ACR beim Smart-TV

ACR beim Smart-TV erklärt: Was dein Fernseher über dich weiß und wie du es abschaltest

Ein moderner Fernseher ist längst mehr als ein Bildschirm. Er streamt, steuert das Smart Home, spiegelt das Handy und sammelt dabei Daten, oft deutlich mehr, als den meisten bewusst ist. Im September 2026 rückte eine aufwendige Untersuchung des YouTube-Kanals Gamers Nexus Smart-TVs von LG in den Fokus. Im Mittelpunkt steht eine Technik, die in nahezu allen aktuellen Fernsehern steckt: ACR. Dieser Artikel erklärt, was dahintersteckt, warum Hersteller so viel Interesse an deinem Fernsehabend haben, was das für Gamer bedeutet und wie du die Datensammlung abschaltest.

Was ist ACR?

ACR steht für Automatic Content Recognition, also automatische Inhaltserkennung. Der Fernseher erstellt dabei in kurzen Abständen eine Art digitalen Fingerabdruck dessen, was gerade auf dem Bildschirm läuft, aus einzelnen Bildpunkten oder Tonschnipseln. Diese Fingerabdrücke werden mit einer Datenbank abgeglichen. So weiß der Hersteller, welche Sendung, welcher Film oder welcher Werbespot gerade läuft.

Entscheidend ist: ACR arbeitet nicht nur in den eingebauten Apps. Die Technik kann grundsätzlich alles erkennen, was auf dem Bildschirm erscheint, auch Inhalte, die über HDMI von einem Streaming-Stick, einem Blu-ray-Player oder einer Konsole kommen. Jeder Hersteller nennt die Funktion anders. Bei LG heißt sie „Live Plus“, bei Samsung „Dienste für Sehinformationen“, bei Sony-Fernsehern kommt dafür der Dienst Samba Interactive TV zum Einsatz. Aktiviert wird ACR meist bei der Ersteinrichtung, wenn man sich durch lange Nutzungsbedingungen klickt und am Ende alles akzeptiert.

Welche Daten ein Smart-TV typischerweise sammelt

ACR ist nur ein Baustein. Ein vernetzter Fernseher kann je nach Hersteller und erteilten Zustimmungen eine ganze Reihe weiterer Informationen erfassen:

  • Sehgewohnheiten: welche Sendungen, Filme und Werbespots wann und wie lange laufen, inklusive der genutzten Apps.
  • Geräte- und Netzwerkdaten: IP-Adresse, ungefährer Standort, Modell, Software-Version und angeschlossene Geräte.
  • Bedienverhalten: welche Menüs und Kacheln du öffnest, was du suchst und welche Empfehlungen du anklickst.
  • Sprachbefehle: bei aktivierter Sprachsteuerung die gesprochenen Anfragen, die zur Auswertung meist auf Server des Herstellers oder eines Partners gehen.

Für sich genommen wirken viele dieser Daten harmlos. Zusammengeführt ergibt sich aber ein recht genaues Bild eines Haushalts: wann jemand zu Hause ist, welche Interessen die Bewohner haben, ob Kinder im Haushalt leben und welche weiteren Geräte im Netzwerk hängen. Genau dieses Gesamtbild macht die Daten für die Werbebranche so wertvoll, und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen, welchen Funktionen man bei der Einrichtung zustimmt.

Warum Hersteller Daten sammeln: das Geschäft hinter dem Bildschirm

Fernseher werden immer günstiger, die Margen beim Gerätverkauf sind niedrig. Viele Hersteller verdienen deshalb zunehmend mit dem, was nach dem Kauf passiert: Werbung im Menü, eigene werbefinanzierte Gratis-Sender und vor allem zielgerichtete Werbung auf Basis von Sehgewohnheiten. Laut Gamers Nexus verdienen Hersteller in den USA mit solchen Werbemodellen inzwischen mehr als mit dem Verkauf der Fernseher selbst.

LG betreibt dafür eine eigene Werbesparte, LG Ad Solutions, hervorgegangen aus der Übernahme des Datenspezialisten Alphonso. Nach eigenen Angaben stehen dort allein für den US-Markt Daten von mehr als 49 Millionen Smart-TVs bereit. Die Daten ermöglichen es Werbekunden, gezielt Haushalte anzusprechen, die bestimmte Sendungen schauen oder bestimmte Werbespots gesehen haben, teils auch auf anderen Geräten im selben Netzwerk. LG ist damit keine Ausnahme: Fast alle großen Hersteller setzen ACR in irgendeiner Form ein, unterscheiden sich aber darin, wie transparent sie informieren und wie leicht sich die Funktion abschalten lässt.

