Langrisser ist eine dieser Reihen, die in Japan Kultstatus genießen, hierzulande aber kaum jemand auf dem Schirm hat. Der erste Teil erschien 1991 für das Sega Mega Drive, 1994 folgte Langrisser II, und über die Jahre kamen etliche weitere Ableger hinzu. Nach Europa haben es die beiden Mega-Drive-Klassiker offiziell nie geschafft, nur der erste Teil erschien damals in Nordamerika unter dem Namen Warsong.
Umso überraschender war die Ankündigung von NIS America im Juli 2019, die ersten beiden Teile als Neuauflage in den Westen zu bringen. Ab dem 13. März 2020 ist Langrisser I & II für PS4, Nintendo Switch und PC erhältlich, entwickelt hat die Sammlung das japanische Studio Chara-Ani. Mit komplett überarbeiteten Charakterdesigns und zahlreichen Verbesserungen soll das fast 30 Jahre alte Duo in der Neuzeit ankommen. Ich habe mir die Sammlung auf der Switch angeschaut und verrate euch, wie sie sich schlägt.

Die Story: Zwei Geschichten um das legendäre Schwert
In Langrisser I schlüpfe ich in die Rolle von Ledin, dem Prinzen von Balthea. Er führt ein ruhiges Leben und wird Tag für Tag auf seine künftige Aufgabe als Herrscher vorbereitet, bis sich mit einem Schlag alles ändert. Feindliche Truppen überfallen das Königreich und trachten Ledin und seinem Vater nach dem Leben.
Dem Prinzen gelingt gerade noch die Flucht, der König dagegen fällt bei der Verteidigung. Kurz darauf tauchen überall im Land Dämonen auf und greifen die Dorfbewohner an. Schuld ist das verfluchte Schwert Alhazard, und nur das legendäre Langrisser kann den dämonischen Horden Einhalt gebieten und wieder Frieden bringen.
Der zweite Teil erzählt die Geschichte des jungen Abenteurers Elwin. Auf seiner Reise beobachtet er, wie Unbekannte eine junge Frau namens Riana verschleppen wollen, und schreitet aus Gerechtigkeitssinn ein. Wie sich herausstellt, sind die Angreifer Ritter des Rayguard-Imperiums, die über Riana an das sagenumwobene Langrisser gelangen wollen, denn gemeinsam mit dem verfluchten Alhazard soll es ultimative Macht verleihen.
Nach einem weiteren Überfall stehen Elwin und Riana mitten im Konflikt mit dem Imperium. Der Anführer der Einheit der Blauen Drachen bietet Elwin an, sich Rayguard anzuschließen und gemeinsam nach den Schwertern zu suchen. Wie ich mich entscheide, verändert die Geschichte komplett, denn aus Freunden können plötzlich Feinde werden.
Was ist neu? Grafik, Vertonung und Oberfläche
Bei einer Neuauflage stellt sich natürlich die Frage, was sich gegenüber den Originalen getan hat. Am auffälligsten ist die komplett überarbeitete Grafik mit neuen Charaktermodellen und aufgewerteten Hintergründen. Ob man das nun Remaster oder schon Remake nennt, darüber lässt sich bei so vielen Änderungen trefflich streiten.
Wer die klassischen Figuren lieber mag, kann jederzeit auf den alten Look umschalten, auch Kartenstil und Musik lassen sich wählen. Das funktioniert einwandfrei und unkompliziert, ohne lange Wartezeiten oder umständliche Menüs.
Neu ist außerdem die komplette Vertonung beider Spiele. Die Sprachausgabe gibt es zwar nur auf Japanisch, das stört aber nicht, denn die Sprecher leisten großartige Arbeit und ziehen mich viel tiefer in die Geschichten von Ledin und Elwin. Auch die Benutzeroberfläche wurde komplett überarbeitet und wirkt nun deutlich moderner, intuitiver und übersichtlicher.

Vorbereitung im Camp: Ohne Tutorial geht es nicht
Nach dem Start landet man ohne Vorgeschichte direkt im Camp-Menü und ist von der Fülle an Möglichkeiten zunächst überfordert. Ich empfehle daher, gleich das Tutorial aufzurufen, das sich im unteren Bildschirmbereich versteckt und per Tastendruck startet. Auf 22 Seiten erklärt es alle Möglichkeiten, die Langrisser I & II bietet.
