Ein neues Deus Ex?

Deus-Ex-Macher D’Astous: „Würde sofort ein neues Spiel entwickeln“ – und nennt Eidos-Montreal verflucht

Stephane D’Astous, Gründer von Eidos-Montreal und verantwortlicher Direktor hinter Deus Ex: Human Revolution, hat sich in einem seltenen Interview ausführlich zur Lage der Spielebranche geäußert. Seine Bilanz fällt ernüchternd aus: Entscheidungen werden heute aus dem Tabellenkalkulations-Programm heraus getroffen, nicht mehr aus Leidenschaft. Und das Studio, das er einst aufgebaut hat, sieht er auf einem gefährlichen Kurs.

„Excel vor Passion“ – D’Astous zur Konsolidierung der Branche

Den zentralen Strukturwandel macht D’Astous an einer zunehmenden Machtkonzentration fest. Konzerne wie Tencent und NetEase hätten in den vergangenen 15 Jahren massiv an Einfluss gewonnen, der Staatsfonds Saudi-Arabiens (PIF) kaufe sich tief in die Industrie ein. Die Konsequenz: Investoren mit weniger Branchenwissen und tieferen Taschen treffen die Entscheidungen. Das Ergebnis sei eine Branche, die mehr von Kennzahlen als von spielerischer Leidenschaft geprägt werde.

Das hat direkte Folgen für die Entwicklungspraxis. Als Negativbeispiel nennt er wiederholt die Forderung, ein Spiel auf dem Niveau von The Witcher 3 mit begrenztem Budget in unter vier Jahren mit einem neuen Team zu stemmen. Eine Rechnung, die für ihn schlicht nicht aufgeht. Wer nicht die Disziplin aufbringe, Nein zu sagen und klare Entwicklungsphasen durchzusetzen, grabe das Loch nur tiefer. In unserem Erklärartikel zu Feature Creep in der Spieleentwicklung haben wir dieses Phänomen bereits beleuchtet – D’Astous beschreibt es hier aus eigener Erfahrung.

Pandemie-Boom als Zeitbombe

Die seit 2023 anhaltenden Schließungen und Entlassungswellen in der Spielebranche sieht D’Astous als verzögerte Folge der Pandemie-Jahre. Während des Lockdowns sei massenhaft Kapital in Projekte geflossen, die einer kritischen Prüfung nicht standgehalten hätten. Tausende Projekte seien grungeleuchtet worden, und er habe schon damals gewusst, dass die Rechnung Jahre später präsentiert werden würde. Auch Crunch und seine Folgen thematisiert er implizit – ein Aspekt, den wir in unserem Artikel zu Crunch in der Gaming-Industrie detailliert aufgearbeitet haben.

KI in der Spieleentwicklung: Werkzeug, kein Ersatz

Zu künstlicher Intelligenz nimmt D’Astous eine differenzierte Haltung ein. Er erwartet bis 2028 ein vollständig KI-gestütztes AA-Spiel auf dem Markt – Prototyping, Programmierung, Qualitätssicherung und Dokumentation sieht er als sinnvolle Einsatzfelder. Doch Grenzen zieht er klar: Storytelling, Musik und kreative Direktion müssten menschlich bleiben. Die Sorge, dass KI Kreativität normiere und Innovation auf einen Mittelwert reduziere, treibt ihn um. Was KI in der Spieleentwicklung bereits heute leisten kann und wo die Grenzen liegen, haben wir in unserem Artikel Kann KI einen AAA-Titel erstellen? erörtert.

Eidos-Montreal: „Verflucht, wenn sich nichts ändert“

Besonders direkt wird D’Astous, wenn es um das Studio geht, das er 2007 gegründet hat. Er verließ Eidos-Montreal 2013 aus Gründen, die er mit Führung, Mut und Kommunikation beschreibt. Seitdem hat das Studio Tomb Raider– und Marvel-Titel veröffentlicht, wurde 2022 von der Embracer Group übernommen und erlebt seitdem eine Serie von Entlassungen und Projektabbrüchen – darunter 2024 die Einstellung eines neuen Deus Ex. D’Astous bezeichnet das Studio als verflucht, solange sich an den Entscheidungsträgern nichts ändere. Die Person, mit der er 2013 im Konflikt stand, sitze noch immer in einer einflussreichen Position und sei zwischenzeitlich sogar befördert worden.

Für seine früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat er warme Worte: Viele kämen noch heute auf ihn zu und beschrieben die Zeit der ersten Deus Ex: Human Revolution-Entwicklung als den Höhepunkt ihrer Karriere.

Ein neues Deus Ex? D’Astous wäre dabei

Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr zur Franchise vorstellen könnte, antwortet D’Astous klar mit Ja. Er könne ehemalige Mitstreiter zusammenbringen, die genauso brennen würden wie er. Als Richtung schwebt ihm ein Single-Player-Fokus vor, der das Kern-Prinzip von Wahl und Konsequenz weiterentwickelt und auf neue technologische Möglichkeiten setzt. Mobile schließt er ausdrücklich aus.

Ob daraus je ein konkretes Projekt wird, ist offen. Die Markenrechte liegen bei Square Enix respektive Embracer – und damit bei den gleichen Strukturen, die D’Astous im Interview als Teil des Problems benennt.

Quelle: Interview mit Stephane D’Astous, veröffentlicht von Thunderpick (thunderpick.io), 15. Juni 2026

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