Beyerdynamic

Beyerdynamic: 100 Jahre Wandlertechnik – vom Kino-Lautsprecher zum Gaming-Headset

Ende 2025 endete bei einem der ältesten Namen der Audiobranche eine Ära, die fast genau hundert Jahre gedauert hatte: Beyerdynamic, seit 1924 in Familienhand, gehört seit dem Verkauf an das chinesische Unternehmen Cosonic Intelligent nicht mehr der Gründerfamilie. Für viele Gamer ist Beyerdynamic vor allem durch Headsets wie das MMX 230 Wireless oder das TYGR 300 R bekannt – dabei reicht die Firmengeschichte bis in die Stummfilmzeit zurück, lange bevor überhaupt jemand von Gaming-Audio sprach. Kaum ein anderer Hersteller, der heute Gaming-Headsets baut, kann auf eine derart lange und durchgängig technikgetriebene Firmengeschichte zurückblicken – von Kinolautsprechern über Rundfunkmikrofone bis zu kabellosen Gaming-Headsets spannt sich ein Bogen von gut hundert Jahren Wandlertechnik.

Die Gründung 1924 – Lautsprecher für Berliner Kinos

Gegründet wurde das Unternehmen 1924 in Berlin von Eugen Beyer unter dem Namen „Elektrotechnische Fabrik Eugen Beyer“. Beyer erkannte früh das Potenzial des aufkommenden Kinos als neues Kommunikationsmedium und begann, Lautsprecher für Filmpaläste zu bauen – in einer Zeit, in der Tonfilm gerade erst begann, den Stummfilm zu verdrängen. Diese frühen Lautsprecher legten den technischen Grundstein für alles, was danach kam: Beyerdynamic verstand sich von Anfang an als Ingenieurbetrieb für elektroakustische Wandler, nicht als reiner Kopfhörerhersteller. Diese breitere Selbstdefinition als Wandler-Spezialist statt als reine „Kopfhörermarke“ zieht sich bis in die Gegenwart durch das Produktportfolio, das neben Kopfhörern immer auch Mikrofone, drahtlose Audiosysteme und Konferenztechnik umfasst.

Vom Lautsprecher zum Kopfhörer – die Erfindung des DT 48

Der eigentliche Wendepunkt kam Ende der 1930er-Jahre: Beyerdynamic entwickelte mit dem DT 48 („Dynamic Telephone“) den weltweit ersten dynamischen Kopfhörer. Das Modell blieb bemerkenswerterweise bis 2012 im Programm – eine Produktionsdauer von über 70 Jahren, die in der schnelllebigen Elektronikbranche praktisch beispiellos ist und zeigt, wie konservativ und langlebig Beyerdynamics Produktentwicklung traditionell angelegt ist. Parallel dazu brachte das Unternehmen 1937 mit dem M 19 sein erstes studiotaugliches dynamisches Mikrofon auf den Markt, das zur Standardausrüstung im deutschen Rundfunk wurde. Schon in dieser frühen Phase zeigte sich ein Muster, das Beyerdynamic bis heute prägt: Kopfhörer- und Mikrofonentwicklung liefen von Beginn an parallel und befruchteten sich gegenseitig, weil beide Produktlinien auf denselben Grundlagen der Wandlertechnik aufbauen.

Neuanfang in Heilbronn und die Nachkriegsjahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte Beyerdynamic seinen Sitz von Berlin ins baden-württembergische Heilbronn, wo das Unternehmen bis heute seinen Hauptsitz hat. Die Nachkriegsjahrzehnte waren von kontinuierlicher technischer Innovation geprägt: 1957 erschien mit dem M 160 ein hyperkardioides Bändchenmikrofon, das bis heute in Rundfunk- und Studioproduktionen im Einsatz ist und als eines der wenigen Bändchenmikrofone seiner Bauzeit noch immer in aktueller Produktion steht. In den 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte Beyerdynamic zudem eines der weltweit ersten drahtlosen Mikrofonsysteme und etablierte sich als feste Größe bei internationalen Tourneen und Großveranstaltungen, bei denen Zuverlässigkeit unter Live-Bedingungen wichtiger war als jedes Datenblatt. 1985 übernahm das Unternehmen seinen damaligen nordamerikanischen Vertriebspartner Burns Audiotronics, der zur eigenen Tochtergesellschaft für den nordamerikanischen Markt wurde – ein früher Schritt zur Internationalisierung, lange bevor globale Lieferketten zur Selbstverständlichkeit wurden. Diese Phase des Unternehmens ist zugleich der Grund, warum Beyerdynamic bei vielen Musikerinnen und Tontechnikern bis heute vor allem als Mikrofonmarke wahrgenommen wird, obwohl der breiteren Öffentlichkeit inzwischen die Kopfhörer- und Gaming-Produkte geläufiger sind.

