Kein Genre-Label wird in Gaming-Kreisen so oft verwendet wie „XCOM-like“ – wie ein Spiel dazu wird und welche mechanische DNA dahintersteckt, haben wir bereits in einem eigenen Artikel zum Genre ausführlich erklärt. Hier geht es um etwas anderes: um die Reihe selbst, ihre Höhen, ihre gescheiterten Ausflüge und die fast zehnjährige Funkstille, die sie zwischenzeitlich fast das Leben gekostet hätte. Von einem britischen Strategiespiel aus dem Jahr 1994 bis zum aktuellen Tabletop-Ableger spannt sich eine Geschichte, die deutlich verschlungener verläuft, als es der heutige Kultstatus vermuten lässt – mit mindestens zwei kompletten Neuausrichtungen, mehreren gescheiterten Projekten und einem Wechsel durch drei verschiedene Publisher.
1994: UFO – Enemy Unknown legt den Grundstein
Alles beginnt mit UFO: Enemy Unknown, in Nordamerika unter dem Titel X-COM: UFO Defense vermarktet. Entwickelt wurde es von Julian und Nick Gollop bei Mythos Games gemeinsam mit MicroProse, veröffentlicht im März 1994. Die Prämisse: Eine geheime, von den Vereinten Nationen finanzierte Organisation namens XCOM soll die Erde vor einer außerirdischen Invasion verteidigen – der Spieler übernimmt das Kommando. Das Spiel funktioniert auf zwei getrennten Ebenen: einer Strategieebene, auf der Basen, Forschung und Budget verwaltet werden, und einer Taktikebene mit rundenbasierten Gefechten auf prozedural generierten Karten. Gefallene Soldaten bleiben dauerhaft tot – Permadeath war von Anfang an integraler Bestandteil des Designs, nicht nachträgliche Schwierigkeitsoption. Die Kritikerwertungen fielen entsprechend begeistert aus, und das Spiel gilt bis heute als eines der einflussreichsten Strategiespiele überhaupt.
Die Fortsetzungen der 90er: Terror from the Deep, Apocalypse und Interceptor
Nur ein Jahr später, 1995, folgte X-COM: Terror from the Deep. Die Prämisse: Die im ersten Teil besiegten Aliens hatten einen Schlafmodus aktiviert und erwachen nun in den Ozeanen der Erde, weshalb XCOM fortan mit U-Booten statt Jets operiert. Technisch war es weitgehend ein Reskin des Originals auf derselben Engine, von vielen Fans aber als noch unbarmherziger empfunden.
1997 erschien mit X-COM: Apocalypse der dritte Teil, der das Geschehen in eine einzelne futuristische Megacity verlegte, die in mehrere unabhängig agierende Stadtbezirke mit eigenen Beziehungen zu XCOM unterteilt war, und als erster Teil der Reihe eine Echtzeit-Option für die Taktikgefechte anbot – eine Abweichung vom rundenbasierten Kern, die in späteren Teilen nicht fortgeführt wurde. Es folgte 1998 mit X-COM: Interceptor ein deutlicherer Bruch: Statt Bodentruppen steuerte man Raumschiffe in einem Hybrid aus Strategiespiel und Weltraum-Flugsimulation. Handlungschronologisch spielt Interceptor sogar vor Apocalypse, wurde aber als vierter Teil veröffentlicht. Es war zudem der erste Teil der Reihe mit funktionierendem Mehrspielermodus. Beide Titel erhielten bei ihrem Release solide, aber keine überragenden Wertungen – ein Vorgeschmack auf die Identitätskrise, die der Marke in den folgenden Jahren noch bevorstand. Begleitet wurde die frühe Serie zudem von zwei Romanen, die das Universum erzählerisch vertieften, ohne dass die Videospiele selbst je stark auf eine übergreifende Erzählkontinuität setzten.
Gescheiterte Neuausrichtungen und die Jahre der Funkstille
1998 übernahm Hasbro Interactive MicroProse und damit auch die Markenrechte an X-COM. In dieser Phase geriet die Serie ins Trudeln: Gleich zwei Projekte scheiterten auf dem Weg zur Veröffentlichung. X-COM: Alliance, ein Ego-Shooter mit Strategie- und Rollenspiel-Elementen, war bereits Mitte der 90er unter dem internen Codenamen „Fox Force Five“ bei MicroProse UK begonnen worden, wanderte danach zu einem Studio in Maryland und wurde nach dem Verlust wichtiger Teammitglieder und wiederholten Verzögerungen schließlich 2002 endgültig eingestellt – nach sieben Jahren Entwicklungszeit ohne einen einzigen veröffentlichten Build. Parallel dazu wurde auch X-COM: Genesis nach internen Umstrukturierungen bei Hasbro stillschweigend beerdigt. Aus den Restbeständen dieser gescheiterten Projekte entstand unter Zeitdruck X-COM: Enforcer, ein reinrassiger Arcade-Shooter, der 2001 mit gemischten bis vernichtenden Kritiken erschien und lange als Sargnagel der Marke galt. Die Rechte wanderten kurz darauf weiter zu Infogrames, das Interesse an neuen X-COM-Titeln blieb jedoch aus. Fast ein Jahrzehnt lang – von 2001 bis 2012 – erschien kein neuer Teil der Reihe, obwohl 2K bereits ab 2003 intern an einem Nachfolgeprojekt arbeitete, das mehrfach die Richtung wechselte, bevor daraus schließlich das spätere Reboot wurde.
