Ubisoft ist einer der größten Videospielkonzerne der Welt und der mit Abstand größte Europas. Hinter Marken wie Assassin’s Creed, Far Cry, Rainbow Six, Watch Dogs und Just Dance steht ein französisches Familienunternehmen, das aus einem kleinen Versandhandel für Computerspiele in der Bretagne entstanden ist. Während Ubisoft jahrzehntelang als verlässlicher Open-World-Hitlieferant galt, befindet sich der Konzern seit 2024 in der schwersten Krise seiner Geschichte: Milliardenverluste, reihenweise Studioschließungen, Tausende Entlassungen und schließlich die teilweise Zerschlagung der eigenen Kronjuwelen über die neue Tochtergesellschaft Vantage Studios. Dieser Artikel zeichnet die komplette Geschichte nach – von der Gründung 1986 bis zur aktuellen Umstrukturierung.
Die Anfänge: Vom Agrarhandel zum Spieleversand
Die Geschichte von Ubisoft beginnt nicht im Silicon Valley, sondern in einem kleinen Dorf in der Bretagne. Die Familie Guillemot betrieb dort ein Unternehmen für landwirtschaftlichen Bedarf, in dem die fünf Brüder Claude, Christian, Gérard, Michel und Yves von klein auf mitarbeiteten. Als die Margen im Agrargeschäft schrumpften, suchten die Brüder nach neuen Einnahmequellen und stießen über den Verkauf von Musik-CDs auf den aufstrebenden Markt für Heimcomputer und Videospiele.
1984 erkannten sie, dass ihr französischer Lieferant für importierte Spiele doppelt so viel verlangte wie britische Anbieter. Mit Unterstützung ihrer Mutter – unter der Bedingung, dass jeder Bruder gleich viele Anteile erhält – gründeten sie einen Versandhandel mit Direktimporten aus Großbritannien. Das Geschäft lief so gut, dass die Brüder am 28. März 1986 in Carentoir offiziell Ubi Soft gründeten. Der Name leitet sich vom französischen Wort „ubiquité“ (Allgegenwart) ab; in den Anfangsjahren kursierte zudem die Deutung als Abkürzung für „Union des Bretons Indépendants“. Ab 2003 wurde aus „Ubi Soft“ die heutige Schreibweise „Ubisoft“.
Yves Guillemot übernahm 1988 die Position des CEO – ein Amt, das er bis heute innehat. Bereits 1986 veröffentlichte das junge Unternehmen mit „Zombi“ sein erstes eigenes Spiel. 1992 eröffnete Ubisoft in Paris sein erstes internes Entwicklerstudio, nachdem ein kurioses Experiment gescheitert war: Externe Entwickler hatte man zunächst in einem alten Schloss in der Bretagne untergebracht – rund 400 Kilometer von Paris entfernt und ohne praktikable Infrastruktur für den Alltag.
Wachstum zum globalen Multi-Studio-Konzern
In den 1990er-Jahren expandierte Ubisoft zunächst als Vertriebspartner für Publisher wie Electronic Arts, Sierra On-Line und MicroProse, ehe das Unternehmen verstärkt nach Deutschland, Großbritannien und in die USA expandierte und eigene Marken aufbaute. Rayman wurde zum ersten großen Eigenkreations-Helden des Studios. Mitte der 2000er-Jahre häuften sich allerdings auch Lizenztitel und unfertige Veröffentlichungen, während Ubisoft parallel durch Zukäufe wuchs – etwa durch die Übernahme des Driver-Studios Reflections Interactive oder von Microïds Kanada.
Im Lauf der Jahrzehnte baute Ubisoft eines der größten internen Entwicklernetzwerke der Branche auf: Über 40 Standorte und zeitweise mehr als 19.000 Mitarbeitende weltweit, mit Schwerpunktstudios in Montreal, Québec City, Toronto, Paris, Annecy, Düsseldorf, Mainz, Singapur, Shanghai und vielen weiteren Städten. Diese dezentrale Struktur erlaubte es, riesige Open-World-Titel im Mehrstudio-Verbund zu produzieren, machte das Unternehmen aber auch anfällig für Koordinationsprobleme und – wie sich später zeigen sollte – zu einem besonders verwundbaren Ziel bei Sparrunden.
