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Logitech: Vom Schweizer Bauernhof zum globalen Peripherie-Konzern

Kaum ein anderer Hersteller ist so tief im Alltag von PC-Nutzern verankert wie Logitech. Ob Maus, Tastatur, Webcam oder – über Tochtermarken – Gaming-Headset und Streaming-Software: Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Logitech-Produkt auf dem eigenen Schreibtisch liegt, ist hoch. Anders als bei vielen reinen Gaming-Marken reicht die Geschichte von Logitech dabei deutlich weiter zurück als die der meisten heutigen Wettbewerber und beginnt lange vor dem Boom der Gaming-Peripherie-Industrie der 2000er- und 2010er-Jahre. Wie schon im Hersteller-Porträt zu SteelSeries zeigt sich auch bei Logitech, wie aus einer kleinen Gründung ein globaler Konzern werden kann – nur dass die Geschichte hier auf einem Schweizer Bauernhof beginnt statt in der dänischen Esports-Szene.

Die Gründung 1981: Vom Bauernhof zur ersten Computermaus

Logitech wurde am 2. Oktober 1981 im kleinen Schweizer Dorf Apples bei Lausanne gegründet – auf dem Bauernhof des Schwiegervaters von Mitgründer Daniel Borel. Borel, ein Schweizer Informatiker, hatte sich beim Studium an der Stanford University mit dem italienischen Ingenieur Pierluigi Zappacosta angefreundet; gemeinsam holten sie den ehemaligen Olivetti-Ingenieur Giacomo Marini als dritten Mitgründer dazu. Die erste Auftragsarbeit des jungen Unternehmens war ein Grafikprogramm für den japanischen Konzern Ricoh – noch kein eigenes Produkt.

Das änderte sich 1982: Auf einer Messe in Las Vegas präsentierte Logitech seine erste eigene Computermaus, die P4. Sie kombinierte eine opto-mechanische Technik mit einer Rollkugel und wurde zunächst von der Schweizer Firma Dubois Dépraz gefertigt. Aus dieser einen Maus entwickelte sich in den Folgejahren das Kerngeschäft, das Logitech bis heute prägt.

Bemerkenswert an der Gründungsgeschichte ist, dass Logitech von Beginn an zweigleisig aufgestellt war: Während die Wurzeln unbestreitbar in der Schweiz liegen, suchten die Gründer sehr früh die Nähe zum US-amerikanischen Technologiemarkt und eröffneten schon kurz nach der Gründung ein erstes Büro im kalifornischen Palo Alto. Diese frühe transatlantische Ausrichtung unterscheidet Logitech von vielen anderen europäischen Hardware-Herstellern jener Zeit, die zunächst regional expandierten, bevor sie den Sprung in die USA wagten.

Börsengang und globale Expansion (1988–1997)

Unter Zappacosta, der das Unternehmen zunächst als Präsident und CEO führte, expandierte Logitech rasch weiter, unter anderem mit einer Fertigungsstätte, die 1994 im chinesischen Suzhou entstand. 1988 ging Logitech an der Schweizer Börse an die Öffentlichkeit, 1997 folgte zusätzlich ein Listing an der Nasdaq, bei dem mehr als 60 Millionen US-Dollar eingesammelt wurden. Als Zappacosta das Unternehmen 1998 verließ, hatte sich der Jahresumsatz bereits auf über 400 Millionen US-Dollar entwickelt – aus der kleinen Schweizer Gründung war ein global operierender Konzern geworden.

