Er ist klein, schlecht gelaunt, raucht Zigarre und heilt fast jede Wunde in Sekunden: Wolverine gehört seit über 50 Jahren zu den bekanntesten Figuren von Marvel. Wer sich durch seine Comics wühlt, stößt aber schnell auf ein Problem. Es gibt nicht die eine Wolverine-Geschichte, die alles erklärt. Seine Biografie wurde über Jahrzehnte zusammengesetzt, umgeschrieben, ergänzt und teilweise wieder verworfen. Dieser Artikel ordnet, was in den Wolverine Comics heute als Kanon gilt, welche Storys die Figur geprägt haben und wo Filme und Spiele wie Marvel’s Wolverine eigene Wege gehen.
Wer ist Wolverine?
Wolverine, bürgerlich James Howlett und meist einfach Logan genannt, ist ein Mutant aus Kanada. Seine wichtigste Fähigkeit ist ein extrem starker Selbstheilungsfaktor. Er lässt Verletzungen in kürzester Zeit verheilen, macht ihn nahezu immun gegen Gift und Krankheiten und verlangsamt sein Altern so stark, dass er inzwischen weit über 100 Jahre alt ist. Dazu kommen geschärfte Sinne, vor allem ein Geruchssinn auf dem Niveau eines Raubtiers.
Sein Markenzeichen sind die drei Klauen pro Hand. Ursprünglich bestehen sie aus Knochen und gehören zu seiner Mutation. Erst ein geheimes Regierungsprogramm überzog sein komplettes Skelett mit Adamantium, einem fiktiven, praktisch unzerstörbaren Metall. Der Name stammt übrigens aus dem Tierreich: Wolverine ist die englische Bezeichnung für den Vielfraß, ein kleines, aber extrem wehrhaftes Raubtier aus dem hohen Norden. Mit rund 1,60 Metern ist Logan in den Comics deutlich kleiner als die meisten Filmfans vermuten.
Was „Kanon“ bei Marvel eigentlich bedeutet
Bevor es um die einzelnen Storys geht, lohnt ein kurzer Blick auf den Begriff. Bei Marvel gilt als Kanon, was in der Hauptkontinuität der Comics passiert. Diese Welt trägt intern die Bezeichnung Erde-616 und ist seit den 1980er-Jahren das Referenzuniversum des Verlags. Alles, was dort erzählt und später nicht ausdrücklich zurückgenommen wurde, zählt zur offiziellen Geschichte.
Das Problem: Diese Geschichte ändert sich ständig. Autoren schreiben frühere Ereignisse um, ergänzen Hintergründe oder erklären alte Widersprüche weg. In der Comicszene heißt das Retcon, kurz für „retroactive continuity“. Hinzu kommt das Multiversum mit unzähligen alternativen Welten, Zukunftsvisionen und Was-wäre-wenn-Szenarien. Filme, Serien und Spiele bilden ohnehin eigene Kontinuitäten, selbst wenn sie dieselben Figuren nutzen. Ähnlich wie bei einem Reboot wird dort neu erzählt, ohne dass sich der Comic-Kanon daran halten muss.
Bei Wolverine kommt eine Besonderheit dazu. Sein Gedächtnisverlust war jahrzehntelang fester Bestandteil der Figur. Marvel hielt seine Herkunft bewusst im Dunkeln, und viele Erinnerungen, die Logan in alten Heften hat, entpuppten sich später als künstlich eingepflanzt. Wer seine Biografie verstehen will, muss deshalb immer unterscheiden zwischen dem, was Logan glaubt, und dem, was der Kanon inzwischen festgelegt hat.
Der erste Auftritt: Ein Hulk-Gegner aus Kanada
Seinen ersten Auftritt hatte Wolverine 1974 in The Incredible Hulk. In Heft #180 ist er nur auf der letzten Seite zu sehen, in #181 folgt der erste vollständige Auftritt im Kampf gegen den Hulk und das Monster Wendigo. Die Idee stammte vom damaligen Chefredakteur Roy Thomas, geschrieben hat die Geschichte Len Wein. Das Kostümdesign entwarf John Romita Sr., gezeichnet wurde das Heft von Herb Trimpe.
