Ein Zauberstab in der Hand, ein Schloss voller Geheimnisse vor Augen und ein Jahrhundert, das die Bücher nie erzählt haben – Hogwarts Legacy verspricht genau das, wovon Millionen Fans seit Jahren träumen. Kein Harry, kein Voldemort, sondern die eigene Schulzeit im Hogwarts des 19. Jahrhunderts. Klingt nach der Erfüllung eines Kindheitswunsches. Ob Avalanche Software dieses Versprechen auch einlöst, klären wir im Test.
Geschichte & Atmosphäre
Die Prämisse ist ungewöhnlich mutig: Statt eines Erstklässlers schlüpft ihr in die Robe eines Fünftklässlers, der spät nach Hogwarts kommt und dazu noch über eine uralte, gefährliche Form der Magie verfügt. Diese Ausgangslage gibt der Handlung von Anfang an Gewicht, auch wenn die Hauptgeschichte um die titelgebende Ancient Magic streckenweise vorhersehbarer verläuft, als es das Setting verdient hätte. Wirklich stark wird es dort, wo Hogwarts Legacy seine Nebenfiguren sprechen lässt: Sebastian Sallows Abstieg in dunklere Machenschaften, Poppy Sweetings Sorge um magische Wesen oder Natsai Onais Konflikt zwischen Pflicht und Freundschaft erzählen intensiver von Hogwarts als jede Haupthandlung.
Die Atmosphäre trägt das Spiel über weite Strecken. Wer je vom Gang durch die Große Halle geträumt hat, wird hier fündig – die Portraits blinzeln, Rüstungen salutieren im Vorbeigehen, und Hogsmeade wirkt selbst nach Stunden noch wie ein Ort, den man weiter erkunden möchte. Dieses Weltgefühl ist die eigentliche Stärke des Spiels, nicht die Hauptquestreihe.
Gameplay & Kernmechaniken
Im Kern ist Hogwarts Legacy ein Action-RPG, dessen Kampfsystem auf einem Zauberspruch-Karussell basiert. Ihr kombiniert Kontrollzauber wie Levioso, Flächenangriffe wie Incendio und taktische Tricks wie den Unverzeihlichen Fluch Imperio zu eigenen Kombos, während ihr Ausweichrollen und Schilde geschickt timen müsst. Die ersten zehn Stunden fühlt sich dieses System herrlich flexibel an – gegen Ende der rund 30 bis 40 Stunden langen Story wiederholen sich die Encounter-Muster allerdings merklich, weil neue Gegnertypen seltener echte neue Antworten erfordern als schlicht mehr Zauber gleichzeitig auf euch werfen.
Außerhalb der Kämpfe dominieren Talentbäume, Ausrüstungs-Upgrades und das Sammeln von Zutaten für Tränke und Flüche. Diese Systeme sind solide, aber nicht sonderlich tief – wer komplexe Build-Entscheidungen aus anderen RPGs erwartet, findet hier eher eine zugängliche, geradlinige Progression.

Open World & Spielwelt
Die offene Spielwelt rund um Hogwarts, Hogsmeade und die schottischen Highlands ist groß, ohne sich leer anzufühlen. Herausforderungsräume, Kammern des Zauberers und die zahlreichen Sammelobjekte laden zum Abweichen vom Pfad ein, ohne dass man das Gefühl hat, nur Symbole auf einer Karte abzuhaken. Besonders gelungen ist die Verwaltung des Raums der Wünsche, in dem ihr Gewächshäuser, ein Vivarium für gerettete magische Wesen und eure eigene kleine Zaubertrankküche einrichtet – ein Nebensystem, das überraschend viel Zeit frisst, ohne aufdringlich zu wirken.
Fortbewegung gelingt zu Fuß, per Besen und später über das Flohnetzwerk zwischen Kaminen. Gerade das Fliegen über die Highlands, mit einstürzenden Klippen und verstreuten Ruinen unter euch, liefert einige der schönsten Momente des gesamten Spiels.
Plattform-spezifische Features (PS5)
Auf der PS5 nutzt Hogwarts Legacy den DualSense-Controller spürbar gezielt: Beim Wirken von Zaubern reagieren die adaptiven Trigger mit unterschiedlichem Widerstand, je nachdem ob ihr einen kurzen Reflexzauber oder einen aufgeladenen Flächenangriff auslöst, und der Flug auf dem Besen wird über feines haptisches Feedback im Wind spürbar. Es ist keine Spielerei, die das Spiel neu erfindet, aber ein angenehmer Zusatz, der die Immersion unterstützt.
