Supermassive Games

Supermassive Games: Vom Move-Auftragsentwickler zum König des interaktiven Horrors

Kaum ein Studio hat das Genre des interaktiven Horrors so geprägt wie Supermassive Games. Aus einem britischen Second-Party-Entwickler für PlayStation-Move-Minispiele wurde innerhalb weniger Jahre der Name, der untrennbar mit verzweigten Entscheidungen, sterbenden Teenagern und Filmreife-Inszenierung verbunden ist. Wer Until Dawn gespielt hat, kennt die Handschrift des Studios – auch wenn dahinter eine deutlich wechselvollere Geschichte steckt, als es der heutige Ruf vermuten lässt.

Gründung und frühe Jahre: Vom Auftragsentwickler zum Move-Spezialisten

Supermassive Games wurde 2008 von den Brüdern Pete und Joe Samuels im britischen Guildford gegründet. Pete Samuels übernahm die Rolle des CEO, Joe leitete den kommerziellen Bereich – eine Aufgabenteilung, die für die nächsten 16 Jahre Bestand haben sollte. Guildford selbst ist alles andere als zufällig gewählt: Die Stadt in Surrey beherbergt eine ganze Reihe britischer Entwicklerstudios und gilt als einer der Knotenpunkte der heimischen Spieleindustrie.

Die ersten Jahre hatten mit Horror noch nichts zu tun. Supermassive arbeitete bis 2018 fast ausschließlich für Sony Interactive Entertainment und begann als Second-Party-Entwickler mit Downloadable Content für Media Molecules LittleBigPlanet. Es folgten mehrere Titel für den PlayStation-Move-Controller, darunter Start the Party! und Sackboy’s Prehistoric Moves – beide 2010 erschienen. Der erste eigenständige Titel des Studios, Big Match Striker, kombinierte Fußball-Management mit Quizelementen und war Free-to-Play, lange bevor dieses Modell zum Branchenstandard wurde.

Auch eine Kooperation mit der BBC gehört zur frühen Studiogeschichte: 2012 und 2013 entstanden Doctor Who: The Eternity Clock und Walking with Dinosaurs: Wonderbook. Ersteres war als Auftakt einer geplanten Doctor-Who-Trilogie gedacht, wurde aber schlecht aufgenommen – die BBC strich die Fortsetzungen. Für ein Studio, das später zum Synonym für cineastischen Horror werden sollte, war das ein wenig glamouröser Anfang.

Der Durchbruch: Until Dawn (2015)

Der eigentliche Wendepunkt kam 2015. Until Dawn war ursprünglich als Ego-Perspektive-Titel für den PlayStation-3-Move-Controller geplant, wurde aber während der Entwicklung komplett umgebaut und erschien schließlich als PlayStation-4-exklusiver dritte-Person-Survival-Horror. Das Drehbuch stammte von Larry Fessenden und Graham Reznick, die explizit das Videospiel-Äquivalent eines Slasher-Films schaffen wollten – Inspirationsquellen waren unter anderem Evil Dead II und Poltergeist.

Entscheidend für den Erfolg war das sogenannte Butterfly-Effect-System: Jede noch so kleine Entscheidung kann Stunden später über Leben und Tod eines Charakters entscheiden, ganz ohne klassisches Game-Over. Alle acht Hauptfiguren können sowohl überleben als auch sterben, abhängig davon, wie die Spielerin oder der Spieler sich entscheidet. Verstärkt wurde die Wirkung durch eine für damalige Videospielverhältnisse ungewöhnlich prominente Besetzung – Rami Malek, Hayden Panettiere und Peter Stormare gehörten zum Cast – sowie durch ein Motion-Capture-System, das Mimik und Gestik der Schauspieler außergewöhnlich präzise einfing. Wie gut das Konzept auch fast zehn Jahre später noch funktioniert, zeigt der ausführliche Until-Dawn-Test bei gamefinity inklusive Vergleich zum 2024 erschienenen Unreal-Engine-5-Remake.

Until Dawn etablierte auf einen Schlag das Muster, das seither praktisch jedes Supermassive-Spiel prägt: verzweigte Erzählstränge, eine Ensemble-Besetzung, deren Mitglieder alle sterben können, und ein Fokus auf psychologische statt reiner Jump-Scare-Spannung.

