Manche Spiele altern, andere reifen. Rockstar Games hat mit Red Dead Redemption im Mai 2010 einen Western veröffentlicht, der bis heute als Maßstab für erzählerische Open-World-Spiele gilt. Lange war das Spiel an PlayStation 3 und Xbox 360 gebunden. Erst 2023 erschien ein Port für PS4 und Switch, und seit Dezember 2025 gibt es eine native PS5-Fassung mit 60 Bildern pro Sekunde, HDR und bis zu 4K. Grund genug, John Marston noch einmal in den Sattel zu begleiten.
Die Frage ist dabei nicht, ob Red Dead Redemption damals ein Meisterwerk war. Die Frage ist, wie viel davon heute noch trägt, nachdem Red Dead Redemption 2 die Messlatte in jeder Hinsicht höher gelegt hat. Getestet habe ich die aktuelle PS5-Fassung inklusive der Zombie-Erweiterung Undead Nightmare. Hier ist mein Test.
Story & Atmosphäre
Wir schreiben das Jahr 1911. Der Wilde Westen liegt im Sterben, Eisenbahnen und Telegrafenleitungen ziehen sich durchs Land, und die Regierung will mit den letzten Gesetzlosen aufräumen. John Marston hat sein Leben als Bandit hinter sich gelassen und lebt mit Frau Abigail und Sohn Jack auf einer kleinen Ranch. Doch die Vergangenheit holt ihn ein: Agenten des neu gegründeten Bureau of Investigation unter Edgar Ross nehmen seine Familie als Druckmittel und zwingen ihn, seine ehemaligen Weggefährten aufzuspüren.
Was folgt, ist eine Jagd in drei Akten. In New Austin wartet Bill Williamson, im mexikanischen Nuevo Paraíso Javier Escuella, und am Ende führt der Weg zu Dutch van der Linde, dem einstigen Anführer der Bande. Die Geschichte nimmt sich Zeit. Sie lässt John Freundschaften schließen, Zweckbündnisse eingehen und in einen mexikanischen Bürgerkrieg hineinstolpern, ohne je das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren: endlich nach Hause zu kommen.
Gerade dieser Kontrast macht Red Dead Redemption so stark. John ist kein Held, aber er ist ein Mann, der Verantwortung übernimmt. Seine trockenen Kommentare, seine Müdigkeit, seine leise Wut auf ein System, das ihn benutzt, machen ihn zu einer der glaubwürdigsten Figuren, die Rockstar je geschrieben hat. Und das Finale, über das ich hier kein Wort zu viel verlieren möchte, gehört bis heute zu den mutigsten und eindrücklichsten Momenten, die ein Videospiel erzählt hat. Wer Red Dead Redemption 2 kennt, erlebt die Geschichte zudem mit ganz anderem Gewicht, denn viele Figuren und Konflikte bekommen dort ihre Vorgeschichte.
Die Spielwelt: Drei Regionen, ein sterbender Westen
Die offene Welt gliedert sich in drei große Gebiete. New Austin ist das klassische Western-Panorama mit Prärie, Canyons und staubigen Städten wie Armadillo. Nuevo Paraíso auf der anderen Seite des Flusses zeigt ein rohes, von Armee und Rebellen zerrissenes Mexiko. West Elizabeth schließlich bringt Wälder, Berge und mit Blackwater eine Stadt, in der die Moderne mit Automobilen und Polizei bereits angekommen ist.
Diese Dreiteilung ist mehr als Kulisse. Sie erzählt den Übergang vom alten zum neuen Amerika ganz nebenbei mit. Je weiter John kommt, desto weniger Platz bleibt für Männer wie ihn. Dazu kommt eine Welt, die auch ohne Missionen lebt: Wölfe und Pumas greifen Reisende an, Postkutschen werden überfallen, Fremde bitten am Wegesrand um Hilfe oder locken in einen Hinterhalt. Kaum ein Ritt von A nach B verläuft ohne kleine Geschichte.
Spielkonzept: Missionen, Duelle und das Leben dazwischen
Das Grundgerüst kennt man aus GTA, übertragen in den Wilden Westen. Die Hauptgeschichte umfasst 57 Story-Missionen, die von Viehtrieben und Pferdezähmen über Zugüberfälle bis zu großen Schießereien reichen. Geschossen wird aus der Deckung heraus, und das bekannte Dead-Eye-System verlangsamt die Zeit, sodass sich mehrere Ziele markieren und in einer fließenden Bewegung ausschalten lassen. Das fühlt sich auch heute noch hervorragend an und ist das Herzstück jeder Schießerei.
