The Occultist

The Occultist im Test: Wenn das Pendel mehr Fragen stellt als Antworten gibt

Godstone ist eine Insel, die niemand freiwillig betritt. Bis auf Alan Rebels, der genau das tut, um herauszufinden, was seinem Vater dort widerfahren ist. The Occultist schickt dich in ein verlassenes Kultgebiet vor der britischen Küste, bewaffnet mit nichts als einem Pendel und dem Gefühl, dass die Insel jede deiner Bewegungen registriert. Das Debüt des spanischen Studios DALOAR will Atmosphäre über Action stellen – und schafft das streckenweise beeindruckend gut, bevor die eigenen Ambitionen es einholen.

Geschichte & Atmosphäre

Die Prämisse ist so simpel wie effektiv: Alans Vater ist verschwunden, die einzige Spur führt nach Godstone, eine Insel, die bis 1950 von einem obskuren Kult bewohnt wurde. Was dort geschah, bekommst du nie direkt erzählt, sondern musst es dir aus Tagebüchern, Umgebungsdetails und den sogenannten Ethereal Echoes zusammensetzen – Vision-Fragmente, die dein Pendel aus der Vergangenheit herausfiltert. Dieser investigative Ansatz ist die größte Stärke des Spiels. Godstone fühlt sich nie wie eine gebaute Kulisse an, sondern wie ein Ort, an dem tatsächlich etwas Furchtbares passiert ist und die Wände sich einfach weigern, es zu vergessen.

Erzählerisch bedient sich The Occultist ausgiebig bei Genre-Klassikern wie Amnesia oder Outlast, ohne deren Direktheit zu kopieren. Statt auf Schockmomente setzt DALOAR auf sich langsam aufbauendes Unbehagen, auf Nebel, verlassene Gebäude und die Ahnung, dass irgendwo in der Dunkelheit etwas wartet. Wer sich für Horror als Genre grundsätzlich interessiert, findet hier ein Paradebeispiel für Horror durch Stimmung statt durch Lautstärke.

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Gameplay: Das Pendel als Werkzeug, nicht als Waffe

Kämpfen kannst du in diesem Spiel nicht – und das ist bewusst so gewollt. Alan hat kein Schwert, keine Pistole, nur sein Pendel und seinen Verstand. Ethereal Echoes zeigen dir, wie jemand gestorben ist oder wie ein Umgebungsrätsel zu lösen ist, während du mit anderen Pendel-Fähigkeiten Kerzen löschst, um dich im Dunkeln zu verstecken, oder uralte Schutzsymbole aktivierst, um Geistwesen kurzzeitig zu bannen. Die Grundidee hat Charme: Du bist der Spielwelt nicht hilflos ausgeliefert, sondern hast ein Werkzeug, das dir echte taktische Optionen gibt, ohne dass daraus ein Kampfsystem wird.

Das Problem ist, dass dieses Werkzeug über die Spielzeit kaum wächst. Die vier Pendel-Mechaniken, die du relativ früh freischaltest, bleiben bis zum Abspann fast unverändert im Einsatz, und viele der Rätsel, die darauf aufbauen, lösen sich eher durch Ausprobieren als durch echtes Kombinieren. Wer mit klassischen Adventure-Strukturen vertraut ist, wird hier viel Bekanntes wiederfinden, aber selten überrascht. Die Gegner wiederum – meist als hindernde Kultanhänger oder verzerrte Geistwesen inszeniert – fühlen sich über weite Strecken eher wie ein Störfaktor an, der dich zum Schleichen zwingt, als wie eine echte Bedrohung. Stealth-Sequenzen funktionieren solide, bauen aber kaum Spannung auf, sobald man das Muster einmal durchschaut hat.