VR-Ausflüge: The Inpatient und Rush of Blood

Den Erfolg von Until Dawn nutzte Supermassive für zwei Ableger im Blackwood-Universum. Until Dawn: Rush of Blood (2016) war ein Rail-Shooter für PlayStation VR, der Spielerinnen und Spieler auf einer Horror-Achterbahn durch bekannte Schauplätze schickt. 2018 folgte mit The Inpatient ein waschechtes Prequel: Das Spiel siedelt sich 60 Jahre vor Until Dawn im Sanatorium von Blackwood Pines an, wird komplett in der Ich-Perspektive erlebt und setzt auf Sprachsteuerung für Dialogentscheidungen. Der Test von The Inpatient bei gamefinity ordnet ein, wie gut sich das Butterfly-Effect-Konzept in die VR-Zwangsjacke übertragen ließ – und wo die Grenzen lagen.

The Dark Pictures Anthology: Eine neue Horror-Serie im Jahrestakt

2019 wechselte Supermassive für sein nächstes großes Projekt den Publisher: Statt weiter exklusiv für Sony zu arbeiten, ging das Studio eine Partnerschaft mit Bandai Namco Entertainment ein und startete The Dark Pictures Anthology – eine Reihe eigenständiger, aber thematisch verbundener Horror-Geschichten, kuratiert von einer mysteriösen Erzählerfigur namens The Curator. Den Auftakt machte Man of Medan (2019), gefolgt von Little Hope (2020), House of Ashes (2021) und The Devil in Me (2022), das die erste Staffel abschloss. Nach einer mehrjährigen Pause kehrte die Reihe 2026 mit Directive 8020 zurück, das erstmals in Unreal Engine 5 realisiert wurde und mit sogenannten Turning Points erstmals ein Zurückspulen zu wichtigen Entscheidungspunkten erlaubt – ein deutlicher Bruch mit der bisherigen Kompromisslosigkeit der Serie. Wie sich das im Spiel anfühlt, hat gamefinity im Directive-8020-Test festgehalten.

Jedes Dark-Pictures-Spiel ist bewusst kürzer und günstiger als ein klassisches Vollpreisspiel und funktioniert als eigenständige, in sich geschlossene Geschichte. Gleichzeitig verbindet die Anthologie-Struktur die Titel durch wiederkehrende Motive, Easter Eggs und die übergreifende Rahmenhandlung um The Curator – ein Modell, das sich klar von Until Dawn als einmaligem Einzelerlebnis unterscheidet.

The Quarry: Der inoffizielle Nachfolger

2022 kehrte Supermassive mit The Quarry zu einem eigenständigen Vollpreistitel außerhalb der Dark-Pictures-Reihe zurück – veröffentlicht diesmal über 2K statt Sony oder Bandai Namco. Das Spiel gilt als spiritueller Nachfolger von Until Dawn: Neun jugendliche Feriencamp-Betreuer verbringen ihre letzte Nacht in Hackett’s Quarry, umgeben von übernatürlichen Kreaturen und einer feindseligen Nachbarschaft. Erneut sorgte eine Starbesetzung für Aufmerksamkeit, unter anderem David Arquette und Ariel Winter. Ausführliche Eindrücke dazu liefert der Test von The Quarry bei gamefinity.

The Casting of Frank Stone: Das Dead-by-Daylight-Crossover

2024 betrat Supermassive mit The Casting of Frank Stone erstmals das Terrain eines fremden Franchise: In Zusammenarbeit mit Behaviour Interactive, den Machern von Dead by Daylight, entstand eine eigenständige Horror-Geschichte im Dead-by-Daylight-Universum. Für viele Fans war das ein ungewöhnlicher Schritt – schließlich hatte sich Supermassive bis dahin stets auf komplett eigene Marken konzentriert. Ob das Crossover-Experiment aufgeht, klärt der Test zu The Casting of Frank Stone.

