Mit Stellar Blade präsentiert sich ein exklusiver PlayStation 5-Titel vom südkoreanischen Entwicklerstudio SHIFT UP – einem Studio, das bisher hauptsächlich durch Mobile-Gacha-Spiele aufgefallen ist. Es ist das erste Konsolenspiel des Studios und gleichzeitig eine echte Überraschung: Denn wer Stellar Blade mit den richtigen Erwartungen angeht, bekommt ein wunderschönes, taktisch anspruchsvolles Actionspiel mit exzellentem Design – und ein paar ehrlichen Schwächen, die man kennen sollte.

Story: Postapokalyptische Erde
Die Erde ist eine postapokalyptische Einöde, die Menschen sind in eine Kolonie im Weltraum geflüchtet. Wir spielen als EVE – ein Mitglied des 7. Luftlandegeschwaders, das auf die Erdoberfläche geschickt wird, um die Naytiba zu bekämpfen: schreckliche Monster, die die Erde nach der Flucht der Menschen übernommen haben. Die Geschichte beginnt recht rasant, und zu Beginn sind nicht alle Details sofort klar. Das ist kein Problem, denn im Verlauf des Spiels baut sich das Gesamtbild durch Dialoge, Missionen und zahlreiche Sammelobjekte nach und nach auf.
Es folgt eine relativ vorhersehbare Handlung, in der EVE vier Hyperkerne sammeln muss, die von vier großen Bossen bewacht werden. Die zweite Spielhälfte wird interessanter, sobald einige Fakten zum Vorschein kommen. Das größte Problem aber liegt bei den Charakteren: EVE selbst bleibt nach 30 Stunden erschreckend blass. Kein Humor, kaum Persönlichkeit, ihre Interaktionen mit Begleitern Adam und Lily sind oberflächlich. Director Hyung-Tae Kim hat in einem Interview selbst zugegeben, sich eher als Visualisten denn als Geschichtenerzähler zu sehen – und genau das trifft den Nagel auf den Kopf. Wer ein emotionales Charakterdrama sucht, wird enttäuscht werden. Wer einem optisch brillanten Actionspiel eine Chance gibt, wird angenehm überrascht sein.

Gameplay: Präzises Parieren, taktische Tiefe
Den wichtigsten Aspekt eines Actionspiels – die Action selbst – erfüllt Stellar Blade sehr gut. Die Kämpfe sind flüssig animiert, herausfordernd und befriedigend. In der Eröffnung ist das Gameplay recht defensiv ausgelegt: Es empfiehlt sich, bei neuen Gegnern zunächst zu beobachten, welche Attacken sie beherrschen. Viele Gegner neigen dazu, lange, ununterbrechbare Kombos zu starten. Die einzige Möglichkeit, richtig mit ihnen umzugehen, besteht darin, die Blocktaste im richtigen Moment zu drücken. Jeder Parierangriff nimmt dem Gegner einen Gleichgewichtspunkt – ist das Gleichgewicht gebrochen, kann man einen verheerenden Schlag landen, der Standardgegner sofort tötet und Bossen massiven Schaden zufügt.
Unparierbare Angriffe werden durch farbige Effekte klar angekündigt: Gelb steht für direkt unparierbare Angriffe (ausweichen), Blau für umgehbare Attacken (vorwärts ausweichen auf die Rückseite) und Violett für abwehrbare Schläge, bei denen Zurückhalten und Ausweichen eine Schwachstelle des Gegners entblößt. Dazu gibt es vier Souls-ähnliche Beta-Fähigkeiten: ein weitreichender Flächenangriff, ein dreifacher Stichangriff mit Einzelschadensbonus, eine Schockwellenbewegung für den Fernkampf und ein Schildbrecher. Diese verbrauchen Beta-Energie, die durch erfolgreiche Treffer und Paraden gewonnen wird. Das System motiviert zum Einlassen auf das Kampfsystem – wer es ignoriert, verschenkt echte Tiefe.

Gegnervielfalt, Bosskämpfe und Abwechslung
Stellar Blade glänzt besonders bei der Vielfalt und dem Design seiner Gegner. Mehr als 48 verschiedene Naytiba-Typen bevölkern die Welt – zwar sind einige nur leichte Variationen, aber jeder hat eigene Kombos und Techniken. Die Bosskämpfe sind großartig: intensive Auseinandersetzungen gegen große, aggressive Kreaturen, die einen wirklich fordern. Langweilig wurden die Kämpfe über den gesamten Spieldurchlauf nicht – teilweise wegen der Gegnerdichte, teilweise weil man bei fast jedem größeren Kapitel neue Ausrüstung oder Techniken erhielt, die neue Taktiken ermöglichten.
Stellar Blade variiert sein Gameplay darüber hinaus gut: Gelegentlich muss man in unterirdische Bereiche vordringen, in denen Scanner und Schwert nicht funktionieren, was die Spannung spürbar erhöht. Plattforming-Passagen lockern das Kampfgeschehen auf – auch wenn diese Abschnitte zu den schwächeren Momenten zählen und gelegentlich nervig werden.