Grafisch bietet die PS5-Version fünf wählbare Modi: Fidelity (rund 30 fps, höhere Auflösung), Fidelity mit Raytracing (ebenfalls rund 30 fps, mit Ray-Tracing-Schatten und -Reflexionen), Performance (zielt auf 60 fps), Balanced sowie ein ungedeckelter HFR-Performance-Modus für Displays mit Variable Refresh Rate. Diese Auswahl ist vorbildlich und lässt Spielerinnen und Spielern die Wahl zwischen Bildqualität und Reaktionsfreude.
Technik & Performance
Genau hier trübt sich das Bild allerdings. Der Performance-Modus „zielt“ laut offizieller Beschreibung auf 60 fps, hält diese Marke im Test aber nicht durchgehend – in dicht bevölkerten Bereichen wie der Großen Halle oder beim schnellen Wechsel zwischen Innen- und Außenbereichen kommt es zu spürbaren Einbrüchen. Der Fidelity-Modus mit Raytracing wiederum kann in ausladenden Außenarealen in den unteren 20er-Bereich rutschen. Am auffälligsten sind kurze Ruckler beim Betreten neuer Räume im Schloss, die vermutlich auf Nachladevorgänge im Hintergrund zurückzuführen sind – ein Day-One-Patch hat hier bereits nachgebessert, ganz verschwunden sind die Hänger zum Testzeitpunkt aber nicht.
Vereinzelte Bugs – hängen gebliebene Quest-Marker, kurze Kollisionsfehler beim Klettern – kamen im rund 35-stündigen Test vor, waren aber nie spielentscheidend und ließen sich meist durch einen Neustart des Speicherstands beheben. Für ein Spiel dieser Größenordnung zum Launch ist das ein akzeptabler, aber kein makelloser Zustand.
Audio & Optik
Optisch gehört Hogwarts Legacy zu den eindrucksvollsten Umsetzungen des Wizarding World-Universums, die es bisher gab. Lichtstimmungen in den Fluren, das Zusammenspiel aus Steinarchitektur und leuchtenden Zaubereffekten sowie die schiere Dichte an Details in jedem Klassenzimmer machen die Erkundung zum Erlebnis. Die Musik von Peter Murray, deutlich inspiriert von John Williams‘ Originalthemen, unterstreicht die vertraute, aber eigenständige Atmosphäre, ohne sich zu sehr auf Nostalgie zu verlassen. Die deutsche Synchronisation ist überwiegend solide, auch wenn einige Nebenfiguren spürbar weniger Ausdruck in ihre Zeilen legen als das englische Original.
Fazit
Hogwarts Legacy schafft, woran andere Lizenzspiele regelmäßig scheitern: Es lässt eine Welt lebendig wirken, die Fans jahrzehntelang nur aus Büchern und Filmen kannten. Die Erkundung von Schloss und Ländereien, die liebevoll geschriebenen Nebenquests und ein flexibles, wenn auch spätestens im letzten Spieldrittel repetitives Kampfsystem tragen ein Erlebnis, das seine über 30 Stunden Spielzeit größtenteils rechtfertigt. Die Hauptgeschichte bleibt dabei die schwächste Stütze des Pakets, technisch merkt man dem Launch-Zustand die schiere Größe des Schlosses an. Wer sich stärker für das Eintauchen in die Welt als für eine perfekt inszenierte Heldenreise interessiert, bekommt hier trotzdem eines der stimmigsten Open-World-Erlebnisse des noch jungen Jahres 2023.
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Hogwarts wirkt lebendiger als je zuvor | – Hauptgeschichte bleibt vorhersehbar |
| + Nebenquests mit echtem erzählerischem Gewicht | – Kampfsystem wiederholt sich im Spielverlauf |
| + Fünf flexible Grafikmodi auf PS5 | – Performance-Modus hält 60 fps nicht durchgehend |
| + Raum der Wünsche als motivierendes Nebensystem | – Ruckler beim Betreten neuer Räume im Schloss |
Getestete Version: PS5 – Day-One-Patch, Stand Februar 2023
UVP: 69,99 € (Standard Edition)
Für wen: Für alle, die schon immer durch die Gänge von Hogwarts schlendern wollten und dafür auch eine holprigere Hauptgeschichte in Kauf nehmen.
Offenlegung: Selbst erworben.
