Wer heute einen Lenovo Legion Go auspackt, hält ein Gerät in der Hand, das direkt mit Valves Steam Deck konkurriert – ein Handheld von einem Konzern, der vor vierzig Jahren als kleiner Spin-off der Chinesischen Akademie der Wissenschaften begann. Zwischen der Gründung als „Legend“ 1984 und dem heutigen Legion-Gaming-Imperium liegt eine der ungewöhnlichsten Übernahme-Geschichten der PC-Branche – inklusive eines Kaufs, der ein chinesisches Unternehmen praktisch über Nacht zum globalen Big Player machte. Wir blicken auf die komplette Firmengeschichte zurück.
Der Anfang: Legend Computer Group (1984)
Lenovo wurde am 1. November 1984 in Peking gegründet – allerdings nicht unter diesem Namen. Ein Team von elf Ingenieuren unter der Leitung von Liu Chuanzhi gründete mit einem Startkapital von umgerechnet rund 25.000 US-Dollar die „Legend Computer Group“, ausgegliedert aus der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die ersten Jahre verbrachte das Unternehmen mit dem Vertrieb ausländischer Elektronik und der Entwicklung einer chinesischen Zeichensatz-Karte, mit der westliche PCs überhaupt erst chinesische Schriftzeichen darstellen konnten – eine Nische, die dem jungen Unternehmen die nötigen Einnahmen für den Einstieg in die eigene PC-Fertigung verschaffte. In den 1990er-Jahren wuchs Legend zum größten PC-Hersteller Chinas heran, deutlich vor internationalen Konzernen, die auf dem chinesischen Markt noch mit Vertriebsproblemen kämpften. 1994 ging das Unternehmen an die Börse Hongkong, was frisches Kapital für die weitere Expansion brachte und Legend zugleich zu einem der ersten chinesischen Technologieunternehmen mit internationalem Investorenzugang machte.
Das ThinkPad-Erbe: Warum die Marke bis heute Kult ist
Dass Lenovo die ThinkPad-Marke nicht einfach in seine eigene Formsprache pressen wollte, war keine Selbstverständlichkeit – viele Übernahmen in der Tech-Branche enden damit, dass die aufgekaufte Marke binnen weniger Jahre verschwindet. Lenovo entschied sich für den gegenteiligen Weg: Das charakteristische schwarze, kantige Design, der rote TrackPoint-Nubbin in der Tastaturmitte und die von IBM übernommenen MIL-SPEC-Belastungstests (Stürze, Staub, Vibrationen, Extremtemperaturen) blieben erhalten und wurden sogar zum Verkaufsargument ausgebaut. Bis heute gilt die ThinkPad-Reihe – inzwischen fast ausschließlich unter Lenovo-Regie entwickelt – in vielen Unternehmen und bei IT-Profis als Synonym für robuste Business-Laptops, während die Consumer-Linien IdeaPad und Yoga ein bewusst anderes, schlankeres Design verfolgen.
Vom Legend zum Lenovo: Die Öffnung nach Westen
2003 benannte sich das Unternehmen in „Lenovo“ um – eine Wortschöpfung aus dem lateinischen „novo“ (neu) und dem Kürzel „Le“ des alten Namens Legend. Der Grund war pragmatisch: „Legend“ ließ sich international kaum als Marke schützen, da der Begriff in zu vielen Ländern bereits anderweitig belegt war. Die Umbenennung markierte gleichzeitig den Beginn einer neuen Ambition – Lenovo wollte nicht länger nur chinesischer Marktführer sein, sondern ein globaler Konzern werden. Der eigentliche Befreiungsschlag ließ allerdings nicht lange auf sich warten.
Der entscheidende Deal: Die IBM-PC-Übernahme (2005)
Der Sprung auf die Weltbühne gelang 2005 mit einem der aufsehenerregendsten Deals der PC-Industrie: Lenovo übernahm die komplette PC-Sparte von IBM für rund 1,75 Milliarden US-Dollar – inklusive der legendären ThinkPad-Reihe, die IBM seit 1992 gebaut hatte. Über Nacht wurde aus einem chinesischen Regionalanbieter der drittgrößte PC-Hersteller der Welt. IBM behielt zunächst einen Minderheitsanteil am fusionierten Unternehmen, während Lenovo im Gegenzug das Recht erhielt, den Markennamen „IBM“ noch für eine Übergangszeit auf Geräten zu verwenden. Entscheidend für den langfristigen Erfolg war eine damals ungewöhnliche Entscheidung: Lenovo ließ das ThinkPad-Designteam in Japan und den USA weitgehend unangetastet, statt die Produktlinie sofort zu vereinheitlichen – die schwarzen Business-Laptops mit dem roten TrackPoint-Nubbin blieben dadurch bis heute eine eigenständige, geschätzte Marke innerhalb des Lenovo-Portfolios.