Diversifizierung ins Audio-Geschäft: Ultimate Ears (2008)

Lange Zeit war Logitech vor allem für Mäuse und Tastaturen bekannt, ergänzt um ein wachsendes Webcam-Geschäft, das sich seit den 1990er-Jahren zu einem zweiten wichtigen Standbein entwickelt hatte. Audio-Produkte spielten dagegen kaum eine Rolle im Portfolio. Das änderte sich 2008 mit der ersten großen Audio-Übernahme: Für 34 Millionen US-Dollar sicherte sich das Unternehmen Ultimate Ears, einen 1995 gegründeten Spezialisten für professionelle In-Ear-Monitore, die vor allem von Tourmusikern genutzt wurden. Nach Unternehmensangaben griffen zum Zeitpunkt der Übernahme rund drei Viertel der bekanntesten Tour-Musiker auf individuell angefertigte Ultimate-Ears-Hörer zurück – ein Hinweis auf die hohe Reputation der Marke im professionellen Audio-Segment, lange bevor Logitech selbst dort aktiv war.

Diese Übernahme markierte den Beginn einer strategischen Öffnung ins Audio-Segment, die sich in den folgenden anderthalb Jahrzehnten deutlich beschleunigen sollte und Logitech schrittweise vom reinen Eingabegeräte-Hersteller zu einem diversifizierten Konsumelektronik-Konzern machte.

Die Ära Bracken Darrell: Vom Sanierungsfall zum Comeback (2012–2023)

Anfang der 2010er-Jahre steckte Logitech in einer handfesten Krise: Der Trend zu Smartphones und Tablets war verschlafen worden, Managementfehler bei früheren Zukäufen hatten zusätzlich Vertrauen gekostet, und der Aktienkurs war von rund 40 auf etwa 7 Schweizer Franken eingebrochen. Einige Marktbeobachter rechneten in dieser Phase sogar mit einer möglichen Zerschlagung oder Übernahme des Unternehmens. Auch die 2016 abgegebene Videokonferenz-Tochter Lifesize, an der Logitech nach dem Verkauf der Mehrheitsanteile nur noch eine Minderheitsbeteiligung hielt, gilt als Beispiel für die schwierige Phase, in der frühere Zukäufe nicht den erhofften strategischen Mehrwert lieferten. In dieser Situation übernahm der Amerikaner Bracken Darrell im April 2012 zunächst die Rolle des Präsidenten, ab Januar 2013 dann als CEO die Gesamtverantwortung von seinem Vorgänger Guerrino De Luca, der das Unternehmen zuvor sowohl als Chairman als auch als CEO geführt hatte.

Unter Darrells zehnjähriger Führung fand Logitech zu neuer Innovationskraft zurück, baute das Produktdesign konsequent aus und profitierte zusätzlich stark von der pandemiebedingten Nachfrage nach Homeoffice- und Gaming-Equipment – der Aktienkurs erreichte im Sommer 2021 mit knapp 125 Franken ein Rekordhoch, nachdem er unter Darrells Vorgängern zeitweise auf ein Zehntel dieses Werts gefallen war. Im Juni 2023 trat Darrell überraschend und mit sofortiger Wirkung zurück; Beobachter vermuteten im Nachhinein, dass er einer bereits laufenden Nachfolgersuche zuvorkam, nachdem sich das Wachstumstempo in den letzten anderthalb Jahren seiner Amtszeit spürbar verlangsamt hatte. Übergangsweise übernahm Verwaltungsratsmitglied Guy Gecht, der dem Gremium bereits seit 2019 angehörte, die Geschäftsführung.

Übernahmewelle im Gaming- und Audio-Bereich

Parallel zur Erholung unter Darrell baute Logitech sein Markenportfolio durch mehrere gezielte Zukäufe deutlich aus:

  • 2016 – Jaybird: Für rund 50 Millionen US-Dollar (plus möglicher Erfolgsbeteiligung von bis zu 45 Millionen) übernahm Logitech den auf kabellose Sport-Kopfhörer spezialisierten Hersteller aus Salt Lake City und erweiterte damit das Wearables-Geschäft neben Ultimate Ears.
  • 2017 – ASTRO Gaming: Für rund 85 Millionen US-Dollar sicherte sich Logitech einen der bekanntesten Namen im Premium-Segment für Gaming-Headsets und positionierte sich damit deutlich stärker im kompetitiven Gaming-Audio-Markt.
  • 2018 – Blue Microphones: Für 117 Millionen US-Dollar kam der vor allem durch die USB-Mikrofone Yeti und Snowball bekannte Hersteller hinzu – ein gezielter Schritt in Richtung Streaming- und Podcast-Zielgruppe.
  • 2019 – Streamlabs: Mit einer Übernahme im Wert von rund 89 Millionen US-Dollar (plus bis zu 29 Millionen in Aktien bei Erreichen von Wachstumszielen) stieg Logitech direkt ins Software-Geschäft für Streamer ein. Streamlabs liefert Tools, mit denen Streamerinnen und Streamer ihre Community auf Plattformen wie Twitch einbinden und ihre Kanäle monetarisieren können.