Nordisk Film, Führungswechsel und Umstrukturierung

2022 wurde Supermassive Games von Nordisk Film übernommen, dem skandinavischen Medienkonzern, der seit dieser Übernahme als Mutterkonzern fungiert. Die Integration in einen größeren Medienverbund fiel in eine Phase, die für das gesamte Studio turbulent verlief: 2024 zogen sich sowohl Pete als auch Joe Samuels aus ihren operativen Rollen zurück – nach 16 Jahren an der Spitze des von ihnen gegründeten Unternehmens. Im selben Jahr kam es im Zuge einer Reorganisation zu Stellenstreichungen, die einen spürbaren Teil der damals rund 300 Beschäftigten betrafen. Das Studio betonte öffentlich, den Schritt so weit wie möglich vermieden haben zu wollen – ein Muster, das sich 2024 branchenweit bei zahlreichen Entwicklern wiederholte.

Trotz dieser Einschnitte blieb die Produktionsgeschwindigkeit hoch: Parallel zur Aufarbeitung der internen Umstrukturierung erschienen sowohl The Casting of Frank Stone als auch, gut anderthalb Jahre später, Directive 8020 – ein Hinweis darauf, dass die kreative Kernmannschaft trotz Führungswechsel weitgehend intakt blieb.

Die Handschrift des Studios: Was Supermassive-Spiele verbindet

Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Titel lassen sich klare Konstanten erkennen. Supermassive-Spiele setzen fast durchgängig auf verzweigte, konsequenzenreiche Erzählstrukturen, in denen jede spielbare Figur sterben kann. Hollywood- oder zumindest bekannte Fernsehgesichter gehören seit Until Dawn zum festen Bestandteil der Produktionen, ebenso ein hoher Wert auf Motion Capture und filmreife Inszenierung. Inhaltlich bewegt sich das Studio dabei konsequent im Bereich des Horror-Genres, wenn auch mit unterschiedlichen Spielarten – vom Teenie-Slasher über Kriegsschauplätze bis zum Weltraum-Horror in Directive 8020.

Kritisch angemerkt wird häufig, dass sich die grundlegende Spielmechanik – Erkundung, Quick-Time-Events, Entscheidungsdialoge – über die Jahre kaum weiterentwickelt hat. Gleichzeitig ist genau diese Konstanz auch ein Markenzeichen geworden: Wer ein Supermassive-Spiel startet, weiß ungefähr, was ihn erwartet, und genau das schätzen viele Fans der interaktiven Horror-Nische.

Ein eigenes Format: Kürzer, günstiger, planbar

Mit The Dark Pictures Anthology etablierte Supermassive nebenbei auch ein Geschäftsmodell, das zum Zeitpunkt der Ankündigung noch ungewöhnlich war: Statt eines einzelnen Vollpreistitels alle paar Jahre entschied sich das Studio für kürzere, günstigere Episoden im ungefähren Jahresrhythmus. Jedes Spiel dauert im Schnitt vier bis sechs Stunden, kostet spürbar weniger als ein klassisches AAA-Release und lässt sich unabhängig von den anderen Teilen der Reihe spielen. Für Fans bedeutete das eine planbare, regelmäßige Dosis neuer interaktiver Horror-Geschichten; für das Studio ein kalkulierbareres Produktionsmodell mit kürzeren Entwicklungszyklen als bei einem vollwertigen Einzeltitel wie Until Dawn oder The Quarry.

Dieses Format hat sich seither branchenweit als eine von mehreren Antworten auf steigende AAA-Entwicklungskosten etabliert, auch wenn Supermassive selbst mit The Quarry und zuletzt Directive 8020 zeigt, dass beide Ansätze – kompakte Anthologie und größerer Einzeltitel – parallel weiterverfolgt werden.

Ausblick: Until Dawn 2 und die Zukunft der Marke

Auch wenn Supermassive selbst bislang keinen offiziellen Nachfolger zu Until Dawn angekündigt hat, sorgte im Frühjahr 2026 ein mittlerweile gelöschter Reddit-Beitrag für Aufsehen: Demnach soll sich Until Dawn 2 bereits seit 2021 in Entwicklung befinden – exklusiv für PlayStation 5 und ohne geplante PC-Version. Als Entwicklerstudio wurde dabei nicht Supermassive selbst genannt, sondern das Sony-eigene Studio Firesprite, unterstützt von mehreren ehemaligen Supermassive-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern. Gamefinity hat die Gerüchtelage im Beitrag Until Dawn 2: Leak deutet auf PS5-Exklusivtitel hin eingeordnet. Bestätigt ist davon bislang nichts – aber allein die Tatsache, dass ein möglicher Nachfolger überhaupt kursiert, zeigt, wie fest sich Until Dawn als eigenständige Marke jenseits des Studios etabliert hat, das sie einst erschaffen hat.