Damals war Wolverine noch kein Mutant mit langer Vorgeschichte, sondern ein Agent des kanadischen Geheimdienstes. Von Knochenklauen, Adamantium-Skelett oder einem jahrhundertealten Leben war noch keine Rede. Die Figur war als einmaliger Gegner gedacht und hätte genauso gut wieder in der Versenkung verschwinden können.
Der Durchbruch bei den X-Men
Das änderte sich 1975 mit Giant-Size X-Men #1. Len Wein und Zeichner Dave Cockrum stellten darin ein neues, internationales X-Men-Team zusammen, zu dem auch Wolverine gehörte. Kurz darauf übernahm Chris Claremont die Reihe und schrieb sie über 16 Jahre lang. Zusammen mit Zeichner John Byrne baute er Logan vom rauen Außenseiter zur heimlichen Hauptfigur des Teams aus.
In dieser Phase entstanden viele Charakterzüge, die bis heute gelten: die Rivalität mit Cyclops, die unerwiderte Liebe zu Jean Grey, die Feindschaft mit Sabretooth und der innere Kampf zwischen tierischer Wut und menschlicher Ehre. Klassiker wie die Dark Phoenix Saga (1980) oder Days of Future Past (1981) zeigen Wolverine bereits als festen Teil des X-Men-Kerns.
Die Storys, die Logan geprägt haben
Aus Hunderten Heften stechen einige Geschichten heraus, die das heutige Bild der Figur maßgeblich bestimmt haben. Sie sind auch die naheliegenden Einstiegspunkte für alle, die tiefer einsteigen wollen.
Wolverine (1982): Logan in Japan
Die vierteilige Miniserie von Chris Claremont und Frank Miller war Wolverines erste eigene Reihe. Logan reist nach Japan, um seine große Liebe Mariko Yashida zu retten, und legt sich mit ihrem Vater, einem Verbrecherboss, an. Die Serie verband Superhelden-Action mit Samurai-Motiven und machte Wolverines Ehrenkodex zum zentralen Thema. Viele spätere Adaptionen, etwa der Film Wolverine: Weg des Kriegers, greifen direkt auf diese Geschichte zurück. 1988 folgte die erste fortlaufende Solo-Serie, die unter anderem den fiktiven Inselstaat Madripoor als zweites Zuhause etablierte.
Weapon X (1991): Die Geburt des Adamantium-Skeletts
Barry Windsor-Smith erzählte in Marvel Comics Presents #72 bis #84, wie Logan in die Hände eines geheimen Programms gerät. Ohne Einwilligung und bei vollem Bewusstsein wird sein Skelett mit Adamantium überzogen. Die düstere, fast schon horrorartige Geschichte gilt bis heute als Standardwerk. Spätere Autoren bauten sie aus: Grant Morrison deutete das X in „Weapon X“ Anfang der 2000er als römische Zehn und machte das Programm zu einem Teil des größeren Weapon-Plus-Projekts.
Fatal Attractions (1993): Die Klauen aus Knochen
Im Crossover Fatal Attractions reißt Magneto in X-Men #25 das Adamantium aus Wolverines Körper. Die Folge war eine der größten Enthüllungen der Figurengeschichte: Seine Klauen sind gar nicht künstlich, sondern bestehen aus Knochen. Erst 1999 bekam Logan sein Metallskelett zurück. Mehr dazu, wie solche verlagsweiten Ereignisse funktionieren, steht in unserem Artikel über Crossover.
Origin (2001–2002): Das Ende des Geheimnisses
Fast 30 Jahre lang hielt Marvel Wolverines Herkunft offen. Mit der sechsteiligen Miniserie Origin von Paul Jenkins und Andy Kubert wurde sie schließlich offiziell festgelegt. Logan wurde Ende des 19. Jahrhunderts als James Howlett im kanadischen Alberta geboren, als kränklicher Sohn einer reichen Familie. Ein Gewaltausbruch weckt seine Mutation, er flieht und nimmt den Namen Logan an. Origin ist bis heute die verbindliche Basis seiner Kindheit. Die Fortsetzung Origin II (2013–2014) erzählt die Jahre danach.
