-Spiel. Es hat eine melancholische, leicht beklemmende Atmosphäre, aber keine Jump-Scares oder Horror-Elemente im klassischen Sinne.

Wie schwer ist das Spiel?
Überhaupt nicht schwer. Die Rätsel sind zugänglich und nicht frustrierend. Es gibt keine Kämpfe oder Action-Sequenzen. Das Spiel fordert eher emotionale als spielerische Kompetenzen.

Kann man auch mit DualShock 4 spielen?
Nein, zwei PlayStation Move-Controller sind zwingend erforderlich. Eine DualShock-4-Unterstützung gibt es nicht.

Lohnt sich das Spiel zum Vollpreis?
Schwierige Frage. Mit nur vier Stunden Spielzeit ist der Vollpreis hoch angesetzt. Im Sale ist Déraciné definitiv eine Empfehlung wert für Fans atmosphärischer Adventures.

Ist es wirklich von den Dark-Souls-Machern?
Ja, Hidetaka Miyazaki selbst fungierte als Produzent. Das Spiel zeigt eine völlig andere Seite von FromSoftware, hat aber die typische Liebe zum Detail.

Gibt es mehrere Enden?
Nein, die Geschichte verläuft weitgehend linear mit einem festen Ende. Kleine Entscheidungen beeinflussen Details, aber nicht das grundsätzliche Ende.


Technische Daten

Entwickler: FromSoftware
Publisher: Sony Interactive Entertainment
Plattform: PlayStation 4 (PlayStation VR erforderlich)
Release: 6. November 2018
Genre: VR-Adventure, Point-and-Click
Spieleranzahl: Einzelspieler
Spielzeit: Ca. 4 Stunden
Sprachen: Deutsch (Text und Sprache), weitere Sprachen verfügbar
Altersfreigabe: USK 12

Anforderungen:

  • PlayStation 4 oder PlayStation 4 Pro
  • PlayStation VR-Headset
  • PlayStation Kamera
  • Zwei PlayStation Move-Controller (zwingend erforderlich)
  • Ca. 10 GB freier Speicherplatz

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