Erkundung, RPG-Elemente und Nebenquests
In Xion, der letzten Bastion der menschlichen Zivilisation, läuft man Besorgungen, nimmt Aufträge von Anschlagtafeln an und absolviert Nebenquests von NPCs. Das Erkunden der beiden offenen Zonen macht tatsächlich Spaß – sie sind zwar nicht riesig, aber dicht gepackt mit Sammelgegenständen, Kernteilen und unterhaltsamen Feindbegegnungen. Die Nebenquests hingegen enttäuschen erzählerisch: gute Ansätze, die nicht konsequent fortgeführt werden, und Belohnungen, die meist nur aus Gold und Erfahrungspunkten bestehen. Besonders ärgerlich ist das Backtracking – viele Quests führen zurück zu bereits besuchten Locations. In den linearen Leveln ist das schlicht mühsam.
Design, Optik und eine ehrliche Debatte
Stellar Blade ist ohne Zweifel ein optisch beeindruckendes Spiel. Das Charakter- und Monsterdesign ist exzellent, die Spielwelt trotz apokalyptischen Settings von eigenwilliger Schönheit. Zur Optik gehören auch die zahlreichen Outfits für EVE – die Bandbreite reicht von knappen Badeanzügen und Miniröcken bis zu eleganten Kleidern und praktischer Ausrüstung. Spielerisch macht das keinen Unterschied, aber es passt zum erklärten Fokus des Studios auf „Optik“.
Damit kommt man nicht umhin, eine Debatte zu erwähnen, die Stellar Blade im Vorfeld begleitete. EVEs Design polarisierte: Die Figur ist bewusst sexualisiert gestaltet, und Director Kim bestätigte im Interview, dass das Team besonders auf EVEs Rückseite geachtet habe – „weil der Spieler immer auf die Rückseite des Charakters schaut“. Kritiker sahen darin einen reduzierten Blick auf Frauen; Verteidiger verwiesen auf ähnliche Designentscheidungen in Nier Automata oder Bayonetta und darauf, dass EVE auf einem realen Model basiert. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Das Design ist eine klare stilistische Entscheidung mit kulturellem Hintergrund – legitim diskutierbar, aber kein Grund, das Spiel zu verteufeln. Wer damit kein Problem hat, bekommt ein starkes Actionspiel. Wer damit ein Problem hat, sollte das wissen, bevor er kauft.

Sound
Was bei Stellar Blade besonders bemerkenswert ist, ist der außergewöhnliche Soundtrack – von energiegeladenen Tracks während der Bosskämpfe bis hin zu wunderschönen, ohrenschmeichelnden Melodien beim Erkunden der trostlosen Welt. Ein paar Erkundungspassagen hätten ruhigere, düsterere Klänge vertragen, aber das akustische Gesamtbild ist absolut klasse.
Fazit
Stellar Blade ist kein Meisterwerk, aber es ist deutlich mehr als ein hübsches Schaufenster. SHIFT UP hat für ihr erstes Konsolenspiel ein taktisch tiefes, visuell beeindruckendes Actionspiel abgeliefert, das sich über 30 Stunden nie wirklich abnutzt. Die schwache Charakterentwicklung, oberflächlichen Nebenquests und das lästige Backtracking bleiben echte Kritikpunkte. Aber das Kampfsystem, die Gegnerdichte, der Soundtrack und die schiere optische Kraft des Spiels entschädigen für vieles. SHIFT UP – bis zum nächsten Mal.
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Exzellentes, taktisch tiefes Kampfsystem mit befriedigenden Paraden | – Vorhersehbare Story, blasse Charaktere ohne echte Entwicklung |
| + Über 48 Gegnertypen mit eigenen Kombos und Designs | – Nebenquests erzählerisch schwach, Belohnungen meist minimal |
| + Atemberaubendes visuelles Design von Welt und Monstern | – Backtracking in linearen Levels mühsam und ideenlos |
| + Außergewöhnlicher Soundtrack für jeden Moment passend | – Plattforming-Abschnitte nervig, kaum gelungen |
| + Ca. 30 Stunden Spielzeit, Kämpfe werden nie wirklich langweilig | – Bewusst sexualisiertes Charakterdesign, das nicht jeden anspricht |
Getestete Version: PlayStation 5 – Stand April 2024
UVP: 79,99 €
Für wen: Fans taktischer Action-Titel wie Nier Automata oder Sekiro, die ein optisch beeindruckendes PS5-Exklusivspiel suchen.
Offenlegung: Selbst erworben.
Häufig gestellte Fragen zu Stellar Blade
Ist Stellar Blade ein Soulslike?
Nicht im klassischen Sinne, aber mit deutlichen Einflüssen. Das Parriersystem und die Notwendigkeit, Angriffsmuster zu lesen, erinnern stark an Sekiro. Stellar Blade ist jedoch zugänglicher, weniger strafend und hat keinen klassischen Respawn-auf-Checkpoint-Mechanismus im Souls-Stil.
Wie schwer ist Stellar Blade?
Das Spiel bietet mehrere Schwierigkeitsgrade. Auf normalem Schwierigkeitsgrad ist das Erlernen der Parriermechanik wichtig, aber nicht unbedingt nötig. Auf höheren Stufen wird das farbcodierte Angriffssystem und präzises Parieren essenziell.
Ist Stellar Blade ein Open-World-Spiel?
Nein. Stellar Blade besteht aus linearen Levels mit zwei größeren, halboffenen Erkundungszonen. Diese sind dicht mit Sammelgegenständen und Feindbegegnungen gefüllt, aber keine klassische Open World.
Gibt es einen New-Game-Plus-Modus?
Ja. Nach dem Abschluss der Hauptgeschichte steht ein New-Game-Plus-Modus zur Verfügung, der alle gesammelten Outfits, Upgrades und Fähigkeiten übernimmt und bei höherem Schwierigkeitsgrad erneut gespielt werden kann.
Hat Stellar Blade einen Nachfolger oder DLC?
Seit Release wurden kostenlose DLC-Pakete veröffentlicht, darunter Crossover-Inhalte mit Nier Automata (2B-Outfit) sowie weiteres Kostümmaterial. Ein vollwertiger Nachfolger wurde bisher nicht angekündigt.