Jedes Jahr im September stellt sich dieselbe Frage: Lohnt sich der neue Jahrgang, oder reicht das Kader-Update für den Vorgänger? Mit EA Sports FC 24 gelang Electronic Arts der Neustart ohne FIFA-Lizenz, FC 25 brachte FC IQ und Rush, und FC 26 teilte das Gameplay erstmals in zwei Philosophien auf. EA Sports FC 27 baut genau darauf auf, nimmt der KI spürbar das Steuer aus der Hand und legt gleich mehrere neue Spielwiesen dazu: den sozialen Treffpunkt The Grounds, einen umgebauten Transfermarkt in der Karriere und eine Sammelgalerie für Ultimate Team.
Ich habe EA Sports FC 27 auf der PlayStation 5 Pro gespielt, überwiegend im Authentic Gameplay, aber auch ausgiebig im Competitive-Setting. Und gleich vorweg: Eine der unscheinbarsten Neuerungen hat mir am meisten Freude bereitet. Hier ist mein Test.

Zwei Gameplay-Welten, ein Ball
Die mit FC 26 eingeführte Zweiteilung bleibt bestehen. Das Competitive Gameplay ist auf Online-Modi wie Ultimate Team, Clubs und Online-Saisons zugeschnitten. Hier geht es schneller zur Sache, Aktionen werden direkter umgesetzt und das Duell Mensch gegen Mensch steht im Mittelpunkt. Wer gerne im Wettbewerb spielt und kurze Reaktionszeiten schätzt, ist hier richtig.
Das Authentic Gameplay geht in die entgegengesetzte Richtung und heißt in FC 27 offiziell Authentic Gameplay 2.0. Das Tempo ist ruhiger, Pässe verlangen mehr Präzision, Mannschaften halten ihre Formation diszipliniert und Torchancen wollen herausgespielt werden. Für den Karrieremodus und Partien gegen die CPU habe ich mich fast immer für diese Variante entschieden, weil sie dem echten Fußball deutlich näherkommt. Wer Authentic schon in FC 26 mochte, bekommt hier eine runde, ausgereiftere Version davon.
Ergänzt wird das Ganze durch erweiterte Gameplay-Schieberegler. Wer möchte, kann Tempo, Fehlerquoten und KI-Verhalten noch feiner an den eigenen Geschmack anpassen. Gerade Offline-Spieler bekommen damit ein Werkzeug an die Hand, mit dem sich FC 27 sehr individuell einstellen lässt.
Ecken, Kopfbälle und echtes Strafraumgewühl
Ausgerechnet der Eckball ist für mich die gelungenste Neuerung in FC 27. In den Vorgängern waren Ecken meist Routine: Ball reinschlagen, hoffen, weiterspielen. Viele haben sie gleich kurz ausgeführt, weil die Erfolgsquote bei hohen Hereingaben überschaubar war.
Jetzt läuft das anders. Nach dem Zielen öffnet sich ein kurzes Zeitfenster, in dem ich einen Angreifer im Strafraum direkt steuere. Ich kann mich vom Gegenspieler lösen, in den freien Raum starten und den Laufweg selbst bestimmen, bevor der Ball kommt. Dazu passt das neue Kopfballsystem, bei dem zwei Spieler ein echtes Luftduell austragen und Timing über Erfolg entscheidet.
Das Ergebnis: Ich komme bei Ecken spürbar häufiger zum Kopfball, und dabei entstehen richtig starke, realistische Situationen. Mal drückt der Verteidiger seinen Gegenspieler gerade noch weg, mal steigt der Stürmer im Fünfmeterraum höher und nickt ein, mal klärt der Keeper mit der Faust in letzter Sekunde. Ruhende Bälle sind dadurch wieder eine echte Waffe und nicht mehr nur eine Spielunterbrechung. Einziger Haken: Das System ist etwas langsamer als früher. Wer Ecken gern zügig ausführt, muss sich umgewöhnen.
