Was ist ein Let’s Play?
Ein Let’s Play ist ein Videoformat, bei dem eine Person ein Videospiel spielt und die Aufnahme dabei mit Kommentaren, Reaktionen oder Erklärungen begleitet. Zuschauende erleben das Spiel nicht selbst – sie schauen jemandem dabei zu und hören dessen Gedanken, Emotionen oder Analysen in Echtzeit. Das Ergebnis ist ein hybrides Format: halb Gameplay-Dokumentation, halb Unterhaltungsshow.
Der Unterschied zu einer reinen Komplettlösung oder einem Walkthrough liegt im Fokus: Während ein Walkthrough primär das Durchspielen und Erklären von Spielmechaniken in den Vordergrund stellt, steht beim Let’s Play die Persönlichkeit und Reaktion des Spielenden im Mittelpunkt. Das Spielerlebnis ist das eigentliche Produkt.
Die Geschichte des Formats
Die Wurzeln des Let’s Play liegen im amerikanischen Forum Something Awful. Dort tauchte der Begriff „Let Us Play“ erstmals 2006 auf, als Nutzerinnen und Nutzer begannen, kommentierte Screenshots von Spielen in Threads zu posten – andere konnten mitlesen, mitdiskutieren und Einfluss auf den weiteren Spielverlauf nehmen.
Das erste bekannte Let’s Play im Videoformat mit Live-Kommentar veröffentlichte der Something-Awful-Nutzer Michael Sawyer am 5. Januar 2007. Ursprünglich als reines Screenshot-Projekt geplant, entschied er sich spontan für eine Videoaufnahme mit fortlaufendem Kommentar – und das Publikum mochte diese Version deutlich mehr als die Textform. Ein Format war geboren.
In den Folgejahren verlagerte sich das Genre auf YouTube, das sich als ideale Plattform für die wachsende Zahl an Spielevideos erwies. Mit dem Aufkommen von Capture Cards, die eine einfache Aufnahme von Konsolenbildschirmen ermöglichten, wurde das Format auch für Konsoleros zugänglich. Die Zuschauerzahlen explodierten: Kanäle mit Let’s-Play-Inhalten gehörten Ende der 2000er und Anfang der 2010er Jahre zu den wachstumsstärksten auf der Plattform.
Mit der Einführung von Twitch 2011 bekam das Format eine zweite Heimat – diesmal als Live-Event. Der Unterschied: Zuschauende konnten nun in Echtzeit per Chat mit dem Spielenden interagieren, was die parasoziale Beziehung zwischen Creator und Community weiter vertiefte.
Typen von Let’s Plays
Das Format hat sich über die Jahre stark ausdifferenziert. Die gängigsten Varianten:
Kommentiertes Let’s Play
Die klassische Form: Der oder die Spielende kommentiert das Geschehen fortlaufend, entweder mit Humor, Analyse oder spontanen Reaktionen. Oft wird das Gesicht per Facecam eingeblendet. Dieser Typ ist besonders auf YouTube verbreitet.
Blind Let’s Play
Der Spielende kennt das Spiel vorher nicht – keine Vorkenntnisse, keine Recherche. Die echten Erstreaktionen auf Story-Wendungen, Jumpscares oder unerwartete Spielmechaniken sind das zentrale Unterhaltungselement.
Challenge-Let’s Play
Das Spiel wird unter selbst auferlegten Einschränkungen gespielt: nur mit einer bestimmten Waffe, auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad, ohne Schaden zu nehmen oder in möglichst kurzer Zeit. Dieses Format überschneidet sich teilweise mit dem Speedrunning.
Co-op Let’s Play
Mehrere Personen spielen gemeinsam und kommentieren sich gegenseitig. Die Dynamik zwischen den Spielenden – Humor, Streit, Zusammenarbeit – ist das eigentliche Produkt, weniger das Spiel selbst.
Lore-Let’s Play / Analyse-Format
Das Gameplay ist hier Rahmen für tiefergehende Auseinandersetzungen mit der Geschichte, dem Worldbuilding oder den Spielmechaniken eines Titels. Häufig in Verbindung mit Franchise-Kanälen oder auf Rollenspieltitel spezialisierte Creator.
Livestream-Let’s Play
Das Let’s Play findet live statt, typischerweise auf Twitch oder YouTube Live. Zuschauende können über den Chat direkt Einfluss nehmen, Fragen stellen oder Reaktionen provozieren. Der spontane Charakter und die direkte Interaktion sind das wesentliche Merkmal gegenüber aufgezeichneten Formaten.
