Sony unzufrieden mit Naughty Dog? Was wirklich hinter den Berichten steckt
Ein einziger Satz von Bloomberg-Journalist Jason Schreier hat diese Woche für Aufruhr in der Gaming-Community gesorgt. Die Reaktionen reichten von Weltuntergangsszenarien bis zu schroffer Ablehnung – dabei lohnt sich ein genauerer Blick auf das, was Schreier tatsächlich gesagt hat, und was er nicht gesagt hat.
Ein Satz, der alles ins Rollen brachte
Auf der Social-Media-Plattform Bluesky entspann sich kürzlich eine Diskussion über die explodierenden Produktionskosten großer PlayStation-Studios. Als jemand provokant behauptete, Sony habe wohl kein Problem damit, Naughty Dog Budgets von rund 300 Millionen US-Dollar zur Verfügung zu stellen, antwortete Schreier trocken: „Oh, damit haben sie definitiv ein Problem.“
Das reichte, um die übliche Gerüchtemaschinerie anzuwerfen. Zahlreiche Medien berichteten daraufhin, Sony sei intern zutiefst unzufrieden mit Naughty Dog, das Studio stehe unter Beobachtung, und die Zukunft des Uncharted- und TLOU-Entwicklers hänge am seidenen Faden. Die Realität ist etwas differenzierter.
Schreier rudert zurück – aber nicht komplett
Auf ResetEra meldete sich Schreier kurz darauf selbst zu Wort und stellte klar: Seine Aussage war nicht als gezielte Kritik speziell an Naughty Dog gemeint. Vielmehr beschreibe sie ein Problem, mit dem Sony – wie eigentlich jeder große Publisher gerade – zu kämpfen hat: AAA-Spiele kosten immer mehr, dauern immer länger, und am Ende stehen immer weniger Releases pro Konsolengeneration. Naughty Dog stehe dabei sinnbildlich für eine Entwicklung, die das gesamte Segment erfasst hat.
Der Kern bleibt aber bestehen. Sony erwartet von seinen First-Party-Studios messbaren Output – und genau da sieht die Bilanz der letzten Jahre dünn aus.
Die nüchterne Bilanz der PS5-Ära bei Naughty Dog
Das letzte vollständig neue Spiel von Naughty Dog war The Last of Us Part II – erschienen im Juni 2020, noch für die PS4. Was seitdem für die PS5 kam, beschränkte sich auf technische Aufgüsse: das Remake von The Last of Us Part I im Jahr 2022 sowie ein Remaster von Part II Anfang 2024. Beide Titel basierten auf bestehendem Code und Altdaten – kein neues Gameplay, keine neue Geschichte, kein neues Universum.
Hinzu kommt ein gescheitertes Großprojekt: Naughty Dog soll rund sieben Jahre an The Last of Us Online gearbeitet haben, einem Live-Service-Titel im TLOU-Universum. Das Projekt wurde 2023 eingestellt – trotz fortgeschrittenem Entwicklungsstand. Die enormen Ressourcen, die dabei über Jahre gebunden waren, fehlten unmittelbar bei neuen Singleplayer-Projekten und haben die Produktivität des Studios faktisch blockiert.
Rechnet man alles zusammen, ergibt sich ein ernüchterndes Bild: Die gesamte bisherige Lebensdauer der PS5 verging, ohne dass Naughty Dog auch nur einen einzigen nativen Erstveröffentlichung für die Konsole geliefert hat.
Intergalactic: Der Hoffnungsträger ohne Termin
Das nächste neue Spiel des Studios, Intergalactic: The Heretic Prophet, wurde im Dezember 2024 angekündigt. Gameplay gibt es bislang keines, ein Release-Datum fehlt ebenfalls. Berichten zufolge ist ein Launch für 2027 angepeilt – also kurz vor dem erwarteten Start der PS6-Ära. Was das für die Erwartungshaltung von Sony bedeutet, liegt auf der Hand: Ein weiteres verschobenes oder eingestelltes Projekt in diesem Stadium wäre nicht nur ein PR-Desaster, sondern auch finanziell kaum zu rechtfertigen.
Vom Jahrestakt zur Dekadenpause: Naughty Dogs langer Wandel
Um zu verstehen, warum die aktuelle Situation so ungewöhnlich ist, lohnt ein Blick zurück. In der PS1-Ära veröffentlichte Naughty Dog zwischen 1996 und 1999 vier Crash-Bandicoot-Titel – darunter auch den Spin-off Crash Team Racing – in einem Rhythmus, der heute kaum vorstellbar wäre. Auf der PS2 folgten vier Jak-and-Daxter-Spiele zwischen 2001 und 2005.
Mit der PS3 begann der Wandel: Uncharted (2007), Uncharted 2 (2009) und The Last of Us (2013) waren deutlich aufwändigere Produktionen, aber das Studio lieferte immer noch regelmäßig. Auf der PS4 erschienen Uncharted 4 (2016) und das Sequel The Last of Us Part II (2020).