Der Übernahmekampf mit Vivendi (2015–2018)
2015 begann der französische Medienkonzern Vivendi, in großem Stil Ubisoft-Aktien aufzukaufen, um eine feindliche Übernahme vorzubereiten. Bis März 2018 hielt Vivendi 27,3 Prozent der Anteile und näherte sich der nach französischem Recht entscheidenden 30-Prozent-Schwelle, ab der ein Pflichtangebot an alle Aktionäre fällig geworden wäre. Die Guillemot-Familie wehrte sich aggressiv gegen die Übernahme, stockte eigene Anteile auf und mobilisierte Mitarbeitende und Management öffentlich für die Unabhängigkeit des Unternehmens. Anfang 2018 zog sich Vivendi schließlich zurück und verkaufte seine Anteile – ein Verteidigungserfolg, der Ubisofts Selbstständigkeit für die folgenden Jahre sicherte.
Die großen Franchises
Ubisofts wirtschaftlicher Erfolg basiert auf einer überschaubaren Zahl tragender Marken, die größtenteils im Open-World-Genre angesiedelt sind:
- Assassin’s Creed – seit 2007 die mit Abstand wichtigste Marke des Konzerns, laut Unternehmensangaben mit über 230 Millionen verkauften Einheiten die meistverkaufte Ubisoft-Reihe überhaupt.
- Far Cry – seit 2004 Ubisofts Aushängeschild im Open-World-Shooter-Bereich.
- Tom Clancy’s Rainbow Six, Ghost Recon und The Division – militärisch geprägte Marken, die auf den Lizenzvereinbarungen mit dem 2013 verstorbenen Autor Tom Clancy basieren.
- Watch Dogs – seit 2014 Ubisofts Open-World-Marke im Hacking-/Near-Future-Setting.
- Just Dance – seit 2009 eine der kommerziell verlässlichsten Casual-Marken der Branche.
- Rayman und The Crew – traditionsreiche bzw. jüngere Eigenmarken mit treuer, aber kleinerer Fanbasis.
Drei dieser Marken – Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six – sollten 2025 zum Kern einer weitreichenden Umstrukturierung werden (dazu weiter unten mehr).
Geschäftsmodell: Vom Vollpreistitel zum Live-Service-Konzern
Wie viele große Publisher verschob Ubisoft sein Geschäftsmodell in den 2010er- und 2020er-Jahren zunehmend in Richtung Live-Service: Season Pässe, kosmetische Ingame-Käufe und fortlaufend unterstützte Titel wie Rainbow Six Siege oder The Crew sollten für planbare, wiederkehrende Umsätze sorgen statt allein auf Erstverkäufe zu setzen. Mit Ubisoft+ betreibt der Konzern zudem ein eigenes Abonnement-Modell. Diese Strategie funktionierte bei einzelnen Marken – Rainbow Six Siege etwa wird bis heute Jahre nach Release aktiv weiterentwickelt –, scheiterte aber bei mehreren Großprojekten, die explizit als langfristige Live-Service-Titel konzipiert waren.
Die Krise 2024–2026
Eine Serie von Flops
2024 wurde für Ubisoft zum Schicksalsjahr. Mehrere große Veröffentlichungen blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück: Skull and Bones – ursprünglich als erstes „AAAA“-Spiel des Konzerns beworben – wurde von Kritik und Spielerschaft zerrissen, Star Wars Outlaws verfehlte trotz prominenter Lizenz die internen Ziele, Avatar: Frontiers of Pandora konnte sein Publikum nicht halten, und der Multiplayer-Shooter XDefiant wurde nach kurzer Laufzeit wieder eingestellt. In der Folge fiel die Ubisoft-Aktie auf den niedrigsten Stand seit fast einem Jahrzehnt.