Vier neue Marken: Was nach Directive 8020 kommen könnte

Obwohl Directive 8020 offiziell als Auftakt der zweiten Staffel vermarktet wurde, ist die Zukunft der Reihe interessanterweise weniger klar strukturiert, als es zunächst wirkt. Studio-intern hat sich Supermassive im Vorfeld des Directive-8020-Release explizit von der strikten „Staffel“- und Acht-Spiele-Planung gelöst: Der ausführende Produzent Dan McDonald bestätigte im April 2026, dass sich die ursprüngliche Roadmap verändert habe und jedes künftige Spiel primär als eigenständiger Titel funktionieren solle, unabhängig von einer festen Gesamtzahl.

Trotzdem kursieren bereits vier weitere Markennamen, die Supermassive sich schützen ließ, noch bevor Directive 8020 überhaupt erschienen war: The Craven Man, O Death, Intercession und Winterfold. Offiziell bestätigt als tatsächlich in Produktion befindliche Spiele sind diese vier Titel bislang nicht – es handelt sich um Markenanmeldungen, aus denen sich lediglich thematische Rückschlüsse ziehen lassen. Anhand der zugehörigen Logos wird unter anderem Folk-Horror im Stil von Midsommar (The Craven Man), eine mögliche Meta-Episode rund um die Erzählerfigur The Curator (O Death) sowie religiös grundierter Besessenheits-Horror (Intercession) vermutet. Ob und in welcher Reihenfolge diese Marken tatsächlich zu Spielen werden, bleibt bislang offen.

Bei gamefinity getestet

Da das gesamte Studio-Portfolio bei gamefinity im Test war, hier die Übersicht auf einen Blick: Until Dawn (Original und Remake), The Inpatient, Man of Medan, Little Hope, House of Ashes, The Devil in Me, The Quarry, The Casting of Frank Stone sowie das aktuelle Directive 8020.

Fazit

Supermassive Games hat sich innerhalb von rund 15 Jahren von einem austauschbaren Move-Auftragsentwickler zum wohl bekanntesten Namen des interaktiven Horrors entwickelt. Der Weg dorthin war weder geradlinig noch frei von Rückschlägen – von der eingestellten Doctor-Who-Trilogie über den Führungswechsel 2024 bis zu den Stellenstreichungen im selben Jahr. Trotzdem hat kaum ein anderes Studio das Genre so konsequent geprägt und so zuverlässig weiterentwickelt, wie es Supermassive mit Until Dawn, The Dark Pictures Anthology, The Quarry und zuletzt Directive 8020 vorgemacht hat. Ob unter Nordisk Film künftig neue Marken oder weitere Crossover-Experimente folgen, dürfte spannend zu beobachten bleiben.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer hat Supermassive Games gegründet?

Supermassive Games wurde 2008 von den Brüdern Pete und Joe Samuels im britischen Guildford gegründet. Beide zogen sich 2024 aus ihren operativen Rollen zurück.

Welches war das erste große Horror-Spiel von Supermassive Games?

Until Dawn aus dem Jahr 2015 gilt als Durchbruch des Studios und legte mit dem Butterfly-Effect-System den Grundstein für die spätere Ausrichtung auf interaktiven Horror.

Gehört Supermassive Games zu einem größeren Konzern?

Ja. Seit 2022 gehört das Studio zum skandinavischen Medienkonzern Nordisk Film.

Was ist The Dark Pictures Anthology?

Eine Reihe eigenständiger Horror-Spiele von Supermassive Games, veröffentlicht über Bandai Namco Entertainment. Bislang erschienen Man of Medan, Little Hope, House of Ashes, The Devil in Me und Directive 8020.

Ist The Quarry Teil der Dark Pictures Anthology?

Nein. The Quarry ist ein eigenständiger Vollpreistitel außerhalb der Anthologie-Reihe und gilt als spiritueller Nachfolger von Until Dawn.

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