Heute Vormittag lag ein Einschreiben in meinem Briefkasten – originalverpackt sozusagen, mit Klebestreifen, Stempel, allem, was ein Einschreiben eben braucht. Als ich den Umschlag öffnete, war er leer. Nicht beschädigt, nicht aufgerissen im klassischen Sinne, sondern sauber wieder verschlossen. Wer auch immer sich an dem Inhalt bedient hat, hat sich die Mühe gemacht, den Umschlag anschließend wieder zu versiegeln, als wäre nichts gewesen.
Das ist kein Einzelfall, den ich mir einbilde, und es ist auch kein Grund zur Panik – aber es ist ein guter Anlass, sich die Zuverlässigkeit der Deutschen Post einmal genauer anzusehen. Denn was ich in den letzten Tagen recherchiert habe, bestätigt ein Gefühl, das vermutlich viele Kundinnen und Kunden teilen: Die Post, die einmal für Verlässlichkeit stand, hat mit diesem Ruf zunehmend zu kämpfen.
Vom Amt zur Aktiengesellschaft
Es lohnt sich, kurz zurückzublicken. Die Deutsche Bundespost war bis zur schrittweisen Privatisierung nach 1990 eine echte Bundesbehörde – kein Unternehmen im heutigen Sinne, sondern ein hoheitlicher Auftrag mit entsprechendem Selbstverständnis. 1995 wurde daraus die Deutsche Post AG, die im Jahr 2000 an die Börse ging. 2002 kaufte der damalige Vorstandschef Klaus Zumwinkel den US-Logistiker DHL und legte damit den Grundstein für die heutige Internationalisierung. Erst vor wenigen Tagen, am 1. September 2026, wurde dieser Weg konsequent zu Ende gegangen: Der Konzern heißt jetzt offiziell nur noch DHL AG, das deutsche Brief- und Paketgeschäft läuft nur noch als hundertprozentige Tochter unter dem alten Namen „Deutsche Post“ weiter. Rund 80 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen mittlerweile im Ausland – die „Post als Behörde“ ist damit nicht nur historisch, sondern inzwischen auch namentlich fast verschwunden. Und genau dieser Weg – vom hoheitlichen Auftrag zum global aufgestellten Logistikkonzern mit Kostendruck, Paketflut und Personalmangel – erklärt vieles von dem, was Kundinnen und Kunden heute erleben.
Rekordbeschwerden, aber keine Diebstahlstatistik
Eine Diebstahlstatistik im engeren Sinne gibt es nicht – weder bei der Post selbst noch bei der Bundesnetzagentur, die als Aufsichtsbehörde eigentlich prädestiniert wäre. Was es gibt, ist eine Beschwerdestatistik, und die zeichnet für 2025 ein deutliches Bild: 55.395 Beschwerden zu Post- und Paketdiensten gingen bei der Bundesnetzagentur ein, ein Viertel mehr als im Vorjahr (44.406) und der höchste Stand seit Beginn der Erhebung. Rund 90 Prozent davon betreffen DHL beziehungsweise die Deutsche Post als Marktführer. Allein für 2026 waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits wieder mehr als 20.000 weitere Beschwerden aufgelaufen. Die Schlichtungsstelle Post registrierte zusätzlich 4.804 Schlichtungsanträge im Jahr 2025.
Und das ist kein Ausreißerjahr. Schon 2022 hatte die Bundesnetzagentur mit 43.125 Beschwerden eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr und einen damals neuen Rekordwert gemeldet, überwiegend wegen mangelhafter Zustellqualität bei Briefen und Paketen. Seitdem kennt die Kurve im Kern nur eine Richtung: nach oben, mit einem neuen Höchststand fast jedes Jahr.
Die Post selbst rechnet solche Zahlen gerne klein: Auf eine Million beförderte Sendungen kämen gerade einmal vier Beschwerden, heißt es dazu offiziell. Bei rund 9,4 Milliarden Briefen und 4,5 Milliarden Paketen im Jahr 2025 mag das relativ betrachtet wenig klingen. Nur verschwindet in dieser Prozentrechnung genau das, worüber ich hier schreibe: Diebstahl wird nirgends separat ausgewiesen, sondern läuft unter dem Sammelbegriff „Verlust“ – zusammen mit verspäteten, beschädigten oder schlicht verlegten Sendungen. Wie viele der als „verloren“ gemeldeten Sendungen tatsächlich entwendet wurden, weiß offiziell niemand so genau.