Mit diesen vier Übernahmen innerhalb von nur drei Jahren verwandelte sich Logitech von einem reinen Peripherie-Hersteller zu einem Konzern mit einem breiten Portfolio an Gaming-, Audio- und Streaming-Marken. Die Reihenfolge der Zukäufe folgt dabei einer erkennbaren Logik: Erst wurde das Hardware-Portfolio um Wearables und Premium-Headsets erweitert, anschließend das Mikrofon-Geschäft ergänzt, und zuletzt mit Streamlabs auch die Software-Seite abgedeckt – ein Signal dafür, dass Logitech nicht nur einzelne Produktlücken schließen, sondern ein durchgängiges Ökosystem für Gamer und Streamer aufbauen wollte.

Markenkonsolidierung 2023: Das Ende von Blue Microphones

Im Juni 2023 verkündete Logitech eine grundlegende Umstrukturierung seines Markenportfolios: Die eigenständige Marke Blue Microphones wurde eingestellt. Die bekannte Yeti-Produktlinie wechselte unter das Dach von Logitech G, während die Blue-Technologie künftig nur noch als Funktionsbezeichnung (etwa bei der Rauschunterdrückung Blue VO!CE) weiterlebt. ASTRO Gaming bleibt als eigenständige Produktserie unter der Dachmarke Logitech G erhalten, wird aber ebenfalls stärker in die Gaming-Sparte integriert – ein Schritt, der zeigt, wie Logitech sein durch Zukäufe gewachsenes Markenportfolio nach Jahren der Expansion wieder stärker bündelt.

Diese Konsolidierung lässt sich als logische Konsequenz der Übernahmewelle von 2016 bis 2019 lesen: Vier eigenständige Marken innerhalb weniger Jahre zu integrieren bedeutet auch vier eigenständige Markenidentitäten, Websites und Marketingbudgets zu pflegen. Mit der Bündelung unter Logitech G reduziert der Konzern diese Komplexität, riskiert dafür aber auch, einen Teil der Wiedererkennung zu verlieren, die sich Marken wie Blue über Jahre in der Streaming- und Podcast-Community aufgebaut hatten.

Führungswechsel: Von Guy Gecht zu Hanneke Faber

Nach Darrells Abgang übernahm Guy Gecht zunächst interimistisch die Geschäftsführung, bevor mit Hanneke Faber eine neue CEO die dauerhafte Führung des Unternehmens antrat. Der Verwaltungsrat wird seither von Guy Gecht als Chairman geleitet. Der operative Doppelsitz des Unternehmens – Lausanne für die globale Konzernzentrale, San Jose in Kalifornien für den operativen US-Hauptsitz – blieb dabei unverändert bestehen und spiegelt bis heute die schweizerisch-amerikanischen Wurzeln des Unternehmens wider.

Logitech heute: Zahlen, Marken und Produktportfolio

Logitech ist heute an zwei Börsen notiert – der Schweizer SIX (Kürzel LOGN) und der Nasdaq (Kürzel LOGI) – und erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von rund 4,55 Milliarden US-Dollar bei etwa 7.300 Mitarbeitenden weltweit. Das Markenportfolio umfasst neben der Kernmarke Logitech unter anderem Logitech G (Gaming), ASTRO Gaming (Premium-Gaming-Audio), Ultimate Ears (In-Ear-Audio), Jaybird (Sport-Wearables) und Streamlabs (Streaming-Software).