Verteidigen, Laufwege und Passspiel
Abseits der Standards hat EA vor allem an der Eigenverantwortung gedreht. Die automatische KI-Verteidigung wurde zurückgenommen. Wer nur den Sechser steuert und den Rest der Abwehr der CPU überlässt, wird in FC 27 schnell bestraft. Im Gegenzug ist das Jockeying schneller und die Reichweite manueller Zweikämpfe größer, sofern man aktiv verteidigt. Das erfordert eine Eingewöhnung, fühlt sich danach aber deutlich fairer an, weil gute Abwehrarbeit wieder belohnt wird.
In der Offensive bieten Mitspieler variantenreichere Laufwege an, darunter gebogene Läufe hinter die Abwehrkette. Overlap- und Underlap-Läufe lassen sich manuell auslösen. Steilpässe reagieren direkter auf die eigene Eingabe, statt einer vorgegebenen Bahn zu folgen. Zudem zählen Attribute wieder spürbarer: Ein Spieler mit hohem Passwert fühlt sich wie ein Ballverteiler an, PlayStyles dominieren nicht mehr alles. Dribblings profitieren von neuen Animationen, mit denen technisch starke Spieler auch aus dem Gleichgewicht heraus den Ball behaupten können.
Karrieremodus: Transfermarkt mit mehr Tiefe
In der Trainerkarriere steht der überarbeitete Transfermarkt im Mittelpunkt. Andere Vereine machen aktiv Angebote, Marktwerte richten sich stärker nach Vereinsstärke, Potenzial und Form, und in Verhandlungen stehen neue Werkzeuge wie Leistungs- und Rückkaufklauseln zur Verfügung. Spielerwerte sind zudem dynamisch und spiegeln Form, Moral und Fitness wider. Unerwartete Ereignisse wie plötzliche Karriereenden oder familiär bedingte Abwesenheiten können den Saisonverlauf zusätzlich durcheinanderwirbeln.
Über ein separates Webportal lassen sich eigene Karriere-Szenarien erstellen und mit anderen teilen. In der Spielerkarriere sorgen neue Rivalitäten für zusätzliche Ziele neben dem Platz. Wer gerne offline spielt, findet hier also reichlich Stellschrauben, um eine Saison nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Ultimate Team und FUT-Galerie
Ultimate Team folgt dem bekannten Prinzip: Karten sammeln, Teams zusammenstellen, in Events, Rivals und Champions antreten. Neu ist die FUT-Galerie. Dort lassen sich historische und aktuelle Spieler-Items zu Sets zusammenstellen, über die weitere Belohnungen freigeschaltet werden. Squad Building Challenges wurden gestrafft, sodass Spezialkarten leichter erreichbar sind.
Finanziert wird der Modus weiterhin über FC Points, mit denen sich Packs kaufen lassen. Wer sich vorab mit den Mechaniken befassen möchte, findet Hintergründe in unseren Erklärartikeln zu Lootboxen und Pay-to-Win.
The Grounds und Clubs
The Grounds ist die größte inhaltliche Neuerung. Der soziale Bereich verbindet Straßenfußball und Stadionatmosphäre: Man trifft sich zu Kleinfeldmatches, lockeren Kicks und 1-gegen-1-Duellen, trifft auf virtuelle Fußballmentoren und personalisiert die eigene Spielfigur. Gleichzeitig erweitert The Grounds den Clubs-Modus, von entspannten Bolzplatz-Runden bis hin zu höherklassigen Wettbewerben. Spielbar ist der Modus nur auf PS5, Xbox Series X|S, PC und Switch 2, nicht auf den Last-Gen-Konsolen.
Wie viel man aus The Grounds herausholt, hängt stark davon ab, ob man feste Mitspieler hat. Mit Freunden entfaltet der Bereich seinen Reiz als Treffpunkt deutlich besser als allein.
Technik & Präsentation
Die Aufmachung ist wieder total klasse. Stadien, Lichtstimmung, Einlaufzeremonien und Zwischensequenzen vermitteln das Gefühl einer echten Fernsehübertragung, und die Spielermodelle der Topstars sind sofort wiedererkennbar. Die neuen Animationen fügen sich gut ein und lassen Zweikämpfe und Luftduelle natürlicher wirken. Große optische Sprünge gegenüber FC 26 sollte man allerdings nicht erwarten, die Unterschiede liegen eher im Detail.
