Kaum eine Spielereihe hat die Vorstellung davon, was eine offene Spielwelt sein kann, so radikal verändert wie Grand Theft Auto. Von einer kontroversen Top-Down-Crime-Sim aus den späten 1990ern bis zum milliardenschweren Live-Service-Phänomen GTA Online – die Geschichte der Reihe ist auch die Geschichte des modernen Open-World-Genres selbst. Dieser Artikel zeichnet den kompletten Weg von 1997 bis zur Gegenwart nach.
Die Ursprünge: Chaos aus der Vogelperspektive (1997–1999)
Das erste Grand Theft Auto erschien 1997 beim schottischen Studio DMA Design, das später als Rockstar North bekannt wurde. Aus der Top-Down-Perspektive steuerten Spieler Kriminelle durch fiktive US-Städte, erledigten Aufträge für die Unterwelt und konnten dabei nahezu jedes Fahrzeug stehlen – daher der Name. Schon dieser erste Teil sorgte wegen seiner Gewaltdarstellung und der Belohnung krimineller Handlungen für erhebliche öffentliche Debatten, ein Muster, das die Reihe über Jahrzehnte begleiten sollte. Die Erweiterung London 1969 (1999) und der direkte Nachfolger GTA 2 (1999) verfeinerten die Formel, blieben aber technisch und konzeptionell nah am Original.
Die 3D-Revolution: GTA III (2001)
Der eigentliche Wendepunkt kam 2001. GTA III übertrug das Konzept erstmals in eine vollständig dreidimensionale, frei befahrbare Stadt – Liberty City – und etablierte damit viele Grundprinzipien, die bis heute als Open-World-Standard gelten: eine lebendige Stadt mit eigenem Tagesrhythmus, Verfolgungsjagden mit eskalierendem Fahndungslevel und eine Erzählung, die sich organisch in die freie Erkundung einfügt. Kommerziell wie kritisch war GTA III ein Erdbeben und gilt rückblickend als eines der einflussreichsten Spiele überhaupt.
Die goldene Ära: Vice City und San Andreas (2002–2004)
Mit GTA Vice City (2002) verlegte Rockstar das Geschehen in ein von Miami der 1980er-Jahre inspiriertes Setting voller Neonfarben, Synthesizer-Soundtrack und Pop-Kultur-Zitate. Der Erfolg war noch größer als bei GTA III. GTA San Andreas (2004) ging noch weiter: drei Städte, ein riesiges Hinterland, RPG-artige Charakterentwicklung mit Fitness- und Fähigkeitswerten und eine deutlich ambitioniertere Erzählung um Protagonist CJ. San Andreas gilt bis heute für viele Fans als kreativer Höhepunkt der klassischen Ära. Auf dem PlayStation Portable folgten mit Liberty City Stories (2005) und Vice City Stories (2006) zwei eigenständige Handheld-Ableger, die zeigten, wie weit das Konzept tragen konnte.
Der Realismus-Schritt: GTA IV (2008)
Mit dem Sprung in die HD-Konsolengeneration vollzog GTA IV 2008 einen bewussten Tonwechsel: weniger comichafte Übertreibung, mehr erzählerische Ernsthaftigkeit. Protagonist Niko Bellic, ein Einwanderer mit Kriegsvergangenheit, stand im Zentrum einer deutlich dichteren, emotionaleren Geschichte. Die neue Euphoria-Physik-Engine sorgte für glaubwürdigere Bewegungs- und Unfallanimationen. Die beiden Erweiterungen The Lost and Damned und The Ballad of Gay Tony, später gebündelt als Episodes from Liberty City (2009), erkundeten dieselbe Stadt aus anderen Perspektiven – ein frühes Beispiel für erzählerische DLC-Strategien, wie sie heute Standard sind.