Let’s Plays und Gaming-Community
Let’s Plays sind weit mehr als ein Konsumformat – sie sind ein integraler Bestandteil der Gaming-Kultur geworden. Für viele Spielende sind sie der primäre Weg, neue Titel zu entdecken, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen. Andere nutzen sie, um Spiele zu erleben, die sie aus technischen, finanziellen oder zeitlichen Gründen nicht selbst spielen können oder wollen.
Besonders im Horror-Genre haben Let’s Plays eine eigene Ästhetik entwickelt: echte Schreckensreaktionen, Stressmomente und das Mitfiebern der Zuschauenden machen Titel wie Amnesia oder Five Nights at Freddy’s zu Community-Erlebnissen, die weit über das eigentliche Spiel hinausgehen. PewDiePie ist das bekannteste Beispiel dafür, wie ein Horror-Let’s-Play-Kanal in kurzer Zeit zur weltweiten Reichweite führen kann.
Gleichzeitig haben Let’s Plays eine neue Form von Parasozialität geprägt: Zuschauende bauen über Wochen und Monate eine emotionale Bindung zu Creatorn auf, die eng mit deren Spielpersönlichkeit verknüpft ist. Der Chat einer Livestream-Session hat dabei die Funktion eines kollektiven Zuschauerraums – ein gemeinsames Erlebnis, das früher nur in physischer Gemeinschaft möglich war. Die Kehrseite dieser Offenheit: Live-Chats können auch zum Schauplatz von toxischem Gaming-Verhalten werden – von gezielten Beleidigungen gegen den Streamenden bis hin zu koordinierten Störaktionen durch organisierte Gruppen.
Für Spieleentwicklerinnen und -entwickler sind Let’s Plays inzwischen ein wichtiger Teil des Marketingökosystems. Ein virales Let’s Play kann den Verkauf eines Indie-Titels über Nacht vervielfachen – ein Effekt, den viele Publisher längst in ihre Vermarktungsstrategie einbeziehen.
Rechtliche Aspekte
Videospiele sind urheberrechtlich geschützte Werke. Das bedeutet: Wer Spielinhalte – Grafik, Musik, Zwischensequenzen, Charaktere – aufzeichnet und veröffentlicht, braucht dafür grundsätzlich die Erlaubnis des Rechteinhabers. Let’s Plays bewegen sich damit von Haus aus in einem rechtlich sensiblen Bereich.
In der Praxis dulden viele Publisher Let’s Plays ausdrücklich oder stillschweigend, weil sie den Marketingeffekt schätzen. Verbindliche Rechtssicherheit gibt das jedoch nicht. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte die offiziellen Creator-Richtlinien des jeweiligen Herstellers prüfen – viele große Publisher wie Microsoft, Sony oder EA haben diese veröffentlicht.
Bei der Monetarisierung wird es noch komplexer: Selbst wenn ein Publisher Let’s Plays grundsätzlich erlaubt, bedeutet das nicht automatisch, dass Werbeeinnahmen oder Sponsorings zulässig sind. Einige Hersteller erlauben kommerzielle Nutzung ausdrücklich, andere schließen sie aus oder verlangen eine Umsatzbeteiligung.
Ein weiterer Stolperstein ist die Musik im Spiel: Selbst wenn der Publisher Gameplay-Aufnahmen erlaubt, können Musikrechte separat bei Verwertungsgesellschaften wie der GEMA liegen. YouTube erkennt solche Inhalte automatisch über Content-ID-Systeme und kann Videos stumm schalten, monetarisieren oder sperren – ohne dass der Creator oder der Spielepublisher aktiv eingreifen.
Wer andere Personen im Stream oder Video zeigt, muss zusätzlich das Recht am eigenen Bild beachten. Mitspielende, zufällig sichtbare Personen oder Gäste im Hintergrund eines Streams können Ansprüche nach § 22 KunstUrhG geltend machen.
Grundsätzlich gilt: Die rechtliche Lage bei Let’s Plays ist in Deutschland nicht abschließend gesetzlich geregelt und hängt stark vom Einzelfall sowie den Richtlinien des jeweiligen Publishers ab. Im Zweifel lohnt sich eine direkte Anfrage beim Rechteinhaber.
Fazit
Let’s Plays haben sich vom Nischenprojekt eines amerikanischen Forums zu einem der prägendsten Formate der Gaming-Kultur entwickelt. Sie sind Unterhaltung, Kaufberatung, Community-Erlebnis und Marketinginstrument zugleich – und haben die Art, wie Videospiele wahrgenommen und konsumiert werden, grundlegend verändert. Wer selbst Let’s Plays produzieren möchte, sollte das Format kennen, aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen im Blick behalten.
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