Produktseitig deckt der Konzern damit ein deutlich breiteres Feld ab als reine Gaming-Peripherie-Hersteller. Im klassischen Büro- und Produktivitätsbereich zählt vor allem die MX-Serie mit Mäusen wie der MX Master und Tastaturen wie der MX Keys zu den bekanntesten Produktlinien, die sich gezielt an professionelle Nutzer richten. Im Gaming-Bereich deckt Logitech G von Einsteiger- bis Profi-Ausrüstung nahezu das komplette Spektrum ab – von Mäusen der G-Pro-Serie über mechanische Tastaturen bis zu Lenkrädern für Rennsimulationen. Ergänzt wird das Portfolio durch Webcams, Videokonferenz-Lösungen für den Business-Einsatz sowie die durch Zukäufe hinzugewonnenen Audio- und Streaming-Marken.

Einordnung: Logitech im Wettbewerbsumfeld

Im Vergleich zu spezialisierteren Gaming-Peripherie-Marken wie SteelSeries oder Razer fällt vor allem die Breite des Logitech-Portfolios auf: Während sich SteelSeries traditionell auf das gehobene Gaming- und Esports-Segment konzentriert, deckt Logitech mit seinen verschiedenen Marken sowohl das klassische Büro- und Produktivitätsgeschäft (Logitech, Logitech MX-Serie) als auch das Gaming-Segment (Logitech G, ASTRO) und mittlerweile auch Streaming-Software ab. Diese Diversifikation macht Logitech konjunkturell robuster als reine Gaming-Marken, sorgt aber auch dafür, dass die einzelnen Marken untereinander um Aufmerksamkeit und Ressourcen konkurrieren – ein Spannungsfeld, das die Markenkonsolidierung von 2023 mit erklärt.

Gegenüber Corsair, das sein Portfolio stark auf PC-Gesamtsysteme (Netzteile, Gehäuse, Arbeitsspeicher) neben klassischer Peripherie ausgerichtet hat, verfolgt Logitech einen anderen Diversifikationspfad: statt in angrenzende PC-Hardware zu expandieren, hat sich der Konzern konsequent in Richtung Audio, Wearables und Streaming-Software bewegt. Damit positioniert sich Logitech als Unternehmen, das über reine Peripherie hinaus die gesamte Content-Erstellung von Gamern und Streamern abdecken will – von der Maus über das Mikrofon bis zur Software, mit der der fertige Stream ausgestrahlt wird.

Häufige Fragen zu Logitech

Wann wurde Logitech gegründet?
Logitech wurde am 2. Oktober 1981 im Schweizer Dorf Apples bei Lausanne von Daniel Borel, Pierluigi Zappacosta und Giacomo Marini gegründet.

Welche Marken gehören zu Logitech?
Zum Markenportfolio gehören unter anderem Logitech G, ASTRO Gaming, Ultimate Ears, Jaybird und Streamlabs. Die frühere Mikrofon-Marke Blue Microphones wurde 2023 eingestellt und in Logitech G integriert.

Wer ist der aktuelle CEO von Logitech?
Nach dem überraschenden Rücktritt von Bracken Darrell im Juni 2023 und einer Übergangsphase unter Interims-CEO Guy Gecht führt inzwischen Hanneke Faber das Unternehmen.

Was war das erste Produkt von Logitech?
Das erste eigene Produkt war die Computermaus P4, die Logitech 1982 auf einer Messe in Las Vegas vorstellte.

Welche Gaming-Marken hat Logitech übernommen?
Zwischen 2016 und 2019 übernahm Logitech nacheinander Jaybird (Sport-Wearables), ASTRO Gaming (Premium-Headsets), Blue Microphones (Streaming-Mikrofone) und Streamlabs (Streaming-Software). Blue Microphones wurde 2023 als eigenständige Marke eingestellt und in Logitech G integriert.

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