Der LG-Fall: Was Gamers Nexus herausgefunden haben will

Anfang September 2026 veröffentlichte Gamers Nexus ein über zweistündiges Video zu LG-Fernsehern. Entstanden ist es zusammen mit dem Kanal Level1Techs und den unabhängigen Sicherheitsforschern MrBruh und uturn. Die Vorwürfe gehen deutlich über klassisches ACR hinaus. Nach Darstellung der Tester sollen die untersuchten Geräte:

  • Bild- und Audiodaten der abgespielten Inhalte erfassen und auswerten,
  • das Heimnetzwerk nach anderen Geräten absuchen und Informationen über Smartphones, Smartwatches und WLAN-Netze in der Umgebung speichern,
  • nach aktivierter Spracherkennung auch Gespräche abseits von TV-Befehlen aufzeichnen, teils sogar im Standby,
  • Daten lokal zwischenspeichern, wenn keine Internetverbindung besteht, und sie später übertragen, sobald der Fernseher wieder online ist,
  • einzelne dieser Funktionen auch dann ausführen, wenn die Datenerfassung in den Einstellungen abgelehnt wurde.

Zudem beschreiben die Forscher Sicherheitslücken, über die Angreifer die Kontrolle über betroffene Geräte übernehmen könnten. Bereits im Juli 2026 hatte Gamers Nexus berichtet, dass manche LG-Monitore beim Anschluss an einen Windows-PC automatisch eine Hersteller-App installieren.

LG weist die zentralen Vorwürfe zurück. Die Fernseher würden Gespräche weder dauerhaft aufzeichnen noch übertragen. Die Suche nach Geräten im Netzwerk sei eine übliche Smart-TV-Funktion, etwa um Inhalte vom Handy abzuspielen. ACR, Spracherkennung und interessenbasierte Werbung seien getrennte Funktionen, für die jeweils eine ausdrückliche Zustimmung nötig sei und die sich in den Einstellungen abschalten ließen. Unabhängig bestätigt sind die weitergehenden Vorwürfe bislang nicht, die Untersuchung hat aber eine breite Debatte über Datensammlung bei Smart-TVs ausgelöst.

Betrifft das auch Gamer?

Ja, und zwar mehr als viele denken. Gerade LGs OLED-Fernseher gehören seit Jahren zu den beliebtesten Gaming-TVs, weil sie hohe Bildwiederholraten, variable Refreshrate und starke HDR-Darstellung bieten. Viele Spieler nutzen den Fernseher fast ausschließlich als Bildschirm für PS5, Xbox oder Gaming-PC und gehen davon aus, dass die Smart-Funktionen dabei keine Rolle spielen.

Das ist ein Trugschluss. Da ACR grundsätzlich auch HDMI-Eingänge erfassen kann, kann der Fernseher erkennen, was über die Konsole läuft. Laut Gamers Nexus übertragen die getesteten Geräte sogar dann Daten, wenn sie nur als reiner HDMI-Monitor genutzt werden, solange sie mit dem Internet verbunden sind. Hinzu kommt die Netzwerksuche: Ist der Fernseher im selben WLAN wie Konsole und PC, sieht er diese Geräte. Wer per Screen-Mirroring Inhalte vom Smartphone auf den TV spiegelt, gibt diese Inhalte ebenfalls für die Erkennung frei. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte die Einstellungen deshalb auch dann prüfen, wenn der Fernseher fast nur als Gaming-Monitor dient.

So deaktivierst du ACR: Anleitungen für LG, Samsung und Sony

Die Menüpfade unterscheiden sich je nach Modelljahr und Software-Version, die Grundlogik bleibt aber gleich. Neben der eigentlichen Inhaltserkennung lohnt es sich, auch die Zustimmung zu interessenbasierter Werbung und zur Spracherkennung zu widerrufen.

LG (webOS)

  • Einstellungen → Alle Einstellungen → Allgemein → System → Zusätzliche Einstellungen → „Live Plus“ ausschalten.
  • Unter Allgemein → System → Benutzervereinbarungen die Zustimmung zu Sehinformationen, interessenbasierter Werbung und Sprachinformationen widerrufen.
  • In den Werbeeinstellungen zusätzlich „Werbeverfolgung einschränken“ aktivieren, sofern vorhanden.

Samsung (Tizen)

  • Einstellungen → Allgemein & Datenschutz → Bedingungen & Datenschutz → Datenschutzoptionen.
  • Dort „Dienste für Sehinformationen“ und „Interessenbasierte Werbung“ deaktivieren.
  • Die Zustimmung zum Datenschutzhinweis für die Spracherkennung widerrufen, wenn du keine Sprachsteuerung nutzt.

Sony (Google TV und Android TV)

  • In den Einstellungen unter System beziehungsweise Systemeinstellungen den Eintrag „Samba Interactive TV“ suchen und deaktivieren.
  • Im verknüpften Google-Konto unter Datenschutz die personalisierte Werbung ausschalten.

Andere Hersteller

Bei anderen Marken hilft die Suche im Einstellungsmenü nach Begriffen wie „Sehinformationen“, „Inhaltserkennung“, „Viewing Data“, „Interessenbasierte Werbung“ oder „Samba“. Grundsätzlich gilt: Bei der Ersteinrichtung nur den unbedingt nötigen Nutzungsbedingungen zustimmen. Optionale Vereinbarungen lassen sich ablehnen, ohne dass der Fernseher seine Grundfunktionen verliert.