Zwischen den Missionen öffnet sich die eigentliche Stärke des Spiels. Kopfgeldjagden, Banden-Verstecke, Fremden-Missionen mit teils skurrilen, teils tieftraurigen Geschichten, dazu Jagen, Häuten, Kräutersammeln und Schatzsuche. In den Saloons warten Poker, Blackjack, Liar's Dice, Hufeisenwerfen und Fingerfilet. Ein Ehren- und Ruhmsystem merkt sich, ob John als Gesetzeshüter oder als Halunke durch die Welt zieht, und die Reaktionen der Bewohner passen sich entsprechend an. Duelle auf offener Straße sind dabei eine Klasse für sich: Hand am Holster, Dead Eye, ein oder zwei präzise Schüsse. Viel westerntypischer geht es kaum.
Beim Umfang muss sich Red Dead Redemption nicht verstecken. Die Hauptgeschichte ist groß, die Nebeninhalte sind zahlreich, und wer alle Herausforderungen meistern möchte, ist lange beschäftigt. Wer es härter mag, findet zudem einen optionalen Hardcore-Modus, der Zielhilfe und Komfortfunktionen reduziert.
Präsentation, Vertonung & Soundtrack
Inszenatorisch zeigt Red Dead Redemption, warum Rockstar in einer eigenen Liga spielt. Die Zwischensequenzen sind pointiert geschnitten, die Dialoge scharf geschrieben, und die Figuren haben Ecken und Kanten. Rob Wiethoff verleiht John Marston eine raue, verletzliche Stimme, die perfekt zu dieser Figur passt. Die Sprachausgabe ist englisch, deutsche Untertitel sind an Bord. Das ist dem Spiel nicht abträglich, sondern unterstreicht den authentischen Ton.
Der Soundtrack von Bill Elm und Woody Jackson ist ein Meisterstück für sich. Gitarren, Mundharmonika, Pfeifen und dumpfe Trommeln erinnern an die Italowestern eines Ennio Morricone, ohne sie zu kopieren, und passen sich dynamisch an das Geschehen an. Die wenigen Gesangsstücke werden sparsam und genau richtig eingesetzt. Der erste Ritt nach Mexiko, begleitet von José González' „Far Away“, ist ein Moment, den man nicht vergisst. Wer sich für die Bedeutung von Spielemusik interessiert, findet hier eines der schönsten Beispiele überhaupt.
Technik: Vom PS4-Port zur PS5-Fassung
Die Neuauflage hat einen holprigen Weg hinter sich. Der Port für PS4 und Switch von 2023 war ein reiner Port ohne grafische Überarbeitung, lief zum Start auf 30 Bilder pro Sekunde begrenzt und ließ den Mehrspielermodus des Originals komplett weg, kostete aber 49,99 Euro. Ein späteres Update brachte auf der PS5 immerhin eine 60-fps-Option über die Abwärtskompatibilität. Einen Überblick über die Unterschiede zwischen Port, Remaster und Remake gibt unser Erklärartikel zu Remaster und Remake.
Seit dem 2. Dezember 2025 gibt es die native PS5-Fassung, entwickelt von Double Eleven und Cast Iron Games. Sie läuft mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde, gibt bis zu 4K aus und unterstützt HDR. Gegenüber der PS4-Version sind die Sichtweite größer, der Detailgrad höher und die Schatten feiner. Besitzer der PS4-Fassung erhalten das Upgrade kostenlos und können ihren Spielstand übernehmen. Zudem ist das Spiel im Katalog von PlayStation Plus Extra und Premium enthalten.
Ein echtes Remaster ist das trotzdem nicht. Texturen, Modelle und Animationen stammen sichtbar aus dem Jahr 2010, und gerade in Nahaufnahmen merkt man dem Spiel sein Alter an. Doch dank der hohen Bildrate und des sauberen Bildes spielt sich Red Dead Redemption auf der PS5 so gut wie nie zuvor. Die stimmungsvolle Beleuchtung, die weiten Landschaften und die Sonnenuntergänge über der Prärie wirken nach wie vor.
Undead Nightmare: Die Zombie-Erweiterung
Undead Nightmare erschien ursprünglich am 26. Oktober 2010 als separater, kostenpflichtiger DLC und ist in der aktuellen Fassung bereits enthalten. Da es sich um eine eigenständige Erweiterung handelt, fließt sie nicht in meine Wertung ein. Sie verdient aber ihren eigenen Abschnitt, denn sie gehört zu den bemerkenswertesten Erweiterungen ihrer Zeit.
Die Geschichte spielt in einer alternativen Zeitlinie: Eine rätselhafte Seuche verwandelt die Bewohner des Westens in Untote, und auch Abigail und Jack werden infiziert. John bindet beide auf der Ranch fest und macht sich auf die Suche nach einem Heilmittel. Die vertraute Welt ist dabei kaum wiederzuerkennen. Nebel, Dunkelheit und verlassene Städte machen aus dem Western ein Horror-Szenario, in dem viele bekannte Gesichter aus dem Hauptspiel in neuer, oft makabrer Rolle auftauchen.