Studio-DNA als Fundament: die DT-Serie

Wer sich mit HiFi- oder Studiokopfhörern beschäftigt, kommt an der DT-Serie kaum vorbei. Modelle wie der offene DT 990, der halboffene DT 880 und der geschlossene DT 770 bilden seit Jahrzehnten so etwas wie ein Lehrbuchbeispiel für die drei klassischen Kopfhörer-Bauarten – offen für räumliche Abbildung beim Musikgenuss zu Hause, halboffen als Kompromiss zwischen Klangbild und Abschirmung, geschlossen für Isolation im Studio oder unterwegs. Diese drei Modelle, mittlerweile in zahlreichen Auflagen, Widerstandsvarianten (etwa 32, 80 oder 250 Ohm) und Pro-X-Editionen erhältlich, haben Beyerdynamic über Jahrzehnte den Ruf als Referenzmarke unter Audiophilen und Tontechnikern eingebracht. Ergänzt wird die DT-Serie durch High-End-Modelle wie den T1 und den T5, die im oberen Preissegment gegen Marken wie Sennheiser oder Audio-Technica antreten. Dieser über Jahrzehnte aufgebaute Ruf als Referenzmarke unter Audiophilen ist es auch, von dem später die Gaming-Sparte des Unternehmens profitieren sollte, als Beyerdynamic begann, gezielt Spieler als neue Zielgruppe anzusprechen.

Mikrofone: Vom Rundfunkstudio bis zum Streaming-Setup

Neben Kopfhörern bildet die Mikrofonentwicklung seit 1937 die zweite tragende Säule des Unternehmens. Klassiker wie das M 88 oder das M 201 TG gehören seit Jahrzehnten zur Standardausrüstung auf Bühnen und in Rundfunkstudios; das M 88 etwa wird bis heute häufig als Gesangs- und Instrumentenmikrofon bei Live-Konzerten eingesetzt, weil es hohe Schalldruckpegel verzerrungsfrei verarbeitet. In den vergangenen Jahren hat Beyerdynamic diese Kompetenz auch in Richtung Content-Ersteller und Streamer erweitert: Mit dem USB-Mikrofon Fox und der Konferenzlösung Phonum adressiert das Unternehmen explizit Podcaster, Streamer und Homeoffice-Nutzer – eine Zielgruppe, die sich inhaltlich eng mit der Gaming-Community überschneidet und für die Beyerdynamic seine jahrzehntelange Rundfunk-Expertise nutzbar macht.

Fertigung „Made in Germany“ als Differenzierungsmerkmal

Während viele Wettbewerber im Gaming-Peripherie-Markt ihre Fertigung komplett an Auftragshersteller in Asien ausgelagert haben, hat Beyerdynamic einen Teil der Produktion – insbesondere die Endmontage hochwertiger Modelle wie der DT- und T-Serie – traditionell am Standort Heilbronn belassen. Dieser „Made in Germany“-Anspruch war lange ein zentraler Bestandteil der Markenkommunikation, besonders im professionellen Audiosegment, wo Kunden aus Rundfunk und Musikproduktion bereit sind, für nachvollziehbare Fertigungsqualität einen Aufpreis zu zahlen. Im preissensibleren Gaming-Segment spielt dieses Argument eine kleinere, aber nicht unwichtige Rolle: Die MMX- und TYGR-Reihe wird zwar stärker international gefertigt als die klassische DT-Serie, doch Entwicklung und Treiberabstimmung finden weiterhin in Heilbronn statt.