Wachstum durch weitere Zukäufe
Die IBM-Übernahme war erst der Anfang einer Reihe strategischer Käufe. 2014 erwarb Lenovo gleich zweimal bei IBM zu: zunächst das margenschwache x86-Server-Geschäft, wenige Monate später mit Motorola Mobility auch den Einstieg in den Smartphone-Markt – Google hatte den Handyhersteller nur zwei Jahre zuvor selbst übernommen und verkaufte ihn nun für rund 2,9 Milliarden US-Dollar weiter. Mit diesen Zukäufen wandelte sich Lenovo endgültig vom reinen PC-Hersteller zu einem breit aufgestellten Technologiekonzern mit Geschäftsfeldern von Servern über Smartphones bis zu Datacenter-Infrastruktur. Mehrfach kletterte Lenovo in den Folgejahren an die Spitze der weltweiten PC-Absatzzahlen – nach Stückzahlen gemessen zeitweise vor HP und Dell.
Ein Rückschlag: Der Superfish-Vorfall (2015)
Nicht jede Episode der Firmengeschichte verlief reibungslos. 2015 geriet Lenovo in die Kritik, weil auf zahlreichen Consumer-Laptops werkseitig eine Adware namens Superfish vorinstalliert war, die Sicherheitszertifikate manipulierte und damit potenziell verschlüsselte Verbindungen der Nutzer angreifbar machte. Lenovo stellte die Vorinstallation umgehend ein, veröffentlichte ein Entfernungswerkzeug und musste sich in der Folge mit Sammelklagen sowie einer Einigung mit der US-Handelsaufsicht FTC auseinandersetzen. Der Vorfall beschädigte kurzfristig das Vertrauen in die Marke, änderte aber nichts an Lenovos Position als weltgrößtem PC-Hersteller nach Stückzahlen.
Legion: Die Geburt der Gaming-Marke (2017)
Gaming spielte bei Lenovo lange eine Nebenrolle – bis 2017. Auf der CES 2017 stellte das Unternehmen mit den Modellen Legion Y520 und Y720 die ersten Laptops unter der neuen Marke Legion vor, als direkten Nachfolger der bisherigen IdeaPad-Y-Gaming-Reihe. Kurz darauf folgte mit dem Legion Y920 ein Flaggschiff-Modell mit Intel-Core-i7-Prozessor der siebten Generation und einer Nvidia GTX 1070. Die Positionierung war von Anfang an klar: Legion sollte Lenovo im hart umkämpften Gaming-Laptop-Segment neben etablierten Marken wie Asus ROG, Acer Predator, HPs Omen und Dells Alienware sichtbar machen – ein Markt, in dem Lenovo bis dahin kaum wahrgenommen wurde. Auf der E3 2018 folgten mit den Modellen Y530, Y730 und Y7000 überarbeitete Chassis-Designs, 2019 brachten Y540 und Y740 dann Nvidias neue GeForce-20-Grafikchips ins Portfolio. In den folgenden Jahren wuchs die Produktfamilie über Laptops hinaus zu einem eigenständigen Ökosystem: Legion-Desktop-PCs (Legion Tower), Gaming-Monitore, Mäuse, Tastaturen und Headsets tragen inzwischen alle das gleiche Branding – ein ähnlicher Weg, wie ihn zuvor bereits Asus mit ROG oder Acer mit Predator eingeschlagen hatten.
Legion Go: Der Einstieg in den Handheld-Markt (2023)
Mit dem Legion Go wagte Lenovo im November 2023 den Sprung in eine völlig neue Produktkategorie: Windows-Gaming-Handhelds nach dem Vorbild von Valves Steam Deck. Ausgestattet mit einem 8,8-Zoll-QHD+-Display, abnehmbaren Controllern und vollwertigem Windows 11 positionierte sich das Gerät als direkter Konkurrent zu Steam Deck und Asus ROG Ally, konnte dabei aber im Gegensatz zum Steam Deck auf die komplette Windows-Softwarewelt inklusive Xbox-App und PC Game Pass zugreifen. Die abnehmbaren Controller ließen sich dabei sogar einzeln als Mini-Mäuse nutzen – ein Alleinstellungsmerkmal, das kein Konkurrenzgerät zu diesem Zeitpunkt bot und das in Tests häufig als cleverste Design-Idee der ersten Legion-Go-Generation hervorgehoben wurde. Der große Vorteil von Windows – uneingeschränkte Kompatibilität – war zugleich der größte Nachteil: Die für Touchscreens und Controller nicht optimierte Windows-Oberfläche sorgte bei vielen Nutzern für Kritik an der Bedienbarkeit im Handheld-Betrieb, ein Problem, mit dem die gesamte Windows-Handheld-Konkurrenz zu kämpfen hatte.
Die SteamOS-Wende: Legion Go 2 und Legion Go S
Genau an diesem Punkt setzte die nächste Wende an. Mit dem Legion Go S kündigte Lenovo 2025 eine Handheld-Variante an, die wahlweise mit SteamOS statt Windows ausgeliefert wird – das erste Handheld eines Drittherstellers überhaupt, das offiziell Valves eigenes Betriebssystem einsetzt. Für die Nachfolgegeneration Legion Go 2 kündigte Lenovo zur CES 2026 ebenfalls eine SteamOS-Version an, ausgestattet mit einem 144-Hz-OLED-Display und AMDs neuem Ryzen-Z2-Extreme-Chip. Die Partnerschaft mit Valve markiert einen bemerkenswerten Strategiewechsel: Statt ausschließlich auf das eigene Windows-Ökosystem zu setzen, öffnet sich Lenovo für die Plattform, die ursprünglich als Konkurrenzprodukt zum eigenen Legion Go angetreten war.
