Grading bei Videospielen

Grading bei Videospielen erklärt: WATA, VGA & CGC im Überblick

Ein versiegeltes Super Mario 64 für 1,5 Millionen Dollar, eine originalverpackte Zelda-Cartridge für 870.000 Dollar — solche Schlagzeilen sorgten in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen. Möglich gemacht haben diese Rekordpreise sogenannte Grading-Unternehmen: Firmen, die den Zustand und die Echtheit von Sammlerspielen offiziell zertifizieren. Was steckt hinter WATA, VGA und CGC, wie funktioniert der Bewertungsprozess — und warum steht die Branche gleichzeitig wegen Marktmanipulation in der Kritik?

Was bedeutet Grading bei Videospielen?

Grading bezeichnet die professionelle Begutachtung und Zertifizierung des Erhaltungszustands eines Sammlerspiels durch ein spezialisiertes Drittunternehmen. Das Prinzip stammt ursprünglich aus dem Sammelkarten- und Comic-Markt — Firmen wie PSA oder CGC bewerten dort seit Jahrzehnten Baseballkarten, Pokémon-Karten oder Comic-Hefte nach festen Kriterien und vergeben eine Note. Seit Ende der 2010er-Jahre wird dasselbe Verfahren auf originalverpackte und versiegelte Videospiele angewendet.

Ein gegradetes Spiel wird nach der Prüfung in eine durchsichtige, manipulationssichere Schutzhülle eingeschlossen, das sogenannte Slab. Auf dem Label stehen Titel, Plattform und die vergebene Bewertung. Die zentrale Idee dahinter: Käuferinnen und Käufer sollen sich auf den Zustand verlassen können, ohne das Spiel selbst in der Hand gehabt zu haben — ähnlich wie ein Echtheitszertifikat bei Kunstwerken oder Uhren. Mehr zum Sammeln in physischer Form, etwa bei Sonderverpackungen, erklären wir in unseren Artikeln zu Steelbooks und Mediabooks.

Warum werden Spiele überhaupt gegradet?

Der Auslöser für den Boom war eine Mischung aus Nostalgie, Knappheit und Investment-Denken. Klassische Konsolenspiele aus den 1980er- und 1990er-Jahren wurden ursprünglich nicht als Wertanlage produziert, sondern als Konsumgut für den Massenmarkt. Originalverpackte, nie geöffnete Exemplare sind heute jedoch selten — viele Käufer öffneten ihre Spiele direkt, um sie zu spielen. Wer ein Exemplar besitzt, das nie aus der Folie genommen wurde, besitzt damit ein potenziell knappes Gut.

Mit dem Sammelkartenboom und dem allgemeinen Trend zu alternativen Anlageklassen entdeckten ab etwa 2018/2019 auch Investorinnen und Investoren den Retro-Spiele-Markt für sich. Eine Bewertung durch ein anerkanntes Grading-Unternehmen macht ein Spiel dabei handelbarer: Der Zustand ist dokumentiert, Fälschungen und nachträglich verschweißte Wraps (sogenannte Re-Seals) lassen sich leichter ausschließen, und der Wiederverkaufswert wird transparenter kalkulierbar. Dieselbe Logik aus Knappheit und Spekulation treibt übrigens auch andere Teile des Gaming-Marktes an — mehr dazu in unserem Artikel über Scalping und Reselling.

Die großen Grading-Unternehmen im Überblick

Drei Namen dominieren den Markt für Videospiel-Grading, auch wenn sich die Landschaft seit 2025 deutlich verändert hat.

WATA Games — heute Teil von PSA

WATA Games wurde 2018 gegründet und etablierte sich innerhalb weniger Jahre als bekannteste Grading-Marke der Branche. Das Unternehmen ist eng mit den spektakulären Rekordverkäufen der frühen 2020er-Jahre verknüpft und kooperierte intensiv mit dem Auktionshaus Heritage Auctions. Zum 15. Oktober 2025 wurde WATA vollständig in Professional Sports Authenticator (PSA) integriert und als eigenständige Marke eingestellt: Neueinsendungen werden seither unter dem Namen „PSA Video Games“ bearbeitet und in PSA-Hüllen verpackt. Die Bewertungsskala und -kriterien blieben dabei unverändert, ältere WATA-Slabs behalten ihre Gültigkeit und ihren Sammlerwert.

VGA (Video Game Authority)

VGA ist mit einer Geschichte, die bis 2008 zurückreicht, der dienstälteste der drei großen Anbieter und wird heute unter dem Dach der Certified Guaranty Company (CGC) als eigene Marke geführt. VGA gilt bei einem Teil der Sammlerszene als strenger in der Bewertung als WATA und wird oft bei Spielen mit unüblichen Verpackungsformen bevorzugt — etwa europäische Big-Box-PC-Spiele oder Konsolen-Bundles, die nicht in die standardisierten Hüllen der Konkurrenz passen.