Der Sprung ins Gaming: Custom Game, MMX-Serie und TYGR 300 R

Den offiziellen Einstieg ins explizite Gaming-Segment markierte die CES 2017, auf der Beyerdynamic mit dem Custom Game sein erstes eigens für Spieler entwickeltes Headset vorstellte. Das Modell übertrug die Klangphilosophie der Custom-Reihe (Custom One Pro, Custom Street, Custom Studio) erstmals aufs Spielfeld und sollte für optimalen Klang und beste Sprachverständlichkeit in jeder Spielsituation sorgen. Auf derselben Messe wurde außerdem eine zweite Generation der MMX 300 vorgestellt – ein Modell, das es in erster Fassung bereits seit den späten 2000er-Jahren gab und das 2012 schon einmal überarbeitet worden war. Die MMX 300 war damit kein neues Produkt, sondern belegte, dass Beyerdynamic seine Studio-Klangphilosophie schon vor dem offiziellen Gaming-Einstieg in Richtung Gamer-Zielgruppe weiterentwickelt hatte, lange bevor der Begriff „Gaming-Headset“ bei der Marke offiziell im Vokabular auftauchte.

Seitdem ist die MMX-Reihe kontinuierlich gewachsen: MMX 100, MMX 150, MMX 200 und MMX 230 richten sich mit unterschiedlichen Ausstattungsstufen an Gamer, die audiophilen Anspruch nicht gegen Gaming-Tauglichkeit eintauschen wollen. Mit dem MMX 150 Wireless und dem MMX 230 Wireless kamen 2025 die ersten kabellosen Modelle der Reihe hinzu – beide auf der gamescom vorgestellt, beide mit bis zu 60 Stunden Akkulaufzeit, abnehmbarem „Meta Voice“-Mikrofon und USB-C-Dongle für plattformübergreifenden Einsatz. Im Test des MMX 230 Wireless und im Test des MMX 150 Wireless zeigte sich, dass Beyerdynamic seinen Studio-Anspruch tatsächlich in die kabellose Gaming-Welt übertragen konnte, statt ihn dort zu verwässern. Daneben positioniert sich das TYGR 300 R als preislich zugänglicheres Einstiegsmodell für Konsole und PC und richtet sich an Spieler, die den Markenklang von Beyerdynamic kennenlernen wollen, ohne gleich in die MMX-Oberklasse zu investieren.

2025: Verkauf an Cosonic Intelligent und das Ende der Familienära

Im Juni 2025 gab Beyerdynamic den Verkauf an das chinesische Unternehmen Cosonic Intelligent bekannt – für einen Kaufpreis von berichteten 122 Millionen Euro, umgerechnet rund 141 Millionen US-Dollar. Cosonic Intelligent ist selbst im Audiobereich aktiv und tritt in einigen Marktsegmenten sogar als direkter Konkurrent zu Beyerdynamic-Produkten auf, was die Übernahme aus Branchensicht auch als Konsolidierungsschritt in einem zunehmend globalisierten Audiomarkt lesbar macht. Damit endete eine Familienführung, die seit der Gründung 1924 ununterbrochen bestanden hatte, also über gut 100 Jahre. Für ein Unternehmen, das sein komplettes Markenjubiläum – 100 Jahre Beyerdynamic wurden 2024 unter anderem mit einer limitierten Auflage des DT 770 Pro X mit abnehmbarem Kabel gefeiert – noch als eigenständige Familienfirma begangen hatte, markiert der Verkauf nur ein Jahr später einen deutlichen Bruch. Wie sich die neue Eigentümerstruktur langfristig auf Produktstrategie, Fertigungsstandort Heilbronn und die noch junge Gaming-Sparte auswirkt, ist derzeit noch offen; operativ firmiert das Unternehmen weiterhin als Beyerdynamic GmbH & Co. KG mit Sitz in Heilbronn und rund 500 Mitarbeitenden weltweit.