2012: Der Neustart mit XCOM: Enemy Unknown
Der Umbruch kam 2012 mit XCOM: Enemy Unknown von Firaxis Games unter der kreativen Leitung von Jake Solomon, veröffentlicht von 2K Games. Bewusst wurde kein direktes Sequel entwickelt, sondern ein konzeptionelles Remake: dieselbe Grundidee aus zwei Spielebenen und Permadeath, aber radikal zugänglicher gemacht. Die Strategieebene wurde auf eine einzige Basis reduziert, die Taktikgefechte auf kleinere Teams verkleinert, ein neues Deckungssystem eingeführt. Viele der knochentrockenen Simulationsdetails des Originals – etwa granulares Munitionsmanagement oder komplexe Nachtsicht-Mechaniken – fielen der Vereinfachung zum Opfer, ein Balanceakt, der Kritikern und einem breiteren Publikum gleichermaßen gefiel und dem Spiel mehrere Auszeichnungen für bestes Strategiespiel des Jahres einbrachte. 2013 folgte mit Enemy Within eine umfangreiche Erweiterung, die genetische und mechanische Modifikationen der Soldaten sowie eine neue, moralisch fragwürdig agierende Fraktion namens EXALT einführte, die im Hintergrund gegen die eigenen XCOM-Interessen arbeitet.
Ein Ausflug in ein anderes Genre: The Bureau – XCOM Declassified
Parallel zum Firaxis-Reboot verfolgte 2K noch ein zweites XCOM-Projekt, das eine bewegte Entwicklungsgeschichte hinter sich hatte: Ursprünglich 2006 als Ego-Shooter-Neuinterpretation der gesamten Marke begonnen, wurde das Projekt mehrfach überarbeitet – unter anderem wechselte es zwischenzeitlich zwischen mehreren Studios innerhalb von 2K und änderte dabei wiederholt seine Perspektive und Zeitachse –, bevor es 2013 als The Bureau: XCOM Declassified erschien: ein Third-Person-Shooter mit taktischen Elementen, angesiedelt als Prequel im Jahr 1962, mitten im Kalten Krieg. Entwickelt von 2K Marin (mit Unterstützung von 2K Australia und teilweise Irrational Games), positionierte sich der Titel bewusst als eigenständiges Kapitel abseits der rundenbasierten Hauptreihe. Die Kritiken fielen gemischt, aber deutlich wohlwollender aus als einst bei Enforcer – vor allem das Setting und die Charaktere der Agentin-geführten Spezialeinheit wurden gelobt, auch wenn das Shooter-Gameplay selbst als wenig innovativ empfunden wurde.
Der Widerstand: XCOM 2 und War of the Chosen
2016 erschien XCOM 2 und drehte die Ausgangslage komplett um: Statt die Invasion abzuwehren, spielt man zwanzig Jahre nach einer bereits verlorenen ersten Schlacht einen Untergrund-Widerstand gegen eine besetzte Erde unter der Kontrolle der außerirdischen ADVENT-Verwaltung. Das Spiel setzte stärker auf prozedural generierte Guerilla-Taktik und mobile Operationsbasen statt einer festen Zentrale. Mit der Erweiterung War of the Chosen, die 2017 folgte und drei charismatische Bossgegner sowie Fraktionsmechaniken einführte, erreichte die moderne Reihe ihren spielerischen Höhepunkt und gilt bis heute vielen als Referenzwerk des gesamten Taktik-Genres.
Kleinerer Maßstab: XCOM: Chimera Squad
2020 folgte mit XCOM: Chimera Squad ein deutlich kleiner dimensionierter Spin-off, der überraschend und ohne lange Ankündigungsphase erschien. Statt einer offenen Kampagne mit frei wählbaren Missionen und permanentem Basisaufbau bot der Titel eine feste Story-Kampagne mit einem festen Ensemble aus menschlichen und außerirdischen Charakteren, die nach dem Ende von XCOM 2 gemeinsam eine geteilte Stadt vor neuer Bedrohung schützen. Kampfsequenzen liefen zudem nicht mehr strikt rundenweise pro Team ab, sondern initiativbasiert – ein spürbarer struktureller Bruch mit der bisherigen Formel. Das Setting – Menschen und ehemalige Feinde arbeiten in derselben Spezialeinheit zusammen – markierte zugleich einen deutlichen Tonwechsel gegenüber der bisherigen Reihe: weniger Invasions-Paranoia, mehr Buddy-Cop-Dynamik zwischen ungleichen Partnern. Kurz darauf, 2021, erschien mit XCOM: Legends zudem ein mobiler Ableger mit Sammelmechaniken im Gacha-Stil, entwickelt von Iridium Starfish, der sich klar an ein anderes Publikum richtete als die Hauptreihe und im Katalog von 2K inzwischen eine Randnotiz geblieben ist.