Old Man Logan (2008–2009): Kult, aber kein Hauptkanon
Mark Millar und Steve McNiven zeigen einen gealterten Logan in einer düsteren Zukunft, in der die Schurken gewonnen haben. Die Geschichte wurde zum Kult und diente als Vorlage für den Film Logan. Wichtig für die Kanon-Frage: Old Man Logan spielt in einer alternativen Zukunft. Die gealterte Version der Figur wurde ab 2015 zwar in die Hauptwelt geholt und bekam eine eigene Serie, die ursprüngliche Handlung bleibt aber ein Zukunftsszenario.
Tod und Rückkehr: Wolverine seit 2014
2014 ließ Marvel Wolverine tatsächlich sterben. In Death of Wolverine von Charles Soule und Steve McNiven verliert Logan seinen Heilungsfaktor und wird bei einem letzten Einsatz mit flüssigem Adamantium überzogen. Während seiner Abwesenheit übernahm seine Klon-Tochter Laura Kinney, ursprünglich als X-23 bekannt, den Namen Wolverine.
Wie im Superhelden-Genre üblich, blieb der Tod nicht endgültig. 2018 kehrte Logan in Return of Wolverine zurück. Ab 2019 spielte er eine zentrale Rolle in der Krakoa-Ära der X-Men, in der die Mutanten einen eigenen Staat gründeten. Seit 2024 läuft wieder eine eigenständige Wolverine-Serie, ergänzt durch Miniserien und Auftritte in den großen X-Men-Titeln. Daneben existieren parallele Versionen wie Ultimate Wolverine, die bewusst außerhalb der Hauptkontinuität angesiedelt sind.
Wolverines Lebenslauf im Überblick
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Stationen zusammen, wie sie im heutigen Comic-Kanon gelten:
| Lebensphase | Was passiert | Erzählt in |
|---|---|---|
| Kindheit | Geburt als James Howlett in Alberta, Ausbruch der Mutation, Flucht | Origin (2001–2002) |
| Junge Jahre | Leben in der Wildnis, erste Begegnungen mit Feinden | Origin II (2013–2014) |
| Soldat und Agent | Einsätze in mehreren Kriegen, Arbeit für Geheimdienste und Team X | diverse Rückblenden |
| Weapon X | Adamantium-Skelett, Gedächtnismanipulation | Weapon X (1991) |
| Kanadischer Agent | Erster Auftritt gegen Hulk und Wendigo | The Incredible Hulk #180–181 (1974) |
| X-Men | Aufnahme ins Team, Aufstieg zur Schlüsselfigur | Giant-Size X-Men #1 (1975) und folgende |
| Tod und Rückkehr | Tod durch Adamantium, Wiederbelebung | Death of Wolverine (2014), Return of Wolverine (2018) |
Filme, Spiele und andere Kontinuitäten
Viele kennen Wolverine nicht aus Comics, sondern aus dem Kino. Hugh Jackman spielte ihn ab X-Men (2000) über mehr als zwei Jahrzehnte, unter anderem in X-Men Origins: Wolverine (2009), Wolverine: Weg des Kriegers (2013) und Logan (2017). Diese Fox-Filme bilden eine eigene Kontinuität, die sich lose an den Comics orientiert, aber vieles anders erzählt. Mit Deadpool & Wolverine (2024) kam Jackman schließlich ins Marvel Cinematic Universe, wobei der Film das Multiversum nutzt, um seine Version der Figur einzubinden.