CGC Video Games

Die Certified Collectibles Group, bekannt aus dem Comic- und Sammelkartenbereich, ist mit CGC Video Games ebenfalls in den Markt eingestiegen. CGC nutzt eine zehnstufige numerische Skala in Kombination mit einer separaten Buchstabennote für den Siegelzustand — ein System, das Sammlerinnen und Sammlern aus dem Comic- und Trading-Card-Bereich bereits vertraut ist.

So läuft der Grading-Prozess ab

Unabhängig vom gewählten Anbieter folgt der Ablauf einem ähnlichen Muster:

  1. Einsendung: Das Spiel wird verpackt und an die Prüfstelle geschickt — bei den großen Anbietern meist in die USA, mittlerweile mit Annahmestellen auch in Europa.
  2. Echtheitsprüfung: Geprüft werden Originalität, Region und Produktionsmerkmale, um Fälschungen oder nachträglich manipulierte Exemplare zu erkennen.
  3. Zustandsbewertung: Begutachtet werden Karton, Ecken, Kanten, Farberhalt und — bei versiegelten Spielen — die Qualität der Schrumpffolie.
  4. Versiegelung: Das Spiel wird in eine UV-beständige, fälschungssichere Hülle mit Bewertungslabel eingeschlossen.

Die Bearbeitungszeit reicht je nach Service-Stufe von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten, die Kosten richten sich nach dem geschätzten Marktwert des Spiels und liegen für Standard-Einsendungen meist im Bereich von 40 bis 150 US-Dollar zuzüglich Versand und Versicherung.

Die Bewertungsskalen erklärt

Die Skalen unterscheiden sich zwischen den Anbietern leicht, folgen aber demselben Grundprinzip: Zustand des Spiels beziehungsweise der Verpackung plus separate Bewertung der Versiegelung.

Bei WATA/PSA wird die Box beziehungsweise das Modul auf einer Skala von 0,5 bis 10,0 bewertet, wobei 9,8 in der Praxis meist die realistische Obergrenze darstellt. Zusätzlich erhält die Schrumpffolie eine eigene Buchstabennote von C bis A++. Erst die Kombination aus einer 10er-Box-Note und einem A++-Siegel ergibt die begehrte Höchstbewertung „10 A++“ — Exemplare, die genau diese Kombination erreichen, sind extrem selten und erzielen die höchsten Preise. CGC arbeitet nach demselben Doppelnoten-Prinzip. VGA nutzt traditionell eine 100-Punkte-Skala von 70 (Fair) bis 100 (Gem Mint) mit zusätzlicher Farbklassifikation (Bronze, Silver, Gold) und bietet inzwischen ergänzend eine 10-Punkte-Darstellung an, die an die Systematik der Konkurrenz angeglichen ist.

Der WATA-Skandal: Vorwürfe der Marktmanipulation

Der rasante Preisanstieg bei gegradeten Spielen blieb nicht ohne Kritik. Im August 2021 veröffentlichte der YouTuber und Speedrunner Karl Jobst eine vielbeachtete Dokumentation, in der er WATA Games und Heritage Auctions vorwarf, gezielt zusammenzuarbeiten, um die Preise für seltene Spiele künstlich in die Höhe zu treiben. Zentrale Vorwürfe: Ein WATA-Mitgründer soll firmeneigene Spiele unter besonderem Namen bewertet und anschließend über Heritage Auctions gewinnbringend verkauft haben — ein Interessenkonflikt, der den Käufern nicht offengelegt worden sei. Zusätzlich wurde bekannt, dass ein weiterer WATA-Mitarbeiter entgegen den eigenen Unternehmensregeln in größerem Umfang selbst gegradete Spiele über eBay verkaufte.

Im Mai 2022 mündeten die Vorwürfe in eine Sammelklage von geschätzt über 10.000 Betroffenen vor einem US-Bundesgericht in Kalifornien. WATA und Heritage Auctions wiesen sämtliche Anschuldigungen zur Marktmanipulation zurück. Auffällig blieb dennoch die Preisentwicklung: Eine als „9,8 A++“ bewertete Kopie von Super Mario 64 erzielte im Juli 2021 noch 1,56 Millionen Dollar bei Heritage Auctions — eine vergleichbare, sogar leicht niedriger bewertete Kopie desselben Spiels brachte wenige Monate später, nach Bekanntwerden der Vorwürfe, nur noch rund 100.000 Dollar. Ein Vergleich, der zeigt, wie eng Bewertung, mediale Aufmerksamkeit und Marktpreis bei gegradeten Sammlerspielen miteinander verflochten sind.

Spekulationsobjekt statt Sammlerstück?