Danach lohnt sich ein genauer Blick ins Camp. Hier sehe ich mir die Kommandanten im Detail an und passe ihre Ausrüstung an, die ich entweder auf dem Schlachtfeld finde oder im Shop des Camps kaufe. Da sich das Sortiment nach jeder Schlacht ändert, sollte man jedes Mal nachsehen, ob es etwas Besseres gibt.
Klassensystem: Freier Wechsel zwischen allen Klassen
Jeder Offizier besitzt eine eigene Klasse, die seine Stärken, Fähigkeiten und die anheuerbaren Söldner festlegt. Steigt ein Kommandant im Level auf, verbessern sich nicht nur seine Werte, er erhält auch sogenannte Commander Points. Mit diesen wechsle ich die Klasse, und genau dieser Klassenwechsel ist ein zentraler Bestandteil der Reihe.
Erst mit der richtigen Zusammensetzung der Klassen lassen sich alle Schlachten gewinnen. Angst vor Fehlentscheidungen muss man dabei nicht haben, denn zwischen allen freigeschalteten Klassen kann jederzeit gewechselt werden. Vom einfachen Ritter bis zum axtschwingenden Krieger auf einem Amphibienwesen ist alles dabei, und die Vor- und Nachteile probiere ich direkt im Kampf aus. Wer klassische Taktik-Rollenspiele kennt, fühlt sich hier schnell zu Hause.
Söldner: Die Armee hinter dem Kommandanten
Sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, führe ich meine Truppen in die nächste Schlacht. Nach einem kurzen Überblick über das Schlachtfeld wähle ich auf der Karte die einzelnen Offiziere aus, und bevor es losgeht, muss ich für jeden von ihnen Söldner anheuern. Genau hier unterscheidet sich Langrisser I & II deutlich von anderen Rundenstrategie-Spielen.
Je nach Klasse stehen unterschiedliche Einheiten zur Verfügung, und die kosten natürlich Geld. Einfache Ritter sind am günstigsten, haben aber nur wenig Durchschlagskraft, während etwa die teureren, aggressiven Echsenmenschen eine Schlacht schnell zu meinen Gunsten drehen können. Je nach Level und Klasse darf jeder Offizier bis zu sechs Einheiten mitnehmen, die nach einem klassischen Schere-Stein-Papier-Prinzip gegeneinander antreten.
Schade ist, dass sich die Einheiten nicht mischen lassen. Pro Kommandant darf ich immer nur Söldner desselben Typs anheuern, was die taktischen Möglichkeiten spürbar einschränkt. Ist die Aufstellung komplett, kann die Schlacht beginnen.
Auf dem Schlachtfeld: Viel zu tun in jeder Runde
Jeder Kommandant und jede Einheit lässt sich separat bewegen und platzieren. Gegen Ende habe ich mehr als zehn Offiziere mit jeweils fünf bis sechs Einheiten im Feld, da gibt es pro Runde einiges zu tun. Treffe ich auf eine gegnerische Einheit, zeigt mir das Spiel vor dem Angriff die Erfolgswahrscheinlichkeit und den voraussichtlichen Schaden an, und diese Werte sind für die Planung enorm wichtig.
Starte ich den Angriff, wechselt das Spiel in einen eigenen Bildschirm, auf dem alle beteiligten Einheiten als kleine Figuren gegeneinander antreten. Anfangs sind diese Animationen noch spannend anzusehen, im weiteren Spielverlauf werden sie aber ziemlich langatmig. Zum Glück lassen sie sich per Knopfdruck abbrechen.
Missionen und KI: Abwechslung mit Frustpotenzial
In Langrisser I & II heißt es nicht immer nur „Besiege alle Gegner“. Häufig muss ich Figuren eskortieren oder Verbündete unterstützen, und diese Vielfalt macht Spaß, weil sie vom reinen Einheiten-Schnetzeln wegführt. Leider sind die computergesteuerten Begleiter mehr als einfältig.