Auch Videospiele erzählen ihre eigenen Versionen. Das aktuellste Beispiel ist Marvel’s Wolverine von Insomniac Games, das am 15. September 2026 exklusiv für PS5 erschienen ist. Das Spiel teilt sich eine Welt mit Insomniacs Spider-Man-Titeln, die laut Studio als Erde-1048 bezeichnet wird. Logan kehrt darin zu seinem früheren Einsatzkommando Team X zurück, zu dem Sabretooth und Mystique gehören, und kämpft gegen die Reaver und Bolivar Trask. Insomniac hat ausdrücklich betont, dass es sich um eine Originalgeschichte handelt und nicht um die Adaption eines bestimmten Comics. Passend dazu gab es zur San Diego Comic-Con einen Prequel-Comic vom Narrative Director des Spiels, der ebenfalls in dieser Spielwelt angesiedelt ist.
Das Spiel bedient sich also bekannter Bausteine aus dem Comic-Kanon wie Team X, Madripoor oder Jean Grey, setzt sie aber neu zusammen. Für das Verständnis der Handlung sind keine Comic-Kenntnisse nötig, wer sie hat, entdeckt allerdings deutlich mehr Anspielungen. Wolverine taucht außerdem regelmäßig in anderen Marvel-Spielen auf, zuletzt etwa im Kampfspiel Marvel Tōkon: Fighting Souls.
Womit sollte man als Einsteiger anfangen?
Wer nach dem Spiel Lust auf die Comics bekommen hat, muss sich nicht durch 50 Jahre Kontinuität kämpfen. Diese fünf Geschichten funktionieren gut für sich und decken die wichtigsten Facetten der Figur ab:
- Wolverine (1982): kompakter Einstieg in Logans Charakter und Ehrenkodex
- Weapon X (1991): die Entstehung des Adamantium-Skeletts, düster und atmosphärisch
- Origin (2001–2002): die offizielle Herkunftsgeschichte
- Old Man Logan (2008–2009): alternative Zukunft, aber eine der beliebtesten Wolverine-Storys überhaupt
- Death of Wolverine (2014): kurzer, emotionaler Abschluss einer Ära
Die meisten dieser Bände sind auch auf Deutsch als Sammelbände erschienen. Wer lieber chronologisch liest, beginnt mit Origin und arbeitet sich von dort vor. Wer die Figur so erleben will, wie Fans sie damals kennengelernt haben, startet dagegen bei den Claremont-Heften der X-Men.
Häufige Fragen zu Wolverine in den Comics
Wie heißt Wolverine mit richtigem Namen?
Sein Geburtsname ist James Howlett. Den Namen Logan nahm er nach seiner Flucht in der Kindheit an. Diese Herkunft wurde erst 2001 in der Miniserie Origin offiziell festgelegt.
Gehört Wolverine zu Marvel oder zu DC?
Wolverine ist eine Marvel-Figur. Er hatte 1974 in The Incredible Hulk seinen ersten Auftritt und ist seit 1975 fester Bestandteil der X-Men.
Wie hat Wolverine sein Adamantium-Skelett bekommen?
Ein geheimes Regierungsprogramm namens Weapon X überzog sein Skelett gegen seinen Willen mit Adamantium. Die Geschichte erzählt Barry Windsor-Smith in Weapon X (1991). Seine Klauen bestehen ursprünglich aus Knochen.
Ist Old Man Logan Teil des Kanons?
Nur teilweise. Die ursprüngliche Geschichte spielt in einer alternativen Zukunft. Die gealterte Version von Logan wurde ab 2015 in die Hauptkontinuität geholt, die Ereignisse der Vorlage gehören aber nicht zur Vergangenheit der Haupt-Wolverine-Figur.
Gehört Marvel’s Wolverine von Insomniac zum Comic-Kanon?
Nein. Das Spiel erzählt eine eigenständige Geschichte in einer eigenen Welt, die es sich mit Insomniacs Spider-Man-Spielen teilt. Es nutzt Figuren und Orte aus den Comics, ist aber keine Adaption und hat keinen Einfluss auf die Comic-Kontinuität.
Ist Wolverine in den Comics gestorben?
Ja. 2014 starb Logan in Death of Wolverine, nachdem er seinen Heilungsfaktor verloren hatte und mit flüssigem Adamantium überzogen wurde. 2018 kehrte er in Return of Wolverine zurück.

