Wer HP vor 20 oder 30 Jahren primär mit Tintenstrahldruckern verband, verpasst den eigentlich interessanteren Teil der Firmengeschichte: HP ist nicht nur einer der ältesten Technologiekonzerne im Silicon Valley, sondern seit 2021 über eine stille Übernahme auch direkter Konzern-Verwandter von HyperX – einer Marke, die in dieser Porträtreihe bereits als eigenständiger Wettbewerber auftaucht. Die Geschichte dahinter beginnt allerdings nicht mit Computern, sondern mit einer Garage in Palo Alto und einem Tongenerator.
Die Gründung 1939: Eine Garage und ein Tonoszillator
Hewlett-Packard wurde 1939 von den beiden Stanford-Absolventen Bill Hewlett und Dave Packard in Palo Alto, Kalifornien, gegründet – in der inzwischen legendären Garage, die heute vielfach als symbolischer Geburtsort des Silicon Valley gilt. Anders als praktisch alle anderen in dieser Reihe porträtierten Hersteller stand am Anfang von HP kein Computer- oder Netzwerkprodukt, sondern ein Audio-Messgerät: ein präziser Tonoszillator zur Erzeugung und Messung von Schallfrequenzen, der bei Ingenieuren und Rundfunktechnikern der Zeit reißenden Absatz fand. Einer der ersten namhaften Kunden war Walt Disney Studios, das HP-Oszillatoren für die Tonmischung des Animationsfilms „Fantasia“ einsetzte – ein früher Beleg dafür, dass HP-Technik schon vor der Computerzeit in kreativen Industrien Fuß fasste. Der Auftrag von Disney gilt in der Unternehmensgeschichte als einer der ersten großen kommerziellen Erfolge und half Hewlett und Packard, aus der reinen Garagenwerkstatt heraus erste Mitarbeitende einzustellen und die Produktion zu professionalisieren.
Aus dem Messgeräte-Geschäft entwickelte sich über Jahrzehnte ein diversifizierter Elektronikkonzern, der von Taschenrechnern über Laborinstrumente bis zu Druckern praktisch jedes Technologiesegment der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bediente. Einen wichtigen Meilenstein markierte 1968 der HP9100A: offiziell als „Bürotaschenrechner“ vermarktet, gilt das Gerät rückblickend vielfach als einer der ersten Personal Computer überhaupt – Jahre bevor der Begriff PC in den allgemeinen Sprachgebrauch überging. Das Gerät war so groß wie eine elektrische Schreibmaschine und richtete sich zunächst an Ingenieure und Wissenschaftler, die komplexe Berechnungen ohne den Zugriff auf einen Großrechner durchführen mussten – ein Nischenpublikum, das den Grundstein für HPs spätere Massenmarkt-Ambitionen im PC-Geschäft legte.
Vom Messgerätehersteller zum PC- und Drucker-Riesen
In den folgenden Jahrzehnten baute HP parallel zwei Geschäftsfelder auf, die bis heute die öffentliche Wahrnehmung der Marke prägen: Computer und Drucker. Auf der PC-Seite etablierte sich HP als einer der größten Hersteller weltweit, während die Drucker-Sparte durch Tintenstrahl- und Laserdrucker zu einem eigenständigen Massengeschäft wurde, das über Jahrzehnte einen Großteil der HP-Gewinne beisteuerte – nicht zuletzt durch das margenstarke Geschäft mit Druckerpatronen und -tonern, das bis heute ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells ist. Dieses sogenannte „Razor-and-Blades“-Prinzip – günstige Drucker-Hardware, dafür teure Verbrauchsmaterialien im Nachkauf – prägte über Jahrzehnte das Bild der Marke in Privathaushalten und Büros gleichermaßen und erklärt, warum HP für viele Menschen jenseits der Technikbranche in erster Linie als Drucker-Hersteller in Erinnerung blieb.
Für viele Verbraucherinnen und Verbraucher der Neunziger- und Nullerjahre war HP dadurch vor allem eine Drucker-Marke, obwohl das Unternehmen zu dieser Zeit längst auch Server, Labormesstechnik und Unternehmenssoftware im Portfolio hatte. Diese Wahrnehmungslücke zwischen dem tatsächlichen Konzernumfang und dem öffentlichen Markenbild zieht sich bis heute durch die Firmengeschichte – ein Effekt, der sich später mit der stillen HyperX-Übernahme in ähnlicher Form wiederholen sollte.
Der Sprung ins Gaming: Die VoodooPC-Übernahme
Anders als reine Gaming-Peripherie-Hersteller wie SteelSeries oder Razer, die von Beginn an für Wettkampfspieler entwickelt wurden, kam HP über eine gezielte Übernahme ins Gaming-Segment. Im September 2006 kündigte HP die Übernahme von VoodooPC an, einem 1991 im kanadischen Calgary gegründeten Boutique-Hersteller von High-End-Gaming-PCs unter der Leitung der Brüder Rahul und Ravi Sood. VoodooPC hatte sich in den Jahren zuvor einen Ruf als Nischenanbieter für individuell konfigurierte, leistungsstarke Gaming-Rechner erarbeitet – ein Marktsegment, das damals vor allem von kleineren Boutique-Herstellern statt von Großkonzernen bedient wurde.