Technik & Performance

Als Debütprojekt eines kleinen Studios trägt The Occultist sichtbare Ecken und Kanten. Zum Launch gab es Berichte über Bossfights, die nach dem Tod des Spielers hängenblieben und Spielstände unbrauchbar machten, sowie Probleme mit der Speicherverwaltung, die DALOAR nach eigenen Angaben zeitnah patchen musste. Kurz nach Release folgte Patch 1.0.1, der unter anderem einen Fehler behob, durch den sich das Tagebuch nicht zweimal hintereinander öffnen ließ, Kollisionsprobleme mit einem der Krähen-Objekte fixte, die Invertierung der Kamera-Achsen korrigierte und mehrere Lokalisierungstexte nachbesserte. Auf PS5 Pro kam zusätzlich ein Problem mit der PSSR-Bildskalierung hinzu, das laut Entwickler noch in Arbeit war. Diese Art von Nachbesserungsbedarf ist bei einem ersten Titel eines jungen Studios nicht ungewöhnlich, wer aber unmittelbar zum Launch einsteigt, sollte mit dem einen oder anderen Hotfix rechnen, bevor sich alles rund anfühlt. Wir haben auf PC mit Patch 1.0.1 getestet, Performance-Einbrüche gab es zu diesem Zeitpunkt keine mehr, vereinzelte kleinere Kollisions- und Animationsfehler blieben allerdings bestehen.

Audio & Optik

Optisch schlägt The Occultist deutlich über seine Gewichtsklasse. Die Unreal-Engine-5-Umgebungen von Godstone – neblige Straßenzüge, verfallene Herrenhäuser, ein stillgelegter Karussellplatz – wirken für ein Studio dieser Größe erstaunlich detailliert und tragen einen Großteil der Atmosphäre. Auch die handgezeichneten Illustrationen in Alans Tagebuch sind ein schönes Detail, das dem Spiel eine persönliche Note gibt. Komponist Pepe Herrero liefert einen zurückhaltenden, oft fast unsichtbaren Score, der genau dann anschwillt, wenn er gebraucht wird, ohne die Stille als eigentliches Stilmittel zu verdrängen. Sounddesign-technisch bleibt aber Luft nach oben: Umgebungsgeräusche und Schockmomente wirken streckenweise weniger wuchtig, als es das restliche Sounddesign vermuten lässt.

Sprachlich trägt vor allem Doug Cockle die Produktion. Bekannt als Synchronstimme von Geralt aus The Witcher, verleiht er Alan Rebels genau die Mischung aus Müdigkeit und Entschlossenheit, die die Figur braucht, um über die komplette Spielzeit zu tragen. Die restliche Sprachausgabe schwankt spürbar in der Qualität – einige Nebenfiguren wirken merklich unterproduziert im Vergleich zu Cockles Hauptrolle.

Fazit

Für ein Debüt hat DALOAR mit The Occultist einiges richtig gemacht: Die Prämisse trägt, die Insel Godstone hat spürbar Charakter, und das Pendel-Konzept zeigt, dass hier jemand Horror auch ohne Kampfsystem denken kann. Was fehlt, ist die Konsequenz, diese guten Ideen über zehn bis zwölf Stunden Spielzeit hinweg auszubauen, statt sie zu wiederholen. Wer bereit ist, über repetitive Rätsel, zahme Gegner und ein paar technische Kanten hinwegzusehen, bekommt eine atmosphärisch dichte, stimmungsvolle Geistergeschichte. Wer nach echter Spannung oder mechanischer Tiefe sucht, wird nach der Hälfte der Spielzeit merken, dass Godstone seine besten Karten schon ausgespielt hat.

THE OCCULTIST
DALOAR  ·  PC, PS5, Xbox Series X|S
Release: 08.04.2026
Getestet auf PC · Patch 1.0.1, April 2026
6,5
von 10
✅  Stärken ❌  Schwächen
+ Dichte, unheimliche Atmosphäre auf Godstone – Gegner wirken eher lästig als bedrohlich
+ Starke Prämisse, fesselnder Investigations-Ansatz – Rätsel bleiben über weite Strecken zu simpel
+ Doug Cockle als starke Sprecher-Hauptrolle – Wiederholt sich im letzten Spieldrittel
+ Liebevoll gestaltete Tagebuch-Illustrationen – Technische Kanten zum Launch (Bugs, PS5-Pro-Probleme)
+ Ungewöhnliches Pendel-Konzept ohne klassisches Kampfsystem – Schwankende Sprachqualität bei Nebenfiguren
Plattformen: PC, PS5, Xbox Series X|S
Getestete Version: PC – Patch 1.0.1, Stand April 2026
UVP: 29,99 €
Für wen: Horror-Fans, die auf Atmosphäre statt Jump Scares stehen und spielerische Ecken und Kanten verzeihen können
Offenlegung: Getestet auf Basis eines vom Publisher bereitgestellten Review-Codes.

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