Beim Umfang setzt EA einmal mehr Maßstäbe: Über 21.000 Spieler aus mehr als 800 Vereinen und Nationalmannschaften, 140 Stadien und mehr als 35 Ligen, darunter Bundesliga, Premier League und Champions League. Die Integration des Frauenfußballs bleibt selbstverständlich. Kommentar und Soundtrack liefern das gewohnte Niveau.
Wer erst einmal reinschnuppern möchte, kann zur kostenlosen FC 27 Lite greifen, die unter anderem Anstoß-Partien, ein Tutorial sowie Online-Freundschaftsspiele umfasst. EA-Play-Mitglieder erhalten zudem eine zehnstündige Testversion mit übertragbarem Spielstand.
Schwächen
So gut sich FC 27 auf dem Platz anfühlt, wirklich revolutionär ist es nicht. Viele Änderungen sind Verfeinerungen dessen, was FC 26 begonnen hat. Wer mit dem Vorgänger zufrieden ist und vor allem offline spielt, muss genau abwägen, ob die Neuerungen den Vollpreis rechtfertigen.
Der Preis bleibt hoch: 79,99 Euro für die Standard Edition auf Konsole, 109,99 Euro für die Ultimate Edition, deren wesentlicher Mehrwert Early Access und Ultimate-Team-Inhalte sind. Einen Überblick über die Unterschiede solcher Editionen gibt unser Editionsvergleich. Dazu kommen in Ultimate Team weiterhin kostenpflichtige FC Points. Und die neue, stärker manuelle Verteidigung verlangt Einsteigern einiges an Eingewöhnung ab.
Fazit
EA Sports FC 27 ist kein Neuanfang, aber ein spürbar besseres Fußballspiel als sein Vorgänger. Die zurückgefahrene KI-Unterstützung gibt mir mehr Kontrolle, das Authentic Gameplay 2.0 fühlt sich runder an, und die neuen Ecken machen ruhende Bälle wieder zu echten Torchancen. Die Kopfballduelle im Strafraum gehören für mich zu den schönsten Momenten des Jahrgangs.
Drumherum bietet FC 27 so viele Möglichkeiten wie nie: einen tieferen Transfermarkt für Karriere-Fans, die FUT-Galerie für Sammler und mit The Grounds einen neuen Treffpunkt für alle, die gemeinsam kicken wollen. Die Präsentation ist erstklassig, der Umfang gewaltig. Abzüge gibt es für die geringe Revolution gegenüber FC 26, die hohen Preise und die altbekannte Monetarisierung in Ultimate Team.
Mein Fazit lautet: EA Sports FC 27 ist die konsequente Weiterentwicklung von FC 26, die vor allem auf dem Platz überzeugt und mit den neuen Ecken eine kleine, aber großartige Neuerung mitbringt.
| Pro | Contra |
|---|---|
| Neue Ecken mit Kopfballduellen sorgen für realistische Strafraumszenen | Eher Verfeinerung als Revolution gegenüber FC 26 |
| Authentic Gameplay 2.0 rund und spürbar realistischer | Hohe Preise, Ultimate Edition für 109,99 Euro |
| Mehr Kontrolle durch reduzierte KI-Verteidigung und bessere Laufwege | Ultimate Team weiterhin stark auf FC Points ausgerichtet |
| Tieferer Transfermarkt und dynamische Werte in der Karriere | Neue Ecken langsamer als gewohnt |
| Erstklassige Präsentation und riesiger Lizenzumfang | Grafisch nur kleine Schritte gegenüber dem Vorgänger |
Plattformen: PlayStation 5 (getestet auf PS5 Pro), PlayStation 4, Xbox Series X|S, Xbox One, PC, Nintendo Switch 2
UVP: 79,99 Euro (Standard Edition, Konsole), 109,99 Euro (Ultimate Edition, Konsole), 69,99 Euro (Standard Edition, PC)
Für wen: Für Fußballfans, die mehr Kontrolle auf dem Platz wollen, für Karriere-Spieler mit Lust auf Kaderplanung und für alle, die online mit Freunden kicken möchten
Offenlegung: Für diesen Test wurde uns von Electronic Arts ein Review-Key für die PlayStation 5 zur Verfügung gestellt. Dies hatte keinen Einfluss auf die Bewertung.