Lenovo im Esport
Neben der Hardware-Sparte engagiert sich Lenovo seit Jahren auch als Sponsor im organisierten Esport. Die Marke Legion trat als offizieller Hardware-Partner mehrerer großer Turnierserien auf, unter anderem im Umfeld der League-of-Legends-Profiszene, und stattet dort Bühnen-Setups sowie Team-Trainingsräume mit eigenen Laptops, Monitoren und Peripherie aus. Dieses Sponsoring-Engagement ergänzt die Produktstrategie: Sichtbarkeit auf der großen Bühne soll die noch junge Gaming-Marke gegenüber etablierteren Wettbewerbern positionieren, die zum Teil schon seit den frühen 2000er-Jahren im Gaming-Segment aktiv sind. Auch bei anderen Turnierformaten, etwa im Rennsport- und Shooter-Umfeld, tauchte Legion-Branding in den vergangenen Jahren wiederholt als Bühnen- und Ausrüstungspartner auf.
Lenovo heute
Mit einem Jahresumsatz von rund 69 Milliarden US-Dollar (Geschäftsjahr 2024/25) und mehr als 72.000 Mitarbeitenden zählt Lenovo zu den größten Technologiekonzernen der Welt und ist nach Stückzahlen weiterhin regelmäßig der größte oder zweitgrößte PC-Hersteller weltweit. Der Hauptsitz liegt offiziell in Hongkong, operative Zentralen unterhält der Konzern in Peking und im amerikanischen Morrisville, North Carolina, dazu Forschungsstandorte unter anderem im deutschen Stuttgart und im japanischen Yamato. Neben dem klassischen PC-Geschäft mit den Marken ThinkPad, IdeaPad und Yoga sowie der Gaming-Sparte Legion zählen inzwischen auch Server-Infrastruktur, Smartphones unter der Marke Motorola sowie Cloud- und KI-Lösungen für Unternehmen zum Portfolio. Das Unternehmen selbst beschreibt sich längst nicht mehr nur als PC-Hersteller, sondern als Anbieter kompletter „Devices plus Infrastructure plus Solutions“-Pakete für Firmenkunden – ein deutlicher Wandel gegenüber den Anfangsjahren als reiner Elektronikhändler. Für Cloud-Gaming-Dienste positioniert sich Lenovo zunehmend auch als Hardware-Partner, etwa über vorinstallierte Streaming-Apps auf Legion-Geräten, während Xbox Game Pass auf dem Legion Go als eines der zentralen Verkaufsargumente gegenüber dem Steam Deck gilt.
Häufig gestellte Fragen zu Lenovo
Wann wurde Lenovo gegründet?
Lenovo wurde am 1. November 1984 in Peking gegründet, damals noch unter dem Namen Legend Computer Group. Die Umbenennung in Lenovo erfolgte 2003 im Zuge der internationalen Expansion.
Warum heißt Lenovo eigentlich Lenovo?
Der Name setzt sich aus „Le“ (dem Kürzel des ursprünglichen Namens Legend) und dem lateinischen „novo“ für „neu“ zusammen. Der alte Name „Legend“ ließ sich international kaum als Marke schützen, weshalb ein neuer Name nötig wurde.
Wie kam Lenovo an die ThinkPad-Marke?
Lenovo übernahm 2005 die komplette PC-Sparte von IBM für rund 1,75 Milliarden US-Dollar, einschließlich der seit 1992 von IBM gebauten ThinkPad-Reihe. Der Deal machte Lenovo über Nacht zum drittgrößten PC-Hersteller der Welt.
Was ist der Unterschied zwischen Legion Go und Steam Deck?
Der Legion Go läuft mit vollwertigem Windows 11 und bietet dadurch Zugriff auf praktisch jede PC-Software, inklusive Xbox-App und PC Game Pass, während das Steam Deck auf Valves eigenem SteamOS basiert. Mit dem Legion Go S und dem Legion Go 2 bietet Lenovo inzwischen aber auch Varianten mit SteamOS an.
Gehört Motorola zu Lenovo?
Ja. Lenovo übernahm Motorola Mobility 2014 von Google für rund 2,9 Milliarden US-Dollar und ist seither auch im Smartphone-Geschäft aktiv.
Ist Lenovo der größte PC-Hersteller der Welt?
Nach Stückzahlen gemessen zählt Lenovo seit Jahren regelmäßig zu den größten PC-Herstellern weltweit und lag in mehreren Jahren an der Spitze, im engen Wechsel mit HP. Nach Umsatz ist die Rangfolge je nach Geschäftsjahr unterschiedlich, da Lenovo im Schnitt günstigere Geräte in größerer Stückzahl verkauft.

