Manche Spiele kommen leise. The Necromancer’s Tale schlich sich im Sommer 2025 auf den PC, gewann Preise, sammelte eine treue Fangemeinde – und blieb für alle, die lieber auf der Couch zocken, fast ein Jahr lang unerreichbar. Jetzt ist das gotische Rollenspiel von Psychic Software endlich auf der PS5 angekommen, mit allem, was die Geschichte um Verrat, Totenbeschwörung und gesellschaftlichen Abstieg so besonders macht. Doch der Sprung von Maus und Tastatur auf den Controller hinterlässt Spuren, die sich nicht wegschreiben lassen.
Geschichte & Atmosphäre
1733, irgendwo an einer alternativen Adriaküste: Du bist ein kleiner Adliger ohne große Macht, aber mit Zugang zu einem Buch, das niemand anfassen sollte. Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, formt ein langes, vollständig vertontes Prologkapitel deine Herkunft, deine Fähigkeiten und deine Karriere – militärisch, diplomatisch oder akademisch. Diese frühen Entscheidungen sind kein kosmetisches Beiwerk. Sie schreiben sich in deine Werte ein und öffnen oder verschließen Gesprächsoptionen für den Rest des Spiels. Über 400.000 Wörter handgeschriebener Text und mehr als 180 NPCs mit individuell von Hand gezeichneten Portraits stecken in dieser Welt, und man merkt jeder Zeile an, dass hier niemand abgekürzt hat.
Was The Necromancer’s Tale trägt, ist sein Trust-System. Jede Lüge, jede Erpressung, jede zu offen zur Schau gestellte Verbindung zu den dunklen Künsten verändert, wie dir die Stadtbevölkerung begegnet. Sinkt das Vertrauen zu weit, drohen Gerichtsverfahren oder ein wütender Mob – kein Game-Over-Bildschirm, sondern eine logische Konsequenz deines Verhaltens. Diese Mischung aus höfischer Intrige und Schwarzer Magie, eingebettet in eine Welt am Übergang von Aberglaube zu beginnender Aufklärung, ist es, die das Spiel von klassischer Horror-Kost abhebt: Hier gruselt nicht das Monster, sondern die eigene Entscheidung.
Gameplay & Kernmechaniken
Untersuchen, verhandeln, erpressen, schmeicheln – das sind die vier Verben, um die sich der Großteil des Spiels dreht. Wer auf schnelle Action hofft, wird in den ersten Stunden auf die Probe gestellt. Der Einstieg zieht sich, gerade weil die Charaktererschaffung selbst schon ein eigenes Kapitel mit eigener Spannungskurve ist. Wer das durchsteht, wird mit einem ungewöhnlich reaktiven Dialogsystem belohnt, in dem fast jede Aussage irgendwann irgendwo wieder auftaucht.
Sobald die ersten nekromantischen Rituale freigeschaltet sind, bekommt das Spiel ein zweites Standbein: rundenbasierte Kämpfe, in denen du gemeinsam mit lebenden Verbündeten und aufgezogenen untoten Dienern gegen natürliche wie übernatürliche Gegner antrittst. Wer keine Lust auf Taktik hat, kann Kämpfe automatisch auflösen lassen – praktisch für alle, die primär wegen der Geschichte hier sind. Genau in diesem System zeigt sich aber auch die größte Schwäche: Die Kämpfe wirken im Vergleich zur erzählerischen Tiefe simpel gestrickt, Trefferchancen schwanken spürbar unausgeglichen, und taktische Tiefe sucht man oft vergeblich. Mit mehreren Enden und einer Spielzeit von 25 bis 50 Stunden bleibt unterm Strich aber genug, um sich in dieser Welt zu verlieren.

PS5: Steuerung & Bedienung
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt dieses Tests. The Necromancer’s Tale wurde sichtbar für Maus und Tastatur entworfen, und die Controller-Steuerung wirkt eher nachgerüstet als durchdacht. Die umfangreichen Dialoghistorien lassen sich nur mühsam mit dem Stick durchscrollen, lange Textmengen auf kleinerer TV-Schrift sind anstrengend zu lesen, und es fehlt an Komfortfunktionen wie Schnellauswahl-Radialmenüs für NPCs oder Inventar, die ein Controller-natives Design ausgemacht hätten. Vom DualSense merkt man praktisch nichts – kein haptisches Feedback bei Volltreffern, keine adaptiven Trigger bei Ritualen, nichts, was das Gamepad sinnvoll einbindet.
Das ist insofern ärgerlich, weil es kein Beinbruch wäre. Andere narrative RPGs haben gezeigt, dass sich textlastige Systeme sehr wohl elegant auf den Controller übertragen lassen. Hier merkt man an jeder Ecke, dass die Quality-of-Life-Überlegungen für die Konsolenfassung eher nachträglich als von Grund auf mitgedacht wurden. Wer geduldig ist, gewöhnt sich daran. Wer es nicht ist, wird in den ersten Spielstunden öfter fluchen, als das Spiel verdient hätte.
