Einmal im Jahr passiert bei Wikipedia dasselbe: Wer einen Artikel aufruft, bekommt einen großflächigen Banner zu sehen, der um eine Spende bittet. Millionen Menschen folgen diesem Aufruf — und viele fragen sich dabei nie, wohin das Geld eigentlich fließt. Dieser Artikel schaut in die öffentlich verfügbaren Zahlen: Wer sammelt das Geld, wie viel kommt zusammen, wofür wird es ausgegeben — und was ist an der Kritik dran, dass da inzwischen mehr zusammenkommt, als eigentlich gebraucht wird?
Zur Einordnung: Wie groß ist das, was hier finanziert wird?
Bevor es um Geld geht, lohnt sich ein kurzer Blick auf die schiere Größe des Projekts, das hinter diesen Zahlen steht. Laut dem Jahresbericht 2025 von Wikimedia Deutschland gibt es weltweit mittlerweile über 65 Millionen Wikipedia-Artikel in mehr als 340 aktiven Sprachversionen. Monatlich wird Wikipedia im Schnitt rund 24 Milliarden Mal aufgerufen — Wikipedia gehört damit zu den zehn meistbesuchten Internetseiten der Welt. Getragen wird das Ganze von rund 265.000 Menschen, die sich weltweit ehrenamtlich engagieren.
Die deutschsprachige Wikipedia, die zweitgrößte Sprachversion nach der englischen, erreichte am 25. März 2025 einen besonderen Meilenstein: den drei millionsten Artikel. Im Schnitt arbeiten monatlich rund 37.000 Menschen ehrenamtlich an der deutschsprachigen Wikipedia mit, davon rund 5.000 besonders intensiv. Alle vier Minuten entsteht dort im Schnitt ein neuer Artikel.
Auch die Schwesterdatenbank Wikidata, die unter anderem als strukturierte Datengrundlage für viele KI-Anwendungen und Sprachassistenten dient, ist inzwischen auf über 120 Millionen strukturierte Datensätze angewachsen, gepflegt von mehr als 24.000 Ehrenamtlichen weltweit. Diese Größenordnung erklärt zumindest teilweise, warum die jährlichen Budgets in den zweistelligen bis dreistelligen Millionenbereich reichen — es handelt sich um eine der am stärksten frequentierten Informationsinfrastrukturen des Internets überhaupt.
Der erste wichtige Punkt, den viele Spendende nicht auf dem Schirm haben: „Wikipedia“ ist keine einzelne Organisation. Wer in Deutschland spendet, unterstützt in der Regel entweder die Wikimedia Foundation (die internationale Trägerorganisation mit Sitz in San Francisco, gegründet 2003 von Jimmy Wales) oder Wikimedia Deutschland e.V. (den deutschen Verein, gegründet 2004, Sitz Berlin) — zwei rechtlich und finanziell getrennte Organisationen mit eigenen Budgets, eigenen Jahresberichten und eigener Mittelverwendung.
Wikimedia Deutschland ist dabei laut eigener Satzung nicht nur für den Betrieb der deutschsprachigen Wikipedia zuständig, sondern hat einen bewusst breiter gefassten Vereinszweck: die Förderung freien Wissens allgemein. Dazu zählen laut Satzung unter anderem die Unterstützung der Wikimedia-Wikis, die Offline-Verbreitung von Wikimedia-Inhalten, Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit zu freien Inhalten sowie die Klärung wissenschaftlicher, sozialer, kultureller und rechtlicher Fragen rund um freies Wissen. Wer also gezielt „den Betrieb von Wikipedia“ unterstützen will, unterstützt in Wahrheit ein deutlich breiteres Themenfeld — ein Missverständnis, das schon seit Jahren in Diskussionen rund um die Spendenkampagne auftaucht.
Die Zahlen der Wikimedia Foundation im Überblick
Für das Geschäftsjahr 2024 (Juli 2023 bis Juni 2024) veröffentlichte die Wikimedia Foundation folgende Kernzahlen:
- Einnahmen: rund 185,4 Millionen US-Dollar, davon rund 168,2 Millionen US-Dollar aus Spenden und Zuwendungen
- Ausgaben: rund 178,6 Millionen US-Dollar
- Nettovermögen: rund 271,5 Millionen US-Dollar
- Rücklagenfonds (Endowment): rund 169,4 Millionen US-Dollar (Stand 2025)
- Fest angestellte Mitarbeitende: rund 650 (Stand 2025)
- Freiwillige weltweit: rund 277.000 (2024)
- Spendende: über acht Millionen Menschen weltweit im Geschäftsjahr 2024
Zum Vergleich, wie stark das Budget in den letzten Jahren gewachsen ist: 2022 lagen die Einnahmen noch bei rund 167,9 Millionen US-Dollar, die Ausgaben bei rund 145,8 Millionen US-Dollar, das Nettovermögen bei rund 240 Millionen US-Dollar. Der Rücklagenfonds selbst existiert erst seit 2016 und überschritt im Juni 2021 erstmals die Marke von 100 Millionen US-Dollar.
