Turtle Beach

Turtle Beach: Die Geschichte hinter Stealth, ROCCAT und PDP

Kaum ein Name steht so sehr für den Aufstieg des Gaming-Headsets zum eigenständigen Hardware-Segment wie Turtle Beach. Die Marke aus San Diego gilt als Erfinderin des ersten dedizierten Gaming-Headsets für Spielkonsolen und hält bis heute einen der größten Marktanteile im Konsolen-Segment. Anders als ASTRO oder HyperX, deren Wurzeln in einem Industriedesign-Studio beziehungsweise einer Arbeitsspeicher-Sparte liegen, oder SteelSeries und Razer, die von Anfang an gezielt für PC-Gamer entwickelt wurden, reicht die Geschichte von Turtle Beach am weitesten zurück: bis in die 1970er-Jahre, lange bevor überhaupt von Gaming-Zubehör die Rede war.

Von Musiksoftware zu MIDI-Pionieren: Die Wurzeln ab 1975

Zwei parallele Firmengründungen aus dem US-Bundesstaat New York bilden das Fundament der heutigen Marke. 1975 gründeten Roy Smith und Robert Hoke im Ort Elmsford die Firma Turtle Beach Softworks, deren erstes Produkt ein grafisches Bearbeitungssystem für das einflussreiche Ensoniq-Mirage-Sampling-Keyboard war. Im selben Jahr entstand, unabhängig davon, eine zweite Firma: Carmine Bonanno und Fred Romano gründeten Octave Electronics, das sich über die Zwischenstation Octave-Plateau zu Voyetra Technologies entwickelte und zu den Gründungsmitgliedern des MIDI-Standards zählte.

1988 brachte Turtle Beach sein erstes echtes Hardware-Produkt auf den Weg: ein festplattenbasiertes Audio-Bearbeitungssystem, das 1990 unter dem Namen „56K Digital Recording System“ veröffentlicht wurde und als eines der ersten seiner Art galt. Im Dezember 1996 verkaufte der damalige Eigentümer ICS die Turtle-Beach-Sparte an Voyetra Technologies in Yonkers, New York. Aus dem Zusammenschluss entstand die neue Firma Voyetra Turtle Beach, die in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren Millionen von PC-Soundkarten unter anderem an Dell verkaufte – zu einer Zeit, in der Soundkarten für viele Nutzer noch ein notwendiges Zubehörteil für jeden PC waren, bevor Onboard-Audio zum Standard wurde.

Der Sprung ins Gaming: Das erste Konsolen-Headset (2005)

2005 vollzog Voyetra Turtle Beach den entscheidenden Strategiewechsel: Mit dem X51 brachte die Firma nach eigenen Angaben das erste dediziert für Spielkonsolen entwickelte Gaming-Headset auf den Markt – zu einem Zeitpunkt, an dem Sprachkommunikation und räumlicher Sound bei Konsolenspielern noch kaum als eigenständiges Produktsegment wahrgenommen wurden. Unter der Marke Ear Force baute das Unternehmen dieses Segment in den Folgejahren konsequent aus und etablierte sich als die Headset-Marke für Xbox- und PlayStation-Spieler, während sich PC-native Wettbewerber wie SteelSeries zu dieser Zeit noch stärker auf Mauspads und Mäuse konzentrierten.

Diese frühe Konsolen-Fokussierung erwies sich als strategisch klug: Während sich viele spätere Wettbewerber erst über den PC-Markt näherten und Konsolen-Kompatibilität eher als Zusatzfunktion behandelten, baute Turtle Beach von Beginn an gezielt Lizenzbeziehungen zu Microsoft und Sony auf. Nach eigenen Angaben hielt das Unternehmen dadurch über Jahre hinweg einen Marktanteil von deutlich über 40 Prozent im Segment der Konsolen-Gaming-Headsets – eine Dominanz, die kein anderer der in dieser Artikelreihe porträtierten Hersteller im Konsolenbereich in vergleichbarem Ausmaß erreichte. Die Ear-Force-Marke selbst wurde in den 2010er-Jahren schrittweise zurückgefahren und zugunsten der neuen, bis heute genutzten Stealth-Namensgebung abgelöst, während das Grundprinzip – Konsolen zuerst, PC als Ergänzung – bis heute die Produktstrategie prägt.