Der Deal, der im November 2006 abgeschlossen wurde, war eine direkte Reaktion auf Dells kurz zuvor erfolgte Übernahme des Gaming-PC-Herstellers Alienware – beide Branchenriesen sicherten sich damit praktisch zeitgleich spezialisierte Gaming-Expertise, statt eigene Gaming-Marken von Grund auf aufzubauen. Nach der Übernahme wurde VoodooPC zunächst als eigenständige Geschäftseinheit innerhalb von HPs Personal Systems Group weitergeführt, wobei Rahul Sood die Rolle des Chef-Technologen für die neue Gaming-Sparte übernahm und weiterhin an der Weiterentwicklung individuell konfigurierbarer High-End-Systeme arbeitete.
Aus dem VoodooPC-Erbe entstand 2008 die Marke HP Omen, die HPs High-End-Gaming-PCs und -Laptops bis heute unter einem eigenen Label bündelt. Der Name selbst geht auf die frühere VoodooPC-Produktlinie zurück, die HP nach der Übernahme in die neue Marke überführte. Omen positioniert sich damit im direkten Wettbewerb mit Lenovos Legion-Reihe, Dells Alienware, Acers Predator und Asus‘ ROG-Serie – dem etablierten Quartett der großen PC-Gaming-Marken, in das sich HP mit Omen als fünfter großer Player einreihte.
Victus und die Erweiterung des Gaming-Portfolios
2021 ergänzte HP sein Gaming-Sortiment um die Marke Victus, die die bisherige Pavilion-Gaming-Reihe im mittleren Preissegment ablöste. Während Omen als Premium-Label für leistungsstarke Hardware positioniert bleibt, richtet sich Victus an preisbewusstere Käuferinnen und Käufer, die dennoch spielefähige Hardware suchen – eine Zwei-Marken-Strategie, wie sie ähnlich auch MSI mit seiner Staffelung von Einsteiger- bis Premium-Reihen verfolgt.
Die stille Übernahme: Wie HyperX zu HP kam
Der bemerkenswerteste Schritt in HPs jüngerer Gaming-Geschichte betrifft allerdings kein eigenes Produkt, sondern eine Zukaufsmarke: 2021 übernahm HP die Gaming-Peripherie-Sparte HyperX vom Speicherhersteller Kingston. Seither gehören HyperX-Headsets, -Mäuse, -Tastaturen und -Controller zum HP-Konzern und werden parallel zur Omen-Reihe vertrieben – auch wenn die Marke am Markt weiterhin eigenständig auftritt und in dieser Porträtreihe bereits separat als Hersteller-Porträt behandelt wurde. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bleibt diese Konzernverbindung meist unsichtbar: HyperX-Produkte tragen kein HP-Branding, und auch HPs eigene Kommunikation stellt die Marken selten explizit nebeneinander.
Wer allerdings ein HyperX-Headset neben einem HP-Omen-Laptop nutzt, verwendet damit faktisch zwei Produkte desselben Konzerns – ein Zusammenhang, der selbst unter technikaffinen Gaming-Fans wenig bekannt ist. Strategisch ergibt die Übernahme Sinn: Während Omen das High-End-Komplettsystem abdeckt, schließt HyperX die Lücke im Peripherie-Segment, ohne dass HP dafür eine eigene, neue Marke hätte aufbauen müssen. Ähnliche Doppelstrategien verfolgen auch andere PC-Konzerne, etwa wenn Zubehörhersteller in bestehende Produktökosysteme integriert werden, statt als sichtbar eigenständige Konzernmarke geführt zu werden.
Konzernaufspaltung 2015: HP Inc. und Hewlett Packard Enterprise
Einen fundamentalen strukturellen Einschnitt markierte das Jahr 2015: HP spaltete sich in zwei eigenständige, börsennotierte Unternehmen auf. HP Inc. übernahm das Consumer-Geschäft mit PCs, Laptops und Druckern – und damit auch die Gaming-Marken Omen und später Victus sowie die HyperX-Beteiligung. Hewlett Packard Enterprise (HPE) firmiert seither getrennt und konzentriert sich auf Server, Storage-Lösungen, Netzwerktechnik und Cloud-Infrastruktur für Unternehmenskunden. Für die Gaming-Sparte bedeutete die Trennung keine inhaltliche Zäsur, wohl aber eine klarere Fokussierung: HP Inc. kann sich seither ohne die deutlich andere Kundenlogik des Enterprise-Geschäfts auf Consumer- und Gaming-Produkte konzentrieren.
Die abgewehrte Xerox-Übernahme
2019 und 2020 sorgte ein Übernahmeversuch für Aufsehen, der die Größenverhältnisse im Druckermarkt verdeutlicht: Der kleinere Rivale Xerox versuchte, HP Inc. in einer teils feindlichen Übernahme zu erwerben. HP wehrte sich gegen die Offerte, und die aufkommende Coronapandemie 2020 half letztlich dabei, die Übernahmebemühungen endgültig zu beenden – Xerox verzichtete angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit auf eine Fortsetzung des Vorhabens. Der Vorfall zeigte, dass HP trotz jahrzehntelanger Konkurrenz durch günstigere Drucker-Anbieter weiterhin die größere und finanzstärkere der beiden Marken blieb.