So muss ich im Spielverlauf etwa eine Gruppe Geistlicher vor einer Übermacht an Banditen beschützen. Statt sich irgendwo in Sicherheit zu bringen, stellen sich die wehrlosen Figuren furchtlos dem Feind, als könnten sie mit ihrer nicht vorhandenen Angriffskraft glänzen. Nicht nur einmal war ich zu langsam, die Gegner haben die Geistlichen mit Leichtigkeit ausgeschaltet, und die Mission war verloren.
Diese Momente sind ziemlich frustrierend. Hat man sich einmal an das Verhalten gewöhnt, plant man entsprechend und eilt den Schützlingen schneller zu Hilfe, eine gelungene KI sieht aber anders aus.
Fazit: Schöne Neuauflage mit KI-Schwächen
Ein fast 30 Jahre altes Spiel hat schon lange nicht mehr so gut ausgesehen. Die Neuauflage von Langrisser I & II ist optisch rundum gelungen, die neuen Charakterdesigns fügen sich wunderbar in die moderne Spielelandschaft ein. Wer lieber das ursprüngliche Mega-Drive-Gefühl möchte, schaltet einfach auf den klassischen Look um, ein schönes Angebot an alle, die Retro-Gaming schätzen.
Mit rund 70 Stunden Spielzeit und unterschiedlichen Storypfaden bietet die Sammlung jede Menge Inhalt, und weil sich der Verlauf je nach Entscheidungen ändert, lohnt sich auch ein zweiter Durchgang. Dafür muss man allerdings die Frustmomente mit der teils wirklich einfältigen KI der Begleiter ertragen, und das starre Söldnersystem bremst die Taktik spürbar aus.
An ein Fire Emblem reicht Langrisser I & II damit nicht ganz heran, kommt dem großen Vorbild beim Klassensystem und den verzweigten Geschichten aber erstaunlich nahe. Wer Rundenstrategie mag und mit kleineren Macken leben kann, findet hier eine liebevolle Neuauflage zweier Klassiker.
Gamefinity-Wertung
7,4 / 10
| Pro | Contra |
|---|---|
| Optisch rundum gelungene Neuauflage mit neuen Charakterdesigns | Einfältige Begleiter-KI sorgt für Frust in Eskortmissionen |
| Jederzeit zwischen klassischem und neuem Look umschaltbar | Söldner pro Kommandant nicht mischbar |
| Hochwertige japanische Vollvertonung | Kampfanimationen auf Dauer langatmig |
| Umfangreiches Klassensystem mit freiem Klassenwechsel | Überfordernder Einstieg ohne Vorgeschichte |
| Verzweigte Storypfade mit hohem Wiederspielwert | Tutorial nur als 22-seitige Textsammlung im Menü |
| Rund 70 Stunden Umfang und abwechslungsreiche Missionsziele |
Häufig gestellte Fragen zu Langrisser I & II
Wie lange dauert Langrisser I & II?
Für beide Spiele zusammen solltet ihr rund 70 Stunden einplanen. Durch die unterschiedlichen Storypfade lohnt sich zudem ein weiterer Durchgang.
Kann man in Langrisser I & II die alte Grafik einstellen?
Ja. Ihr könnt jederzeit zwischen den neuen und den klassischen Charakterdesigns wechseln, auch Kartenstil und Musik lassen sich umstellen.
Hat Langrisser I & II eine deutsche Sprachausgabe?
Nein. Beide Spiele sind komplett vertont, die Sprachausgabe gibt es aber nur auf Japanisch.
Gibt es in Langrisser I & II mehrere Storypfade?
Ja. Vor allem in Langrisser II verändern eure Entscheidungen den Verlauf der Geschichte deutlich, aus Verbündeten können dabei sogar Feinde werden.
Muss ich die Mega-Drive-Originale kennen?
Nein. Beide Teile sind in der Sammlung enthalten und lassen sich ohne Vorkenntnisse spielen.
Für welche Plattformen ist Langrisser I & II erschienen?
Langrisser I & II ist ab dem 13. März 2020 in Europa für PS4, Nintendo Switch und PC erhältlich. Getestet habe ich die Switch-Version.
Meta-Infos
Entwickler: Chara-Ani
Publisher: NIS America
Plattform (getestet): Nintendo Switch
Weitere Plattformen: PS4, PC
Genre: Taktik-Rollenspiel
Release: 13. März 2020