Steampunk

Steampunk erklärt: Genre, Subkultur und aktueller Stand

Was ist Steampunk?

Steampunk ist ein Subgenre der Phantastik, das die Ästhetik und gesellschaftlichen Strukturen des 19. Jahrhunderts – insbesondere des viktorianischen Englands – mit anachronistischen Technologien verbindet. Typisch sind Dampfmaschinen, Luftschiffe, mechanische Prothesen und allerlei messingglänzende Apparaturen, die in einer Welt existieren, in der die Industrialisierung einen anderen, fantastischeren Verlauf genommen hat. Dazu kommen häufig Elemente aus HorrorAdventure und alternativer Geschichte. Wichtige literarische Inspirationsquellen sind H.G. Wells, Jules Verne und Mary Shelley.

Unverkennbar ist der visuelle Stil des Genres: Sepia- und Brauntöne, blitzendes Messing, Zahnräder, Goggles und Zylinderhüte. Steampunk ist dabei nicht nur ein literarisches Phänomen – es ist auch eine lebendige Subkultur mit eigener Mode, Musik und einer ausgeprägten DIY-Kultur.

Woher kommt der Begriff?

Den Begriff „Steampunk“ prägte der Autor K.W. Jeter 1987 in einem Brief an das Science-Fiction-Magazin Locus. Er schlug vor, Autoren von „victorian fantasies“ – darunter sich selbst sowie James Blaylock und Tim Powers – als „Steampunks“ zu bezeichnen. Das war in Analogie zu „Cyberpunk“, dem Science-Fiction-Trend der damaligen Zeit, und enthielt laut Jeters späteren Aussagen auch eine ironische Note gegenüber der Genrebezeichnungs-Mode der Ära.

Als erste Steampunk-Romane gelten unter anderem Jeters Morlock Night, Tim Powers‘ Die Tore zu Anubis Reich und Michael Moorcocks bereits 1970 erschienenes Der Herr der Lüfte. 1990 erweiterten William Gibson und Bruce Sterling das Genre mit Die Differenzmaschine – einem Roman über ein alternatives England, in dem Charles Babbage einen funktionierenden Dampfcomputer entwickelt hatte.

Steampunk als Subkultur: mehr als Literatur

Steampunk lässt sich nicht auf Bücher reduzieren. Schon früh entwickelte sich eine Subkultur, die Basteln, Musik, Mode und Philosophie verbindet. Ein wichtiger Impuls kam aus der Maker- und Hackerkultur: Steampunk-Kunstwerke beim Burning Man Festival, selbstgebaute viktorianisch anmutende Apparate, Workshops über DIY-Technologie. Die Verbindung zur Bastel- und Hacker-Kultur ist kein Zufall – beide teilen das Interesse daran, Technologie zu verstehen, zu reparieren und umzufunktionieren, statt sie nur zu konsumieren. Das SteamPunk Magazine forderte explizit, das „Punk“ ernst zu nehmen: als politische Haltung gegen Wegwerfkultur und undurchsichtige Blackbox-Technologie.

Diese Haltung hat eine eigene Ästhetik erzeugt. Die offenliegenden Zahnräder, die Dampfkolben, die man bei der Arbeit beobachten kann – das ist das Gegenteil moderner Geräte, bei denen selbst der Akku nicht mehr tauschbar ist. Steampunk-Maschinen sind lesbar. Man sieht, wie sie funktionieren.

Politische Debatten: Das Problem mit dem Punk

Nicht jeder war begeistert vom Steampunk-Boom der 2000er und frühen 2010er Jahre. Die Autorin Catherynne M. Valente kritisierte 2010 das Genre als zu konservativ und nostalgisch, zu sehr auf Oberfläche und Ästhetik fixiert, ohne dass die versprochene politische Schärfe des Suffixes „-Punk“ sich in den Texten manifestierte. Auch Charles Stross warf vielen Steampunk-Werken vor, das viktorianische Zeitalter zu romantisieren und Rassismus sowie Imperialismus der Epoche auszublenden.

Diese Kritik hat das Genre produktiv verändert. Es entstanden Werke, die bewusst über Europa hinausblicken: N.K. Jemisins The Effluent Engine und P. Djèli Clarks The Black God’s Drums verbinden Steampunk-Technologie mit der haitianischen Revolution. Jeannie Lins Gunpowder Alchemy verlegt das Setting in das China der Opiumkriege. Im deutschsprachigen Raum entstanden Werke wie die Eis und Dampf-Reihe von Judith und Christian Vogt, die 2013 den Deutschen Phantastikpreis gewann.

Steampunk heute: Genre löst sich auf, Motive bleiben

Als explizites Buchmarkt-Trend ist Steampunk ruhiger geworden. Große Verlage vermarkten kaum noch Neuerscheinungen unter diesem Label. Was geblieben ist: die Themen, Archetypen und die visuelle Sprache des Genres tauchen weiterhin in der breiteren Phantastik auf. Eines der reichweitenstärksten Beispiele ist die Animationsserie Arcane, die die Spielwelt von League of Legends adaptiert: Magie und Fantasy-Völker treffen auf rasant entwickelnde magische Technologie, drastische soziale Ungleichheit prägt die übereinander existierenden Städte Piltover und Zaun – visuell und thematisch unverkennbar steampunkinspiriert.

Steampunk in Videospielen

Auch im Gaming hat Steampunk deutliche Spuren hinterlassen. Bioshock Infinite (2013) entführt in die schwebende Stadt Columbia – eine viktorianisch-amerikanische Fantasie mit dampfbetriebenen Mechanismen und düsterer sozialer Hierarchie. Dishonored (2012) verbindet Steampunk-Ästhetik mit Schleich- und Attentatsmechaniken in der ölverschmierten Stadt Dunwall, deren Industrie auf Walfischöl basiert – ein bewusster Kommentar auf Raubbau und Klassengesellschaft. Das RPG Arcanum: Of Steamworks and Magick Obscura (2001) gilt als ein Urgestein des Genres: In einer Welt, in der Magie und industrielle Technologie miteinander konkurrieren, entscheidet der Spieler, welchem Pfad er folgt. Frostpunk (2018) wiederum nutzt Dampftechnik als Überlebensbasis in einer apokalyptischen Eiswelt und stellt den Spieler vor moralisch schwierige Entscheidungen rund um Ressourcenverteilung und Autoritarismus.

Im japanischen Rollenspielbereich sind es vor allem die Final Fantasy-Ableger – allen voran Final Fantasy VI und IX – die Dampftechnologie und Magie elegant vermischen. Skies of Arcadia (2000) zählt ebenfalls zu den Klassikern des Subgenres: Luftpiraten, fliegende Inseln und dampfbetriebene Kriegsschiffe. Aktuellere Beispiele wie Steelrising (2022), das die Französische Revolution mit mechanischen Androiden neu erzählt, zeigen, dass das Genre keineswegs aus der Spieleentwicklung verschwunden ist – es hat sich nur breiter in die Phantastik eingebettet.

Als Subkultur existiert Steampunk weiter: Festivals, Cosplay-Communities und Maker-Treffen halten die DIY-Ästhetik lebendig. In Zeiten von undurchsichtiger KI-Technologie und Überdruss an Massenware liegt eine Rückbesinnung auf Analoges, Handfestes und Verständliches nahe – und Steampunk bietet dafür eine der fotogensten Ästhetiken der Phantastik.

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