Börsengang durch die Hintertür: Parametric Sound und die Umbenennung (2014)

2014 nahm die Firmengeschichte eine ungewöhnliche Wendung: Parametric Sound Corporation, ein an der Nasdaq notiertes Unternehmen, das sich zuvor auf gerichtete Ultraschall-Audiotechnik spezialisiert hatte, übernahm Voyetra Turtle Beach und übernahm zugleich dessen bekannteren Markennamen. Aus der Fusion ging die heutige Turtle Beach Corporation hervor, die seither unter dem Kürzel HEAR an der Nasdaq gehandelt wird. Dieser Weg an die Börse unterscheidet sich damit deutlich von dem anderer Hersteller in dieser Artikelreihe: Während SteelSeries über Private-Equity-Stationen schließlich an einen Konzern verkauft wurde, ging Turtle Beach über eine Fusion mit einem bereits börsennotierten Unternehmen selbst an die Börse. Juergen Stark, der das Unternehmen bereits seit 2012 als CEO führte, blieb auch nach der Fusion und dem Börsengang an der Spitze.

Wachstum durch Zukäufe: ROCCAT und Neat Microphones

Unter Starks Führung erweiterte Turtle Beach sein Portfolio gezielt über das Kerngeschäft mit Konsolen-Headsets hinaus:

  • 2019 – ROCCAT: Für rund 19,2 Millionen US-Dollar (davon etwa 14,8 Millionen in bar) übernahm Turtle Beach den deutschen Eingabegeräte-Hersteller ROCCAT, bekannt für Gaming-Tastaturen und -Mäuse wie die Vulcan-Serie. Der Zukauf verschaffte Turtle Beach erstmals nennenswerten Zugang zum PC-Peripherie-Geschäft sowie zum europäischen und asiatischen Markt, in dem die Marke zuvor kaum präsent war. Turtle Beachs damaliger CEO bezeichnete das ROCCAT-Portfolio ausdrücklich als komplementär: ROCCAT bediene eine andere Zielgruppe als die klassische Konsolen-Kundschaft von Turtle Beach, wodurch sich beide Marken im Vertrieb eher ergänzten als kannibalisierten.
  • 2021 – Neat Microphones: Im Januar 2021 übernahm Turtle Beach den kalifornischen Mikrofon-Hersteller Neat Microphones, dessen Führungsteam zuvor Blue Microphones mitgegründet hatte. CEO Juergen Stark bezeichnete die Übernahme als „dritte Säule“ neben den bestehenden Konsolen- und PC-Sparten und positionierte Turtle Beach damit zusätzlich im wachsenden Markt für Streaming- und Podcast-Mikrofone.

Führungswechsel 2023: Cris Keirn übernimmt

Im Juni 2023 kündigte Turtle Beach an, dass Cris Keirn zum 1. Juli 2023 als Interims-CEO die Nachfolge von Juergen Stark antritt, der das Unternehmen seit 2012 geführt hatte. Keirn war bereits seit 2013 bei Turtle Beach und hatte zuletzt als Senior Vice President Global Sales gearbeitet. Aus der Interims-Position wurde eine dauerhafte Berufung: Keirn führt das Unternehmen seither als Chief Executive Officer, während Terry Jimenez die Rolle des Chairman of the Board innehat.