Sparprogramm, Studioschließungen und Entlassungswellen
Auf die Misserfolge reagierte Ubisoft mit einem mehrstufigen Sparprogramm, das seit Ende 2024 in regelmäßigen Abständen neue Studioschließungen und Entlassungen nach sich zieht:
- Dezember 2024: Ankündigung der Schließung der Studios San Francisco und Osaka sowie Produktionsabbau in Sydney.
- Januar 2025: Schließung des Studios Leamington (ehemals FreeStyleGames, bekannt für die DJ-Hero-Reihe) sowie Verkleinerungen an mehreren europäischen Standorten, darunter Düsseldorf, mit insgesamt bis zu 185 betroffenen Stellen.
- März 2025: Stellenabbau beim Traditionsstudio Red Storm Entertainment, rund 100 betroffene Mitarbeitende.
- Oktober 2025: „Soft Layoffs“ in Form von Abfindungsangeboten bei Massive Entertainment (Star Wars Outlaws, The Division).
- Januar 2026: Schließung des Studios in Halifax kurz nach Gründung einer Gewerkschaft durch die Belegschaft – sowie ein weiterer Entlassungsschub mit fast 130 betroffenen Entwicklerinnen und Entwicklern über mehrere Studios hinweg.
- Juni 2026: Vollständige Schließung der Studios Belgrad und Winnipeg, über 200 weitere Entlassungen. Ubisoft Belgrad (rund 100 Mitarbeitende) hatte zuvor an Rainbow Six, Riders Republic, The Crew 2 und Skull and Bones mitgearbeitet; Ubisoft Winnipeg (rund 65 Mitarbeitende) unter anderem an Rainbow Six Siege, XDefiant, Far Cry 6 und Assassin’s Creed Valhalla.
Im jüngsten Geschäftsbericht musste Ubisoft einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro ausweisen. Branchenexperten rechnen damit, dass bis 2028 noch rund 2.000 weitere Stellen wegfallen könnten, bevor das Management um Yves Guillemot ab dem Geschäftsjahr 2027/28 wieder mit einem positiven Cashflow rechnet.
Lichtblick Assassin’s Creed Shadows
Inmitten der Krise lieferte Ubisoft mit Assassin’s Creed Shadows im März 2025 zumindest einen Teilerfolg. Nach zwei Verschiebungen erschien das im feudalen Japan angesiedelte Action-Adventure am 20. März 2025 für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X/S – erstmals seit 2019 auch direkt zum Launch auf Steam statt exklusiv im Epic Games Store. Innerhalb von 48 Stunden verzeichnete das Spiel über zwei Millionen Spielerinnen und Spieler, der Launch-Tag markierte den zweithöchsten Umsatz in der Geschichte des Franchise. In Europa avancierte Assassin’s Creed Shadows 2025 zum meistverkauften Neuerscheinungstitel des Jahres. Spätere Schätzungen relativierten den Erfolg allerdings: Sieben Monate nach Release wurden rund 4,3 Millionen verkaufte Einheiten geschätzt – deutlich weniger als bei früheren Serienhöhepunkten wie Assassin’s Creed Valhalla.
Die Tencent-Partnerschaft und Vantage Studios
Bereits seit 2018 ist der chinesische Technologiekonzern Tencent über eine Minderheitsbeteiligung an Ubisoft selbst beteiligt. Ab Herbst 2024 verdichteten sich Berichte, wonach Tencent gemeinsam mit der Gründerfamilie Guillemot Optionen zur Stabilisierung des Unternehmens prüfte – auch eine gemeinsame Übernahme des gesamten Konzerns stand zeitweise im Raum.
Am 27. März 2025 wurde stattdessen ein deutlich begrenzteres, aber strategisch weitreichendes Modell verkündet: Ubisoft gliederte seine drei umsatzstärksten Franchises – Assassin’s Creed, Far Cry und Tom Clancy’s Rainbow Six – samt zugehöriger Back-Kataloge und laufender Projekte in eine neue Tochtergesellschaft aus. Diese firmiert rechtlich als Ubisoft Nova SAS und trägt seit ihrem operativen Start am 1. Oktober 2025 den Namen Vantage Studios. Die Einheit ist in Frankreich ansässig, wird von den Co-CEOs Charlie Guillemot und Christophe Derennes geführt und vereint sechs Entwicklungsstandorte: Montreal, Québec, Sherbrooke, Saguenay, Barcelona und Sofia.