Wenn es doch passiert: dokumentierte Fälle
Dass es sich dabei nicht um urbane Legenden handelt, zeigen Gerichtsakten. In Ludwigsburg fand die Polizei in einer Postfiliale mehr als 700 aufgerissene, nie verschickte Briefe – ein Mitarbeiter hatte systematisch Bargeldsendungen geplündert. In der Schweiz stellten Ermittler einem Verdächtigen sogar eine Falle mit präpariertem Falschgeld, nachdem wiederholt gezielt Bargeldsendungen aus dem Postkreislauf verschwunden waren. Und erst 2025 wurde Anklage gegen einen Mann erhoben, der mit Komplizen aus einem Verteilzentrum gleich mehrere Frachtcontainer mit Tausenden Post- und Paketsendungen im Wert von über 120.000 Euro entwendet haben soll. Das sind keine Einzeltäter mit schlechten Nerven, das ist organisierte Kriminalität mit Insiderwissen über Abläufe und Kontrollen.
Für die Kundschaft bleibt in solchen Fällen wenig Trost. Die Post haftet für ein verlorenes Einschreiben nur, wenn Einlieferungsbeleg und Sendungsverfolgung den Weg der Sendung belegen – und selbst dann gibt es in der Regel nur das gezahlte Porto zurück. Wer einen höheren Schadenersatz will, muss Inhalt und Wert selbst nachweisen, am besten mit Kaufbeleg. Für gewöhnliche, nicht versicherte Briefe gibt es ohnehin keinen Ausgleich.
eBay, Kleinanzeigen & Co.: Bezahlen ist sicher, der Versand nicht
Ich verkaufe und kaufe seit fast 30 Jahren über eBay – damit hat für mich, wie für viele in meiner Generation, im Grunde alles angefangen. Über die Jahre sind Kleinanzeigen, diverse Sammler-Marktplätze und spezialisierte Plattformen dazugekommen. Was sich in diesen drei Jahrzehnten dramatisch weiterentwickelt hat, ist die Zahlungssicherheit: Käuferschutz, Treuhanddienste, verifizierte Zahlungsabwicklung, Betrugserkennung in Echtzeit – die Plattformen investieren massiv, damit beim Bezahlen möglichst wenig schiefgehen kann.
Beim Versand ist diese Entwicklung praktisch stehengeblieben. Ein Umschlag lässt sich öffnen, der Inhalt entnehmen und die Lasche wieder zukleben, ohne dass am Ende irgendjemand in der Zustellkette etwas beweisen kann. Für Sammlerinnen und Sammler, die Spielkarten, lose Module, kleine Figuren oder seltene Discs verschicken, ist das ein Problem, das mit der wachsenden Wertschätzung mancher Sammlerstücke eher größer als kleiner wird. Ein Steelbook oder Mediabook lässt sich zumindest noch in stabilere Verpackung packen; ein einzelnes Sammlerstück im Standardbrief ist im Zweifel schutzlos.
Teurer Versand, gleiches Risiko
Und dabei wird der Versand selbst von Jahr zu Jahr teurer, ohne dass sich an dieser Grundsicherheit etwas ändert. Muss ich also künftig jede Kleinigkeit überdimensioniert als Paket verschicken und zusätzlich eine Versicherung abschließen, nur um ein Spiel im Wert von 20 oder 30 Euro halbwegs sicher auf die Reise zu schicken? Das kann nicht die Antwort sein, die ein Unternehmen mit Universaldienstverpflichtung seinen Kundinnen und Kunden zumutet – zumal Zusatzversicherungen den eigentlichen Warenwert bei günstigeren Sammlerstücken schnell übersteigen.
An dieser Stelle würde sich ein eigener Ratgeber lohnen, der konkrete Wege durchgeht, wie sich der Versand von Sammlerstücken sicherer gestalten lässt, ohne bei jedem Verkauf draufzulegen – dazu vermutlich in einem eigenen Artikel mehr.
Was von der heutigen Erfahrung bleibt, ist ernüchternd nüchtern: Ein Unternehmen, das aus einer Behörde hervorgegangen ist, deren Markenkern einmal Zuverlässigkeit war, verliert genau dieses Kapital gerade in großem Stil – und die verfügbaren Zahlen zeigen eher die Spitze des Problems als seinen ganzen Umfang. Wer heute etwas Wertvolles verschickt, tut gut daran, sich nicht mehr blind auf das gelbe Logo zu verlassen, sondern selbst für Nachweisbarkeit und Absicherung zu sorgen.
📖 Mehr Gaming-Begriffe nachschlagen?
Im gamefinity Lexikon
findest du alle Fachbegriffe von A–Z, nach Themenbereich sortiert.