Die PDP-Übernahme 2024: Vom Headset-Spezialisten zum Vollsortimenter

Den bislang größten Umbruch in der jüngeren Firmengeschichte markierte März 2024: Turtle Beach kündigte die Übernahme von Performance Designed Products (PDP) zu einem Unternehmenswert von rund 118 Millionen US-Dollar an, finanziert über eine Mischung aus 3,45 Millionen eigenen Aktien und etwa 78,9 Millionen US-Dollar in bar. Der Deal wurde im April 2024 abgeschlossen. PDP war zuvor ein führender, privat gehaltener Anbieter von Controllern, Netzteilen und weiterem Videospielzubehör und brachte mit Victrix eine auf Esports-Controller spezialisierte Marke sowie mit Afterglow eine Einsteiger-orientierte Zubehörlinie mit in den Konzern.

Bemerkenswert an der Ankündigung: Turtle Beach hatte im Vorfeld nach eigenen Angaben auch einen kompletten Verkauf des Unternehmens als eine von mehreren strategischen Optionen geprüft, bevor man sich für die PDP-Übernahme entschied. Strategisch ergänzten sich beide Firmen dabei fast lehrbuchhaft: Turtle Beach war zu diesem Zeitpunkt Marktführer bei Konsolen-Headsets, PDP bei Controllern – die Fusion schuf damit einen Anbieter mit Führungspositionen in beiden zentralen Zubehör-Kategorien des Konsolenmarkts gleichzeitig. Im Rahmen der Ankündigung bezifferte Turtle Beach die erwarteten Netto-Umsätze für das Gesamtjahr 2024 auf 370 bis 380 Millionen US-Dollar – ein deutlicher Sprung, der maßgeblich auf die PDP-Integration sowie auf eine aus Unternehmenssicht positive Marktentwicklung in einzelnen Produktkategorien zurückgeführt wurde.

Turtle Beach heute: Marken, Produkte und Marktposition

Der Hauptsitz von Turtle Beach liegt weiterhin in San Diego, Kalifornien. Das Unternehmen ist an der Nasdaq unter dem Kürzel HEAR gelistet, geführt von CEO Cris Keirn unter dem Vorsitz von Chairman Terry Jimenez. Das Markenportfolio umfasst heute:

  • Turtle Beach: Die Kernmarke für Gaming-Headsets, angeführt von der Premium-Reihe Stealth (unter anderem Stealth Ultra, Stealth 700 und Stealth 600) sowie der preisgünstigeren Recon-Serie.
  • ROCCAT: PC-Peripherie wie Tastaturen und Mäuse, seit 2019 Teil des Konzerns.
  • PDP: Controller, Netzteile und weiteres Konsolenzubehör, seit 2024 im Portfolio.
  • Victrix: Esports-orientierte Premium-Controller innerhalb der PDP-Familie.
  • Afterglow: Einsteiger-Controller und -Zubehör im unteren Preissegment.
  • Neat Microphones: Streaming- und Podcast-Mikrofone seit der Übernahme 2021.

In der Konsequenz dieser Zukäufe hat sich Turtle Beach vom reinen Headset-Spezialisten zu einem breit aufgestellten Zubehör-Konzern entwickelt, der laut eigenen Angaben zu den Marktführern sowohl bei Konsolen-Headsets als auch bei Controllern zählt. Vertrieben werden die Produkte weiterhin primär über den klassischen Einzelhandel sowie große Elektronikmärkte, ergänzt um den eigenen Online-Shop und die üblichen Plattformen der jeweiligen Konsolenhersteller – ein Vertriebsmodell, das sich von reinen Online-first-Marken unterscheidet und auf die traditionell hohe Präsenz von Turtle-Beach-Produkten im stationären Handel zurückgeht.