Über den konkreten Rechtsstreit hinaus gibt es grundsätzliche Kritik am Grading-Boom. Ein häufiger Einwand: Viele der hochpreisig gehandelten Spiele landen gar nicht bei klassischen Sammlerinnen und Sammlern, sondern bei spezialisierten Investmentplattformen, die „Anteile“ an einzelnen Top-Exemplaren verkaufen — ein Modell, das stärker an Aktienhandel als an Spielesammeln erinnert. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln zudem, dass die enge Verflechtung zwischen Grading-Unternehmen und Auktionshäusern Interessenkonflikte begünstigt, da beide Seiten von steigenden Preisen finanziell profitieren.

Gleichzeitig hat sich der ursprüngliche Hype seit dem Höhepunkt 2021/2022 spürbar abgekühlt. Die extremen Rekordsummen jener Jahre gelten heute eher als Ausnahme denn als Regel — der Großteil gegradeter Spiele bewegt sich preislich deutlich bescheidener.

Lohnt sich Grading für dich als Sammler?

Ob eine Einsendung sinnvoll ist, hängt stark vom individuellen Spiel ab. Ein paar Orientierungspunkte:

  • Ausgangswert prüfen: Liegt der ungegradete Marktwert eines Spiels nur bei 20 oder 30 Euro, übersteigen die Grading-Kosten häufig den möglichen Mehrwert.
  • Zustand realistisch einschätzen: Schon kleine Mängel — verblasste Farben, gestauchte Ecken, ein angerissenes Siegel — können die Bewertung deutlich drücken. Vor der Einsendung lohnt ein genauer Blick bei gutem Licht.
  • Re-Seal-Betrug im Hinterkopf behalten: Ein Risiko beim Kauf bereits „versiegelter“ Spiele ohne Grading-Zertifikat ist, dass ein gebrauchtes Exemplar nachträglich mit einem Heißluftgerät neu eingeschweißt wurde. Seriöse Grading-Unternehmen sind darauf trainiert, solche Re-Seals zu erkennen — ein zusätzliches Argument für ein offizielles Zertifikat bei höherpreisigen Käufen.
  • Anbieter passend wählen: Für maximale Liquidität bei bekannten Mainstream-Titeln gilt WATA/PSA aktuell als Marktführer. Für Sammlerstücke mit ungewöhnlichem Format oder bei einer Vorliebe für strengere Bewertungsmaßstäbe wird häufiger zu VGA gegriffen.

Wer sich für konkrete Wertentwicklungen einzelner Plattformen interessiert, findet bei uns bereits einen vertiefenden Blick auf die seltensten und wertvollsten PS2-Spiele. Auch der Unterschied zwischen regulären Veröffentlichungen und limitierten Sonderausgaben spielt für den späteren Sammlerwert eine Rolle — mehr dazu in unserem Artikel zu Complete, Definitive und GOTY Editions.

Häufig gestellte Fragen zum Grading bei Videospielen

Was ist Grading bei Videospielen?

Grading bezeichnet die professionelle Bewertung und Zertifizierung des Zustands eines Sammlerspiels durch ein spezialisiertes Unternehmen, das es anschließend in einer fälschungssicheren Schutzhülle versiegelt.

Was ist aus WATA Games geworden?

WATA wurde zum 15. Oktober 2025 vollständig in Professional Sports Authenticator (PSA) integriert. Neueinsendungen laufen seither unter dem Namen PSA Video Games, die Bewertungsskala und -kriterien blieben dabei unverändert.

Was bedeutet eine WATA-Bewertung wie „9,8 A++“?

Die Zahl bewertet den Zustand von Box bzw. Modul auf einer Skala bis 10,0. Der Buchstabencode bewertet separat die Qualität der Versiegelung auf einer Skala von C bis A++.

Lohnt sich Grading für jedes Spiel?

Nein. Bei Spielen mit niedrigem Marktwert übersteigen die Kosten für das Grading häufig den möglichen Wertzuwachs, daher lohnt sich eine Einsendung vor allem bei seltenen oder hochpreisigen Exemplaren.

Fazit

Grading hat den Sammlermarkt für Videospiele in wenigen Jahren grundlegend verändert: aus Erinnerungsstücken wurden zertifizierte, handelbare Wertgegenstände. WATA, VGA und CGC liefern dabei die Infrastruktur, die diesen Markt erst funktionsfähig macht — Echtheitsprüfung, standardisierte Bewertung und fälschungssichere Verpackung. Gleichzeitig zeigt die Geschichte um WATA und Heritage Auctions, wie eng Bewertungsmacht, mediale Inszenierung und finanzielle Interessen in diesem noch jungen Markt miteinander verwoben sein können. Wer selbst über eine Einsendung nachdenkt, sollte daher nicht nur auf den möglichen Wertzuwachs schauen, sondern auch verstehen, wie die Bewertung zustande kommt — und wem sie am Ende nützt.

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