Bei den Spendenkanälen dominieren wiederkehrende Spenden (rund 36,2 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2024) und E-Mail-Kampagnen (rund 31,6 Millionen US-Dollar). Regional kommt der Großteil der Spenden — mehr als zwei Drittel — aus Nordamerika.
Wofür wird das Geld laut eigener Darstellung verwendet?
Die Wikimedia Foundation nennt als Hauptverwendungszwecke: Server- und technische Infrastruktur, Softwareentwicklung und -wartung, rechtliche Verteidigung der Projekte gegen Klagen und staatliche Eingriffe, sowie die Unterstützung der weltweiten Freiwilligen-Community durch Programme, Zuschüsse und Veranstaltungen. Seit 2022 kommt eine weitere Einnahmequelle hinzu, die nicht auf Spenden beruht: Wikimedia Enterprise, ein kostenpflichtiger Dienst, über den große Technologieunternehmen strukturierten, maschinenlesbaren Zugriff auf Wikipedia-Inhalte erhalten — unter anderem relevant für KI-Unternehmen, die Wikipedia-Daten für Trainings- oder Antwortzwecke nutzen.
Für Wikimedia Deutschland liegen inzwischen belastbare, aktuelle Zahlen aus dem eigenen Jahresbericht 2025 vor: Die Erträge des Vereins stiegen 2025 auf rund 26,6 Millionen Euro (2024: 24,6 Mio. Euro; 2023: 20,6 Mio. Euro), davon rund 12,3 Millionen Euro aus Spenden und rund 6,9 Millionen Euro aus Mitgliedsbeiträgen. Die Mitgliederzahl wuchs auf 116.537 (Stand 31. März 2026, Vorjahr: 113.340). Auf der Ausgabenseite standen 2025 rund 26,6 Millionen Euro Aufwendungen, davon rund 12,8 Millionen Euro Personalkosten und rund 13,8 Millionen Euro betriebliche Aufwendungen. Rund 7,9 Millionen Euro wurden an die vereinseigene Gemeinnützige Wikimedia Fördergesellschaft mbH weitergeleitet, die ihrerseits rund 10,7 Millionen Euro an die Wikimedia Foundation in den USA sowie rund 0,4 Millionen Euro an weitere Partnerorganisationen transferierte. Die Vergütung der Geschäftsführenden Vorständin lag 2025 laut Jahresbericht bei 143.499,96 Euro brutto inklusive geldwerter Vorteile, die fünf Bereichsleitungen erhielten jeweils 103.200 Euro. Die Jahresabschlüsse wurden 2026 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon geprüft und mit uneingeschränktem Bestätigungsvermerk versehen.
Konkreter wird die inhaltliche Verwendung bei einem Blick in die im Jahresbericht veröffentlichte Mittelverwendungs-Übersicht für 2025 (Wikimedia Deutschland e.V. und Fördergesellschaft zusammen, konsolidiert):
- Starke Infrastruktur des Freien Wissens: rund 5,75 Millionen Euro
- Lebendige und beständige Communitys: rund 3,01 Millionen Euro
- Größere Diversität und gleichberechtigte Beteiligung: rund 1,43 Millionen Euro
- Mehr Nutzung, leichterer Zugang: rund 0,62 Millionen Euro
- Breite politische und gesellschaftliche Unterstützung: rund 1,37 Millionen Euro
- Öffentlichkeitsarbeit und Werbung: rund 3,43 Millionen Euro
- Verwaltungskosten: rund 3,37 Millionen Euro
- Mittelweiterleitung an die Wikimedia Foundation (USA) und weitere internationale Partner: rund 11,13 Millionen Euro
Zusammengenommen entfielen die Kosten für Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Verwaltung 2025 auf rund 6,8 Millionen Euro — das entspricht laut Jahresbericht rund 22,6 Prozent der Gesamtaufwendungen von Verein und Fördergesellschaft (Vorjahr: 21,2 Prozent). Wikimedia Deutschland benennt das im eigenen Bericht offen als Zielkonflikt: Ein gewisser Anteil an Verwaltungs- und Werbekosten sei notwendig, um überhaupt geordnete Mittelverwendung, Rechenschaft und Transparenz sicherzustellen — gleichzeitig soll dieser Anteil im Verhältnis zur inhaltlichen Arbeit möglichst gering bleiben. Getragen wird das Ganze laut Bericht von mehr als einer halben Million Unterstützenden (575.403 Spendende und Mitglieder), die 2025 zusammen rund 25,5 Millionen Euro beisteuerten.