Der Höhepunkt: GTA V und GTA Online (2013–heute)
GTA V (2013) verband drei spielbare Protagonisten – Michael, Franklin und Trevor – mit der bis dahin größten und detailliertesten Welt der Reihe, Los Santos. Das Spiel wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Unterhaltungsprodukte aller Zeiten, branchenübergreifend. Mindestens ebenso bedeutsam war der parallele Start von GTA Online: Was zunächst als Multiplayer-Ergänzung gedacht war, wuchs über mehr als ein Jahrzehnt zu einem eigenständigen Live-Service-Ökosystem mit regelmäßigen kostenlosen Updates, das GTA V über drei Konsolengenerationen hinweg relevant hielt – eine in der Branche fast beispiellose Langlebigkeit, die maßgeblich zur finanziellen Stärke von Publisher Take-Two beitrug.
Remaster-Stolperstein und die Gegenwart
2021 versuchte Rockstar mit GTA: The Trilogy – The Definitive Edition, die drei 3D-Ära-Klassiker für moderne Plattformen aufzubereiten. Der Launch geriet jedoch zu einem der unrühmlichsten Momente der Studiogeschichte: massive technische Probleme und ein als lieblos empfundenes visuelles Update sorgten für scharfe Kritik aus Community und Presse. Über mehrere Konsolengenerationen hinweg blieb GTA V dennoch der kommerzielle Fixpunkt der Reihe – auch weil ein echter Nachfolger ungewöhnlich lange auf sich warten ließ.
GTA VI: Die am meisten erwartete Fortsetzung der Branche
Der erste offizielle Trailer zu GTA VI im Dezember 2023 brach binnen Stunden Rekorde bei den Aufrufzahlen. Das Spiel kehrt nach Vice City zurück – beziehungsweise in dessen fiktives Pendant im Bundesstaat Leonida – und führt mit Lucia erstmals eine weibliche Hauptfigur in einem nummerierten Hauptteil ein, gemeinsam mit Partner Jason. Angesichts von Entwicklungsbudgets, die inzwischen mehrere hundert Millionen US-Dollar erreichen können, zählt GTA VI zu den teuersten und am meisten erwarteten Produktionen der Spielegeschichte.
Eine Reihe im Dauerclinch mit der Öffentlichkeit
Kaum ein Franchise war so häufig Gegenstand gesellschaftlicher Debatten über Gewaltdarstellung in Videospielen wie Grand Theft Auto – vom umstrittenen „Hot Coffee“-Modding-Skandal bei San Andreas bis zu wiederkehrenden politischen Vorstößen, einzelne Teile zu verbieten. Diese Kontroversen haben die kommerzielle Strahlkraft der Reihe nie nachhaltig geschmälert, prägen aber bis heute die öffentliche Wahrnehmung der Marke.
GTA: Die Hauptteile im Überblick
| Jahr | Titel | Setting |
|---|---|---|
| 1997 | Grand Theft Auto | Liberty City / Vice City / San Andreas (fiktiv, Top-Down) |
| 1999 | GTA 2 | Anytown, USA (Top-Down) |
| 2001 | GTA III | Liberty City (3D) |
| 2002 | GTA Vice City | Vice City (1980er) |
| 2004 | GTA San Andreas | San Andreas (1990er) |
| 2008 | GTA IV | Liberty City (Gegenwart) |
| 2013 | GTA V | Los Santos / San Andreas |
| 2026 (geplant) | GTA VI | Leonida / Vice City |
Häufig gestellte Fragen zu GTA
Wie viele Hauptteile hat die GTA-Reihe?
Es gibt sechs nummerierte Hauptteile seit 1997. Hinzu kommen mehrere eigenständige Ableger wie Vice City, San Andreas und die Handheld-Titel, die teils als Erweiterungen, teils als vollwertige Einzelspiele zählen.
Warum hat GTA Online so eine lange Lebensdauer?
GTA Online wird seit 2013 ohne Unterbrechung mit kostenlosen Inhalts-Updates versorgt und finanziert sich über optionale Ingame-Käufe. Diese Kombination aus stetigem Content-Nachschub und einem etablierten Spielerstamm hat das Spiel über drei Konsolengenerationen hinweg relevant gehalten.
Wird GTA VI auf dem PC erscheinen?
Offiziell hat Rockstar bislang nur Konsolenversionen angekündigt. Eine PC-Version gilt als wahrscheinlich, folgt bei Rockstar-Titeln traditionell aber meist erst einige Monate nach dem Konsolen-Release.