Technik & Performance
Der mitgelieferte Day-One-Patch nimmt einige gröbere Kanten, die in frühen Pressefassungen noch sichtbar waren. Die Framerate bleibt im getesteten Zeitraum stabil, was angesichts der eher zurückhaltenden visuellen Anforderungen des Spiels auch zu erwarten war. Ladezeiten beim Wechsel zwischen Stadtbezirken fallen dafür spürbar länger aus, als man es von einem grafisch unaufwendigen Titel erwarten würde – kein Dealbreaker, aber ein wiederkehrender kleiner Stolperstein im Spielfluss.
Wichtig für die Einordnung der bisherigen Kritikerwertungen: Der Metascore von 77 und die „Strong“-Einstufung bei OpenCritic basieren überwiegend auf Tests der PC-Fassung aus dem letzten Jahr. Die hier beschriebenen Bedienungsprobleme und das insgesamt eher unfertig wirkende Feinschliff-Niveau der Konsolenversion sind in diesen Wertungen schlicht nicht abgebildet – ein Punkt, den potenzielle Käufer auf dem Schirm haben sollten, bevor sie sich an alten Reviews orientieren.
Ein Punkt, der vor dem Kauf unbedingt klar sein sollte: The Necromancer’s Tale gibt es zum Test-Zeitpunkt ausschließlich auf Englisch – keine deutschen Texte, keine deutschen Untertitel, keine Lokalisierung in irgendeiner Form. Bei einem Spiel, das zu großen Teilen aus genau diesen 400.000 Wörtern Text besteht, ist das keine Randnotiz, sondern eine zentrale Hürde. Wer mit komplexerem, oft auch antiquiert formuliertem Schriftenglisch nicht flüssig zurechtkommt, wird hier deutlich mehr kämpfen müssen als bei einem durchschnittlichen englischsprachigen Actionspiel.
Audio & Optik
Bei aller Kritik an der Bedienung: Die künstlerische Seite von The Necromancer’s Tale verdient ihre Auszeichnungen. Die handgezeichneten Portraits der über 180 NPCs geben jedem Gespräch ein Gesicht, ohne dass dabei auf generische KI-Hilfsmittel zurückgegriffen wurde – ein Punkt, auf den Entwickler Psychic Software ausdrücklich stolz ist und der sich auch spielerisch auszahlt. Die vollständig vertonte Hintergrundgeschichte verleiht der sonst textlastigen Charaktererschaffung emotionales Gewicht, das viele vergleichbare CRPGs vermissen lassen.
Der ambiente, oft minimalistische Soundtrack unterstreicht die morbide Grundstimmung zuverlässig, auch wenn er bei den ausgedehnten Dialogpassagen irgendwann in den Hintergrund tritt und seine Wiederholungen hörbar werden. Insofern bleibt die audiovisuelle Seite genau das, was sie schon auf dem PC war: ein starkes Fundament, das hier von der Konsolenfassung weder beschädigt noch entscheidend verbessert wird.
Fazit
Das Herzstück von The Necromancer’s Tale – Schreibe, Atmosphäre, das Trust-System und seine Konsequenzen – funktioniert auf der PS5 genauso gut wie auf dem PC, vielleicht sogar besser auf dem Sofa, wenn man sich durch die ersten holprigen Stunden gekämpft hat. Genau dieser Kampf mit Steuerung und Menüführung ist es aber, der die Konsolenfassung spürbar hinter ihr Ausgangsmaterial zurückfallen lässt.
Wer das Spiel ausschließlich auf der Couch erleben kann oder will, bekommt ein erzählerisch außergewöhnliches Rollenspiel mit echten Reibungsverlusten in der Bedienung. Wer Zugang zu einem PC hat, sollte ernsthaft erwägen, dort zuzugreifen – die Geschichte bleibt dieselbe, der Komfort ist dort spürbar größer.
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Außergewöhnlich dichtes Schreiben mit 400.000 Wörtern handgeschriebenem Text | – Steuerung wirkt für den Controller nachgerüstet statt durchdacht |
| + Trust-System macht Dialogentscheidungen spürbar folgenreich | – UI und Menüführung wirken optisch und technisch in die Jahre gekommen |
| + Dichte gotische Atmosphäre mit starkem Necromancy-Worldbuilding | – Rundenbasiertes Kampfsystem bleibt simpel und teils unausgeglichen |
| + Handgezeichnete Portraits für über 180 NPCs, kein KI-generierter Content | – Zäher Einstieg durch langes, dialoglastiges Prolog-Kapitel |
| + Mehrere Enden und Karrierewege mit echtem narrativem Einfluss | – Bisherige Kritikerwertungen basieren überwiegend auf der PC-Fassung |
| + Ausgezeichnet mit dreifachem Sieg bei den Imirt Irish Game Awards 2026 | – Keine deutsche Lokalisierung, weder Texte noch Untertitel |
Getestete Version: PS5 – Day-One-Patch, Stand Juni 2026
UVP: 22,99 €
Für wen: Für Fans erzählgetriebener CRPGs mit guten Englischkenntnissen (keine deutsche Lokalisierung) und Geduld für Bedienungs-Reibung auf der PS5.
Offenlegung: Getestet auf Basis eines vom Publisher bereitgestellten Review-Codes.