Über das Videospiel hinaus: Brettspiel und Miniaturenspiel
Die Marke hat längst auch den Sprung auf den Spieltisch geschafft. Bereits 2015 veröffentlichte Fantasy Flight Games XCOM: The Board Game, ein kooperatives Echtzeit-Brettspiel für bis zu vier Spielende, das über eine begleitende App gesteuert wird: Die App übernimmt Alien-Aktivierungen, spielt Zeitlimits per Audio-Countdown ein und überträgt damit den charakteristischen Zeitdruck der Videospiel-Vorlage spürbar auf den Tisch – ein für seine Zeit ungewöhnlicher Ansatz, der App-gestützte Brettspiele im Segment populärer machte. Aktueller ist XCOM: The Miniatures Game, das Modiphius Entertainment 2026 in Partnerschaft mit Firaxis und 2K anlässlich des 30-jährigen Bestehens von Firaxis Games ankündigte. Das solo- und koop-taugliche Miniaturenspiel basiert auf dem Regelwerk von Five Parsecs From Home und bringt sowohl den Basisaufbau als auch taktische Gefechte gegen klassische Gegner wie Sectoids, Thin Men und Chryssaliden auf den Tisch – inklusive optionalem Spieler-gegen-Spieler-Modus, in dem eine Seite die Außerirdischen übernimmt, sowie monatlich erscheinenden Encounter-Sets mit neuen Gegnertypen.
Wo steht die Reihe heute?
Seit War of the Chosen ist fast ein Jahrzehnt vergangen, ohne dass Firaxis einen dritten Hauptteil angekündigt hat. Warum das so ist und wie wahrscheinlich ein XCOM 3 tatsächlich noch ist, haben wir in einem eigenen Hintergrundartikel ausführlich analysiert. Klar ist: Selbst ohne neuen Hauptteil ist die Marke gegenwärtig so sichtbar wie lange nicht – über das neue Tabletop-Projekt, den anhaltenden Einfluss auf ein ganzes Genre und eine Fangemeinde, die den Grundstein von 1994 bis heute nicht vergessen hat. Wer sich für die zahlreichen Spiele interessiert, die XCOM-Mechaniken in neue Settings übertragen haben, findet dort eine ausführliche Übersicht moderner Genre-Vertreter.
Häufig gestellte Fragen zu XCOM
Wann erschien der erste Teil der XCOM-Reihe?
UFO: Enemy Unknown (in Nordamerika als X-COM: UFO Defense) erschien im März 1994, entwickelt von Julian Gollops Mythos Games und MicroProse.
Wie viele XCOM-Spiele gibt es insgesamt?
Die veröffentlichte Hauptreihe umfasst UFO: Enemy Unknown, Terror from the Deep, Apocalypse, Interceptor, Enforcer, XCOM: Enemy Unknown/Enemy Within, The Bureau: XCOM Declassified, XCOM 2/War of the Chosen sowie Chimera Squad und den mobilen Ableger XCOM: Legends. Mindestens zwei weitere Projekte (Alliance, Genesis) wurden vor Veröffentlichung eingestellt.
Wer hat XCOM ursprünglich entwickelt?
Das Original stammt von Julian und Nick Gollop bei Mythos Games in Zusammenarbeit mit MicroProse. Das moderne Reboot ab 2012 entwickelte Firaxis Games unter Jake Solomon.
Was ist der Unterschied zwischen The Bureau und der Hauptreihe?
The Bureau: XCOM Declassified (2013) ist ein Third-Person-Shooter mit taktischen Elementen und spielt als Prequel im Jahr 1962. Es wurde nicht von Firaxis, sondern von 2K Marin entwickelt und steht damit außerhalb der rundenbasierten Hauptreihe.
Wird es ein XCOM 3 geben?
Offiziell angekündigt ist bislang kein dritter Hauptteil. Mehr zu den Hintergründen und warum die Aussichten aktuell eher schlecht stehen, erklären wir im verlinkten Hintergrundartikel.
Was ist ein XCOM-like?
Ein XCOM-like ist ein rundenbasiertes Taktikspiel anderer Entwickler, das Kernmechaniken der Reihe wie Permadeath, die Zweiteilung in Strategie- und Taktikebene sowie Overwatch-Mechaniken aufgreift. Die vollständige Einordnung und Beispiele findest du in unserem separaten Genre-Artikel.
📖 Mehr Gaming-Begriffe nachschlagen?
Im gamefinity Lexikon
findest du alle Fachbegriffe von A–Z, nach Themenbereich sortiert.