Die Kritik: Warum sammelt eine Organisation mit über 270 Millionen Dollar Rücklage weiter so dringlich wirkende Spenden?
Das ist die am häufigsten gestellte, legitime Kritikfrage — und sie ist nicht neu. Schon seit Jahren wird in Wikipedia-nahen Diskussionsforen und in der Presse hinterfragt, warum die Spendenbanner Jahr für Jahr einen dringenden Ton anschlagen, während gleichzeitig ein wachsendes Finanzpolster aufgebaut wird.
Die Gegenposition, die auch von unabhängigen Beobachtern vertreten wird: Rücklagenbildung in dieser Größenordnung ist bei etablierten gemeinnützigen Organisationen kein Alarmsignal, sondern übliche Praxis — sie dient als Absicherung gegen unerwartete Einnahmeausfälle, etwa falls eine Spendenkampagne in einem Jahr schwächer läuft als geplant, oder um langfristige Projekte auch bei schwankenden Jahreseinnahmen verlässlich finanzieren zu können.
Ein technisches Detail aus dem aktuellen Jahresbericht relativiert die Rücklagen-Kritik zumindest für Wikimedia Deutschland teilweise: Der Verein wendet den Rechnungslegungsstandard HFA 21 an, bei dem Spendenerträge erst zum Zeitpunkt ihrer tatsächlichen Verausgabung verbucht werden, nicht bereits beim Eingang. Die Position „Noch nicht verbrauchte Spendenmittel“ (2025: rund 14,1 Millionen Euro, 2024: rund 11,6 Millionen Euro) ist damit weniger eine freie Kapitalreserve als eine bilanzielle Verbindlichkeit gegenüber bereits zweckgebundenen, aber noch nicht ausgegebenen Spenden — inklusive gesetzlicher Ausweisung als steuerliche Rücklage nach § 62 Abgabenordnung. Das erklärt zumindest einen Teil der wachsenden Rücklagen-Zahlen technisch, ohne die grundsätzliche Frage zu beantworten, ob die Größenordnung angemessen ist.
Ein weiterer, älterer Kritikpunkt betrifft nicht die Höhe der Rücklagen, sondern die Nachvollziehbarkeit der Mittelverwendung auf nationaler Ebene: In einer Diskussion aus dem Jahr 2010 auf einer offenen deutschen Wikipedia-Mailingliste wurde beispielsweise moniert, dass ein Großteil der damaligen Wikimedia-Deutschland-Ausgaben auf Reisekosten, Büromaterial und ähnliche Verwaltungsposten entfiel, während nur eine einzelne, konkret technische Anschaffung (ein Proxy-Server zur Verbesserung der Zugriffszeiten für europäische Nutzer) direkt dem Betrieb zugerechnet werden konnte. Diese konkrete Momentaufnahme ist mittlerweile 15 Jahre alt und lässt sich nicht ohne Weiteres auf die heutige Struktur übertragen — sie zeigt aber, dass die Frage nach der genauen Mittelverwendung kein neues Phänomen ist, sondern die Spendendebatte schon lange begleitet.
Fazit: Zwei berechtigte Perspektiven
Wer Wikipedia unterstützen möchte, tut gut daran, sich bewusst zu machen, welche der beiden Organisationen er damit tatsächlich fördert und wofür ihr Zweck laut Satzung steht — das allein räumt schon einen Großteil der Verwirrung aus. Die Kritik an den wachsenden Rücklagen bei gleichzeitig dringlich wirkenden Spendenaufrufen ist nicht aus der Luft gegriffen, aber auch nicht eindeutig ein Missstand: Beide Lesarten — „solide finanzielle Vorsorge einer wachsenden gemeinnützigen Organisation“ und „unnötig alarmistisches Fundraising trotz komfortabler Reserven“ — lassen sich mit denselben öffentlichen Zahlen begründen. Am Ende bleibt es eine Frage der eigenen Einschätzung, nicht eine, die die Zahlen allein eindeutig beantworten.