Einordnung: Turtle Beach im Wettbewerbsumfeld

Im direkten Vergleich zu ASTRO und HyperX – den beiden Marken, die dem Konsolen-Headset-Segment historisch am nächsten stehen – zeigt sich ein struktureller Unterschied: ASTRO und HyperX sind heute jeweils Marken innerhalb eines deutlich größeren Mutterkonzerns (Logitech beziehungsweise HP), während Turtle Beach selbst als eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen firmiert und sich durch Zukäufe wie ROCCAT und PDP sein eigenes Multi-Marken-Portfolio aufgebaut hat, statt selbst aufgekauft zu werden. Gegenüber PC-nativen Marken wie SteelSeries, Razer oder Logitech G liegt der historische Schwerpunkt von Turtle Beach klar auf dem Konsolenmarkt, auch wenn ROCCAT inzwischen für PC-seitige Kompetenz sorgt.

Preislich positioniert sich Turtle Beach mit der Stealth-Reihe ähnlich wie die Premiumsegmente von SteelSeries oder ASTRO, deckt über die günstigere Recon-Serie aber gleichzeitig auch das Einsteigersegment ab – eine Doppelstrategie, die eher der breiten Produktpalette von Razer oder Logitech ähnelt als der engen Fokussierung von Nischenanbietern wie Audeze, das sich mit seiner Planar-Magnet-Technologie ausschließlich im oberen Preissegment bewegt. Durch die PDP-Übernahme hat sich Turtle Beach zudem eine Kategorie erschlossen, in der keiner der bislang porträtierten Wettbewerber eine vergleichbare Marktposition hält: den Controller-Markt.

FAQ zu Turtle Beach

Wann wurde Turtle Beach gegründet?

Die Wurzeln reichen bis 1975 zurück, als parallel die Firmen Turtle Beach Softworks (Roy Smith, Robert Hoke) und Octave Electronics, später Voyetra Technologies (Carmine Bonanno, Fred Romano), gegründet wurden. Beide Firmen fusionierten 1996 zu Voyetra Turtle Beach.

Wem gehört Turtle Beach heute?

Turtle Beach Corporation ist ein eigenständiges, an der Nasdaq unter dem Kürzel HEAR gelistetes Unternehmen mit Sitz in San Diego. Es gehört keinem größeren Mutterkonzern, sondern hat selbst mehrere Marken wie ROCCAT und PDP übernommen.

Was war das erste Gaming-Headset von Turtle Beach?

Das X51 aus dem Jahr 2005 gilt als das erste dediziert für Spielkonsolen entwickelte Gaming-Headset überhaupt und legte den Grundstein für die spätere Ear-Force- und heutige Stealth-Produktlinie.

Welche Marken gehören zu Turtle Beach?

Neben der Kernmarke Turtle Beach gehören ROCCAT (PC-Peripherie, seit 2019), Neat Microphones (Mikrofone, seit 2021) sowie seit der Übernahme von Performance Designed Products 2024 auch PDP, Victrix und Afterglow (Controller und Konsolenzubehör) zum Konzern.

Wer ist der aktuelle CEO von Turtle Beach?

Cris Keirn führt Turtle Beach seit Juli 2023 als CEO, zunächst interimistisch, dann dauerhaft. Er löste Juergen Stark ab, der das Unternehmen seit 2012 geleitet hatte. Terry Jimenez ist Chairman of the Board.

Was hat es mit der PDP-Übernahme auf sich?

Im März 2024 kündigte Turtle Beach die Übernahme des Controller-Herstellers Performance Designed Products (PDP) für einen Unternehmenswert von rund 118 Millionen US-Dollar an, abgeschlossen im April 2024. Damit kamen die Marken Victrix und Afterglow hinzu, und Turtle Beach wurde zum Anbieter mit Führungspositionen sowohl bei Konsolen-Headsets als auch bei Controllern.

Was unterscheidet Turtle Beach von ASTRO oder HyperX?

Anders als ASTRO (Teil von Logitech) und HyperX (Teil von HP) ist Turtle Beach kein Markenbaustein eines größeren Technologiekonzerns, sondern ein eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen, das sein Portfolio durch eigene Zukäufe wie ROCCAT und PDP erweitert hat, statt selbst übernommen zu werden.

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