Einordnung: HP im Wettbewerbsumfeld
Im PC-Markt insgesamt zählt HP mit einem globalen Marktanteil von rund 22 Prozent (Stand 2023) zu den größten Herstellern weltweit, knapp hinter Lenovo auf Rang zwei. Innerhalb der in dieser Reihe porträtierten Gaming-Marken nimmt HP damit eine ähnliche Rolle ein wie Lenovo oder MSI: ein diversifizierter PC-Konzern, für den Gaming nur eines von mehreren Geschäftsfeldern ist, ergänzt seit 2021 um eine eigenständige Peripherie-Marke im eigenen Konzernverbund. Im Esport-Umfeld engagierte sich HP zudem bereits 2017 als offizieller Hardware-Partner der britischen Esport-Organisation Gfinity über die Omen-Marke – ein früher Beleg dafür, dass HP Gaming nicht nur als Produktkategorie, sondern auch als Marketingfeld ernst nahm.
Gegenüber Corsair, das sich über Zukäufe wie Origin PC ebenfalls komplette Gaming-Systeme ins Portfolio geholt hat, unterscheidet sich HPs Ansatz vor allem im Maßstab: Während Corsair als spezialisierter Peripherie- und Komponentenhersteller agiert, für den Komplett-PCs nur ein Segment unter mehreren sind, ist Gaming für HP als Ganzes nur ein kleiner Ausschnitt eines Konzerns, dessen Kerngeschäft weiterhin Business-PCs, Drucker und zunehmend auch KI-gestützte Endgeräte für Unternehmenskunden umfasst.
HP heute
Mit Hauptsitz weiterhin in Palo Alto, Kalifornien, bleibt HP Inc. einer der größten PC- und Druckerhersteller der Welt, ergänzt um die Gaming-Marken Omen und Victus sowie die 2021 erworbene Peripherie-Marke HyperX. Neben dem klassischen PC- und Drucker-Geschäft investiert HP in den vergangenen Jahren verstärkt in KI-gestützte Endgeräte für Unternehmenskunden – ein Geschäftsfeld, das mit dem ursprünglichen Messgeräte-Geschäft der Gründerzeit auf den ersten Blick wenig gemein hat, aber denselben Grundgedanken fortführt: Ingenieurs-getriebene Präzisionstechnik für professionelle Anwenderinnen und Anwender.
Aus dem Garagen-Tonoszillator von 1939 ist über den Umweg von Taschenrechnern, Servern, Laserdruckern und einer Konzernaufspaltung ein Unternehmen geworden, das heute – meist unbemerkt von der breiten Gaming-Community – gleich über zwei Wege am Gaming-Hardware-Markt mitmischt: einmal direkt über Omen und Victus, einmal indirekt über die konzerneigene, aber eigenständig auftretende Marke HyperX. Für die in dieser Reihe bereits porträtierte HyperX-Marke bedeutet das im Übrigen einen Nachtrag: Ihr eigenes Porträt entstand, bevor die Konzernzugehörigkeit zu HP in dieser Ausführlichkeit dokumentiert war – ein Umstand, der sich für eine spätere inhaltliche Ergänzung des HyperX-Artikels anbietet.
Häufig gestellte Fragen zu HP
Wann wurde HP gegründet?
HP wurde 1939 von Bill Hewlett und Dave Packard in einer Garage in Palo Alto, Kalifornien, gegründet – zunächst als Hersteller von Präzisions-Tonoszillatoren.
Gehört HyperX zu HP?
Ja. HP übernahm die Gaming-Peripherie-Marke HyperX 2021 vom Speicherhersteller Kingston. HyperX tritt am Markt weiterhin eigenständig auf, gehört konzernintern aber zu HP Inc.
Was ist der Unterschied zwischen HP Inc. und Hewlett Packard Enterprise?
HP spaltete sich 2015 in zwei Unternehmen auf: HP Inc. für Consumer-Produkte wie PCs, Laptops, Drucker und Gaming-Hardware, und Hewlett Packard Enterprise (HPE) für Server, Storage und Unternehmens-Infrastruktur. Beide sind seither eigenständig börsennotiert.
Was ist HP Omen?
HP Omen ist HPs Premium-Gaming-Marke für PCs und Laptops, entstanden 2008 aus der 2006 übernommenen Boutique-Marke VoodooPC. Omen konkurriert direkt mit Lenovo Legion, Dell Alienware, Acer Predator und Asus ROG.
Was ist der Unterschied zwischen HP Omen und HP Victus?
Omen ist die Premium-Reihe für leistungsstarke Gaming-Hardware, während Victus seit 2021 die frühere Pavilion-Gaming-Reihe im mittleren, preisbewussteren Segment ersetzt.
Woher stammt der Name Omen?
Der Name geht auf die 2006 von HP übernommene kanadische Boutique-Marke VoodooPC zurück, deren Produktlinie HP 2008 in die neue Marke Omen überführte.