Und dann: Stille. Sechs Jahre ohne ein einziges neues Spiel von Naughty Dog, und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Anstieg an Komplexität, Teamgröße und Budget hat das Studio von einem der produktivsten der Branche zu einem der langsamsten verwandelt – zumindest was neue Veröffentlichungen betrifft.
Ein Branchenproblem, kein Einzelfall
Naughty Dog steht stellvertretend für eine Entwicklung, die das gesamte AAA-Segment erfasst hat. Wo Studios früher innerhalb einer Konsolengeneration drei oder vier große Spiele ablieferten, verschlingen moderne Blockbuster-Produktionen heute fünf bis acht Jahre – und Budgets, die dreistellige Millionenbeträge in US-Dollar überschreiten. Die langen Entwicklungszyklen und der damit verbundene Druck auf die Belegschaft machen es für Publisher wie Sony immer schwieriger, ihr First-Party-Portfolio mit regelmäßigen Highlights zu füllen.
Naughty Dog ist dabei kein Einzelfall. Auch Bungie, das Sony 2022 für rund 3,6 Milliarden US-Dollar übernahm, soll die Erwartungen des Konzerns bislang nicht erfüllt haben – besonders nach dem anhaltenden Niedergang von Destiny 2 und mehreren Entlassungswellen, die das Studio erschüttert haben.
Das wohl bekannteste branchenweite Beispiel bleibt Grand Theft Auto VI von Rockstar Games, dessen Veröffentlichung sich ebenfalls über viele Jahre hingezogen hat und inzwischen für Ende 2025 erwartet wird. Was früher ein Ausnahmefall war, ist mittlerweile zur Norm geworden.
Was bedeutet das für Sony und PlayStation?
PlayStation lebt von starken Exklusivspielen. Das war in der PS4-Ära das entscheidende Argument gegen Xbox, und es ist bis heute die Grundlage des Geschäftsmodells. Wenn eines der wichtigsten internen Studios eine gesamte Konsolengeneration ohne neuen Titel übersteht, ist das nicht nur ein Image-Problem, sondern ein strukturelles.
Sony wird die Daumenschrauben nicht öffentlich anziehen – dafür ist Naughty Dog zu eng mit der Marke PlayStation verbunden. Aber intern dürfte der Druck enorm sein. Intergalactic muss liefern, und zwar nicht nur als gutes Spiel, sondern als Beweis, dass das Studio seinen Platz im PlayStation-Ökosystem noch rechtfertigt.
Fazit
Die Aufregung um Schreiers Bluesky-Kommentar war etwas größer als nötig. Naughty Dog steht nicht vor dem Aus, und Sony hat das Studio nicht öffentlich an den Pranger gestellt. Was bleibt, ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: Eine ganze Konsolengeneration ohne ein einziges neues Spiel des wichtigsten PlayStation-Studios – und ein nächstes Projekt, das bislang nicht mehr als einen Trailer zu bieten hat. Ob Intergalactic: The Heretic Prophet die Erwartungen einlösen kann, wird sich frühestens 2027 zeigen. Die Messlatte liegt jedenfalls hoch.
FAQ: Sony, Naughty Dog und die PS5-Flaute
Ist Sony wirklich unzufrieden mit Naughty Dog? Bloomberg-Journalist Jason Schreier deutete auf Bluesky an, dass Sony ein Problem mit den explodierenden Budgets und langen Entwicklungszeiten hat – und nannte Naughty Dog als Beispiel. Auf ResetEra stellte er jedoch klar, dass es sich nicht um gezielte Kritik am Studio handelt, sondern um ein branchenweites Problem mit AAA-Produktionskosten. Naughty Dogs Position bei Sony gilt weiterhin als gesichert.
Warum hat Naughty Dog seit Jahren kein neues Spiel veröffentlicht? Das Studio arbeitete über sieben Jahre an The Last of Us Online, einem Live-Service-Projekt, das 2023 eingestellt wurde. Die dafür gebundenen Ressourcen fehlten bei der Entwicklung neuer Singleplayer-Titel. Hinzu kommen die generell gestiegenen Produktionszeiten im AAA-Bereich.
Was ist Intergalactic: The Heretic Prophet? Das nächste vollständig neue Spiel von Naughty Dog, angekündigt im Dezember 2024. Ein Sci-Fi-Titel, über den bislang kaum Details bekannt sind – kein Gameplay, kein konkreter Release-Termin. Ein Launch für 2027 gilt als wahrscheinlich.
Hat Naughty Dog in der PS5-Ära wirklich kein einziges neues Spiel veröffentlicht? Korrekt. Die PS5-Jahre wurden bislang ausschließlich mit einem Remake von The Last of Us Part I (2022) und einem Remaster von Part II (2024) bedient – beides basiert auf bestehendem Material. Ein natives PS5-Original fehlt bis heute.
Wann erschien das letzte wirklich neue Spiel von Naughty Dog? The Last of Us Part II im Juni 2020 – erschienen für die PS4. Das war das letzte vollständig neue Projekt des Studios.