Am 21. November 2025 wurde der Tencent-Deal final abgeschlossen: Für 1,16 Milliarden Euro in bar sicherte sich Tencent einen wirtschaftlichen Anteil von 26,32 Prozent an Vantage Studios, bewertet auf Basis eines Pre-Money-Unternehmenswerts von 3,8 Milliarden Euro. Ubisoft selbst behält die operative Kontrolle und konsolidiert die Tochtergesellschaft weiterhin vollständig in der eigenen Bilanz; Tencent muss seine Anteile mindestens fünf Jahre halten, Ubisoft im Gegenzug für mindestens zwei Jahre die Mehrheitskontrolle garantieren. Diese Konstruktion ist ein Lehrbuchbeispiel für einen unternehmerischen Spin-off: Statt eines Studios oder einer einzelnen Marke wird hier ein ganzer Geschäftsbereich rechtlich verselbstständigt, um frisches Kapital zu binden und gleichzeitig die Kontrolle zu behalten.
Die Reaktionen auf den Deal fielen gespalten aus. Während die Ubisoft-Aktie an der Börse zunächst deutlich zulegte, beschrieben Branchenbeobachter den Schritt vielfach als „kontrollierte Zerschlagung“ – ein Konzern, der seine wertvollsten Vermögenswerte ausgliedert, um kurzfristig zu überleben. Aktivistische Investoren, allen voran der Fonds AJ Investments, hatten zuvor monatelang öffentlich auf strukturelle Veränderungen gedrängt.
Kontroversen und Arbeitsbedingungen
Neben den wirtschaftlichen Turbulenzen sah sich Ubisoft in den vergangenen Jahren auch mit Vorwürfen zu einer problematischen Unternehmenskultur konfrontiert. 2020 wurden mehrere langjährige Führungskräfte – darunter der damalige Chief Creative Officer – nach öffentlich gewordenen Vorwürfen zu Belästigung und Fehlverhalten entlassen oder traten zurück. Das Unternehmen kündigte daraufhin Reformen bei internen Meldewegen und der Unternehmenskultur an. In jüngerer Zeit gerieten zudem Maßnahmen wie die sogenannten „Soft Layoffs“ – Abfindungsangebote, die Arbeitsplätze gezielt unattraktiv machen sollen, um Kündigungen ohne formellen Sozialplan zu provozieren – sowie die Schließung des Studios Halifax kurz nach einer Gewerkschaftsgründung in die Kritik.
Ubisoft als staatlich geförderter Wirtschaftsfaktor
Als größter Videospielkonzern Europas und einer der größten Arbeitgeber der französischen Kreativwirtschaft profitiert Ubisoft traditionell auch von staatlicher Wirtschaftsförderung, etwa über französische und kanadische Steuergutschriften für Spieleentwicklung. Angesichts der aktuellen Krise und der Beteiligung eines chinesischen Staatsunternehmens an einer Kerntochter rückt die wirtschaftspolitische Bedeutung des Konzerns zusätzlich in den Fokus der öffentlichen Debatte in Frankreich.
Ausblick
Für das laufende Geschäftsjahr plant Ubisoft als einziges großes AAA-Projekt ein Remake von Assassin’s Creed IV: Black Flag. Das Management um Yves Guillemot rechnet erst ab dem Geschäftsjahr 2027/28 wieder mit einer Rückkehr in die schwarzen Zahlen – gestützt auf eine als „stärker“ beschriebene Content-Pipeline und die neu aufgestellte Struktur rund um Vantage Studios. Ob die Kombination aus Kapitalspritze, Restrukturierung und Fokussierung auf die drei stärksten Marken ausreicht, um den einst größten europäischen Spielekonzern wieder auf Wachstumskurs zu bringen, dürfte sich in den kommenden Geschäftsjahren entscheiden.