Die Radikallösung: Fernseher vom Netz nehmen

Die gründlichste Methode ist, dem Fernseher den Internetzugang komplett zu entziehen: WLAN-Zugangsdaten löschen, kein LAN-Kabel anschließen und Streaming über eine separate Box oder die Apps der Konsole erledigen. Die Forscher hinter der LG-Untersuchung empfehlen genau das. Wichtig ist dabei Konsequenz: Wenn Geräte Daten offline zwischenspeichern, wie es Gamers Nexus beschreibt, reicht es nicht, den TV nur zeitweise zu trennen und später für ein Update kurz wieder zu verbinden.

Der Haken: Ohne Internet gibt es auch keine Firmware-Updates, die Sicherheitslücken schließen oder Gaming-Funktionen verbessern. Viele Hersteller bieten Updates zwar zusätzlich als Download für den USB-Stick an, das erfordert aber etwas Eigeninitiative. Und wer den Fernseher doch online lässt, sollte Updates nicht vernachlässigen, denn ungepatchte Smart-TVs sind ein beliebtes Ziel für Botnetze. Ein Mittelweg ist ein separates Gästenetz für den Fernseher, damit er zumindest keine anderen Geräte im Heimnetz sieht. Technisch versierte Nutzer können zudem bekannte Tracking-Adressen per DNS-Filter im Router oder mit Tools wie Pi-hole blockieren.

Was sagt das Recht?

In der EU dürfen Hersteller personenbezogene Daten für Werbezwecke nur mit Einwilligung verarbeiten, das regelt die Datenschutz-Grundverordnung. Deshalb tauchen bei der Einrichtung die vielen Zustimmungsdialoge auf. Ob die Einwilligung immer wirklich informiert erfolgt, ist eine andere Frage. Laut Gamers Nexus wären allein für die vollständige Lektüre der ACR-Bedingungen auf einem LG-Fernseher rund 2.700 Klicks mit der Fernbedienung nötig.

In den USA verklagte der Generalstaatsanwalt von Texas im Dezember 2025 mehrere große TV-Hersteller wegen ACR-Datensammlung ohne ausreichende Zustimmung. Die Klage gegen LG wurde wenige Tage später zurückgezogen, gegen andere Hersteller lief sie weiter. Der neue Cyber Resilience Act der EU regelt übrigens die IT-Sicherheit vernetzter Geräte, nicht ihre Datensammlung. Er kann aber dafür sorgen, dass Sicherheitslücken wie die von den Forschern beschriebenen künftig gemeldet und geschlossen werden müssen.

Fazit

ACR ist kein Spezialfall einzelner Marken, sondern Standard in modernen Smart-TVs. Die Technik erkennt, was du schaust, auch wenn das Bild von der Konsole kommt, und macht daraus ein Werbeprofil. Der LG-Fall zeigt, wie weit die Datensammlung nach Ansicht von Sicherheitsforschern gehen kann, auch wenn der Hersteller die schwersten Vorwürfe bestreitet. Die gute Nachricht: Mit wenigen Minuten in den Einstellungen lässt sich ein Großteil abschalten. Wer ganz sichergehen will, nimmt den Fernseher vom Netz und nutzt ihn als reinen Bildschirm. Weitere Grundlagen zum Schutz deiner Geräte findest du in unserem Artikel zur Cybersicherheit.

Häufige Fragen

Hört mein Smart-TV meine Gespräche mit?

Smart-TVs mit Sprachsteuerung haben Mikrofone im Gerät oder in der Fernbedienung. Hersteller betonen, dass sie nur nach einem Aktivierungsbefehl zuhören. Die Untersuchung von Gamers Nexus wirft LG vor, dass Geräte auch darüber hinaus Audio erfasst hätten, LG bestreitet das. Wer keine Sprachsteuerung nutzt, sollte die Zustimmung zur Spracherkennung widerrufen.

Reicht es, bei der Einrichtung alle optionalen Bedingungen abzulehnen?

Das verhindert einen Großteil der Datensammlung und ist der wichtigste Schritt. Laut Gamers Nexus sollen einzelne Funktionen bei LG allerdings auch nach einer Ablehnung aktiv gewesen sein. Wer ganz sichergehen will, trennt den Fernseher zusätzlich vom Internet.

Erkennt ACR auch, was ich an der Konsole spiele?

Grundsätzlich ja. ACR kann alles auswerten, was auf dem Bildschirm erscheint, also auch Inhalte von HDMI-Eingängen wie Konsole, PC oder Streaming-Stick. Voraussetzung ist, dass die Funktion aktiv und der Fernseher mit dem Internet verbunden ist.

Verliere ich Funktionen, wenn ich ACR abschalte?

In der Regel nicht. Streaming-Apps, Gaming-Modi und Bildeinstellungen funktionieren weiter. Wegfallen können personalisierte Empfehlungen auf dem Startbildschirm und einzelne interaktive Zusatzfunktionen.

Ist ein Smart-TV ohne Internet sicherer?

Ohne Internetverbindung kann der Fernseher keine Daten übertragen und ist für Angriffe von außen kaum erreichbar. Dafür bekommt er keine automatischen Updates mehr. Viele Hersteller bieten Firmware-Updates aber auch zum Download für einen USB-Stick an.

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