Beyerdynamic im Wettbewerbsumfeld

Im Gaming-Peripherie-Markt tritt Beyerdynamic gegen eine andere Sorte Konkurrenz an als im klassischen Studiogeschäft. Marken wie Razer oder Logitech haben ihre Gaming-Sparten von Grund auf für Spieler entwickelt oder – im Fall von Logitech – über gezielte Zukäufe wie Astro Gaming systematisch ausgebaut. Beyerdynamic geht den umgekehrten Weg: Die Marke bringt ein knappes Jahrhundert Studio- und HiFi-Erfahrung mit und versucht, diese Kompetenz glaubwürdig in ein Marktsegment zu übertragen, das traditionell stärker über RGB-Beleuchtung und Software-Ökosysteme verkauft wird als über Treibertechnologie und Wandlerpräzision. Auch gegenüber reinrassigen Gaming-Audio-Spezialisten wie SteelSeries, die ihre gesamte Markenidentität seit der Gründung im Jahr 2001 auf E-Sport und Gaming-Peripherie ausgerichtet haben, positioniert sich Beyerdynamic bewusst anders: nicht über Pro-Team-Sponsoring und Turnierpräsenz, sondern über den Verweis auf jahrzehntelange Studioreferenzen. Diese Positionierung als „Studio-Marke, die auch Gaming kann“ statt als „Gaming-Marke von Grund auf“ bleibt auch nach dem Eigentümerwechsel Beyerdynamics klarstes Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerbsumfeld – ob sich dieser Ansatz unter chinesischer Eigentümerschaft fortsetzt oder verändert, dürfte sich erst in den kommenden Produktgenerationen zeigen.

Häufig gestellte Fragen zu Beyerdynamic

Wann wurde Beyerdynamic gegründet?

Beyerdynamic wurde 1924 in Berlin von Eugen Beyer gegründet, zunächst als Hersteller von Lautsprechern für Kinos.

Wem gehört Beyerdynamic heute?

Seit Juni 2025 gehört Beyerdynamic dem chinesischen Unternehmen Cosonic Intelligent. Zuvor befand sich das Unternehmen seit der Gründung 1924 durchgehend in Familienbesitz.

Wo hat Beyerdynamic seinen Sitz?

Der Unternehmenssitz liegt seit der Nachkriegszeit in Heilbronn, Baden-Württemberg. Ursprünglich wurde das Unternehmen in Berlin gegründet.

Was ist das bekannteste Gaming-Headset von Beyerdynamic?

Zu den bekanntesten Gaming-Modellen zählen die MMX-Serie (unter anderem MMX 150 Wireless und MMX 230 Wireless) sowie das Einstiegsmodell TYGR 300 R und das ursprüngliche Custom Game von 2017.

Was war der erste dynamische Kopfhörer von Beyerdynamic?

Der DT 48 aus den späten 1930er-Jahren gilt als weltweit erster dynamischer Kopfhörer und blieb bis 2012 im Programm.

Seit wann ist Beyerdynamic im Gaming-Bereich aktiv?

Den offiziellen Einstieg ins Gaming-Segment markierte die CES 2017 mit dem Custom Game, während die bereits bestehende MMX 300 dort ihre zweite Generation erhielt. Seitdem wurde die MMX-Reihe kontinuierlich um weitere Modelle bis hin zu den kabellosen Varianten MMX 150 Wireless und MMX 230 Wireless erweitert.

Wird Beyerdynamic weiterhin in Deutschland produzieren?

Entwicklung und ein Teil der Fertigung, insbesondere bei der klassischen DT- und T-Serie, finden weiterhin am Hauptsitz in Heilbronn statt. Ob sich daran nach dem Eigentümerwechsel etwas ändert, ist bislang nicht öffentlich kommuniziert.

Was unterscheidet Beyerdynamic von reinen Gaming-Marken?

Anders als Hersteller, die von Beginn an ausschließlich für Gamer entwickelt haben, bringt Beyerdynamic jahrzehntelange Erfahrung aus Studio-, Rundfunk- und HiFi-Produkten mit. Die Gaming-Sparte baut bewusst auf dieser Wandler-Kompetenz auf, statt sich primär über Pro-Team-Sponsoring zu positionieren.

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