Spielerisch setzt Undead Nightmare eigene Akzente. Munition ist knapp, Kopfschüsse sind Pflicht, und neue Waffen wie die Blunderbuss oder Weihwasser-Fläschchen sind auf Untote zugeschnitten. Städte müssen gegen Zombie-Horden verteidigt, Friedhöfe gesäubert und Überlebende gerettet werden. Die Schnellreise entfällt, stattdessen ruft John ein untotes Pferd per Pfiff herbei. Wer die Augen offen hält, kann die vier Pferde der Apokalypse finden und zähmen und mythische Kreaturen wie Sasquatch, Chupacabra oder ein Einhorn aufspüren.
Die Hauptgeschichte von Undead Nightmare dauert rund sechs Stunden, die Nebenaktivitäten verlängern das Erlebnis deutlich. Vor allem die Stadtverteidigungen wiederholen sich mit der Zeit, doch der Ideenreichtum und die schwarzhumorige Liebe zum Genre machen das mehr als wett.
Schwächen
Nicht alles an Red Dead Redemption hat die Jahre unbeschadet überstanden. Die Missionsstruktur ist streng linear, und wer vom vorgegebenen Weg abweicht, scheitert schnell. Viele Missionen folgen dem Muster aus langem Ritt, Gespräch und Schießerei, was gerade im Mittelteil in Mexiko etwas Längen erzeugt. Die Steuerung wirkt im Vergleich zu modernen Spielen träge, besonders beim Laufen in engen Räumen und beim Wechsel in die Deckung.
Dazu kommt, dass auch die PS5-Fassung kein Remaster ist. Wer sich eine Optik auf dem Niveau von Red Dead Redemption 2 erhofft, wird enttäuscht. Und der Mehrspielermodus des Originals mit freiem Spiel und Koop-Missionen fehlt nach wie vor komplett, was für Fans der damaligen Online-Abende ein echter Verlust ist. Zuletzt ist der Preis von 49,99 Euro für die digitale Fassung eines 2010 erschienenen Spiels ohne grafische Neugestaltung selbstbewusst angesetzt.
Fazit
Red Dead Redemption ist auch 2026 ein Meisterwerk. Nicht, weil es technisch mit modernen Open-World-Spielen mithalten könnte, sondern weil seine Geschichte, seine Hauptfigur und seine Atmosphäre zeitlos sind. John Marstons Weg durch einen sterbenden Westen ist bewegend, klug erzählt und endet mit einem Finale, das lange nachhallt. Der Soundtrack gehört zu den besten, die je für ein Spiel komponiert wurden.
Die PS5-Fassung ist die beste Art, den Klassiker heute zu erleben. 60 Bilder pro Sekunde, ein sauberes 4K-Bild und HDR machen die Reise angenehmer als je zuvor, auch wenn das Alter in Animationen und Missionsdesign spürbar bleibt. Mit Undead Nightmare gibt es zudem eine der originellsten Erweiterungen ihrer Generation obendrauf. Wer Red Dead Redemption 2 gespielt hat, sollte hier unbedingt die Fortsetzung der Geschichte erleben. Und wer den Western damals verpasst hat, holt jetzt einen der wichtigsten Rockstar-Titel nach, der auch Wegbereiter für spätere Titel wie GTA V war.
Mein Fazit lautet: Red Dead Redemption ist ein zeitloser Western, dessen Geschichte und Atmosphäre auch nach über 15 Jahren tief berühren und dessen PS5-Fassung die bislang beste Möglichkeit bietet, ihn zu erleben.
| Pro | Contra |
|---|---|
| Bewegende Geschichte mit einem der stärksten Finales der Spielegeschichte | Streng lineare Missionen mit wiederkehrendem Ablauf |
| John Marston als glaubwürdige, vielschichtige Hauptfigur | Steuerung und Animationen merklich in die Jahre gekommen |
| Herausragender Soundtrack von Bill Elm und Woody Jackson | Kein echtes Remaster, Grafik bleibt auf dem Stand von 2010 |
| Lebendige Welt mit drei atmosphärisch starken Regionen | Mehrspielermodus des Originals fehlt komplett |
| PS5-Fassung mit 60 fps, bis zu 4K und HDR | Selbstbewusster Preis von 49,99 Euro für ein Spiel von 2010 |
Plattformen: PlayStation 5 (getestet), Xbox Series X|S, Nintendo Switch 2, PlayStation 4, Nintendo Switch, PC, PS3, Xbox 360, iOS, Android
UVP: 49,99 Euro (digital, PS5), kostenloses Upgrade für Besitzer der PS4-Fassung, enthalten in PlayStation Plus Extra und Premium
Für wen: Für alle, die erzählstarke Open-World-Spiele lieben, für Fans von Red Dead Redemption 2, die die Geschichte weiterverfolgen wollen, und für Western-Liebhaber
Offenlegung: Für diesen Test wurde die PS5-Fassung genutzt. Es bestand keine Kooperation mit dem Publisher.


